Vom Schulleiter zum VCS-Präsidenten

Der 61-jährige Ruedi Blumer sieht es als Vorteil, dass er nicht im Nationalrat sitzt. Er habe so mehr Zeit für den Verkehrs-Club.

«Ökologische Mobilität wird mit dem Umsteigen vom Auto aufs Velo erreicht», sagt Ruedi Blumer.

«Ökologische Mobilität wird mit dem Umsteigen vom Auto aufs Velo erreicht», sagt Ruedi Blumer. Bild: Eva Olibet

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In den letzten 15 Jahren wurde der Verkehrs-Club der Schweiz (VCS) von zwei Berner Frauen geführt, die im Nationalrat sassen und dort die Interessen des Umweltverbandes einbringen konnten. Nun übernimmt mit dem St. Galler Ruedi Blumer ein Mann, der nicht im eidgenössischen Parlament sitzt. Blumer wurde am Wochenende seinem Konkurrenten, dem grünen Nationalrat Michael Töngi (LU), vorgezogen.

Die Wahl fiel mit 41 zu 38 Stimmen knapp aus. Blumers Vorteil war, dass er seit vier Jahren dem VCS-Zentralvorstand angehört und in dieser Zeit an der Reorganisation des Sekretariats in Bern mitgearbeitet hat. Im Gegensatz zu Töngi konnte sich Blumer in den 23 Kantonalsektionen bereits bekannt machen.

Der 61-jährige Blumer sieht es sogar als Vorteil, dass der VCS von jemandem geleitet wird, der kein Nationalratsmandat hat. Evi Allemann und Franziska Teuscher, seine beiden Vorgängerinnen, seien durch das politische Amt stark absorbiert gewesen, sagt er. Blumer dagegen wird sich von Beginn weg voll für seine neue Aufgabe einsetzen können. Ende Juli wird er als Schulleiter im st. gallischen Wil frühpensioniert. Bereits im Januar, als das VCS-Präsidium noch nicht vakant war, hatte er sich entschieden, die Leitung der Primarschule aufzugeben.

Der VCS-Zentralvorstandes ist mit drei Mitgliedern im Nationalrat vertreten.

Wie Evi Allemann, die im März in die Berner Kantonsregierung gewählt wurde, gehört auch Blumer der SP an. Für diese sitzt der gebürtige Glarner im St. Galler Kantonsparlament. Der Grüne Töngi empfahl sich den VCS-Delegierten mit seinem politischen Netzwerk, das er als Mitglied der nationalrätlichen Verkehrskommission habe. Doch Blumer sieht den VCS auch so genügend im eidgenössischen Parlament vertreten. Drei Mitglieder des VCS-Zentralvorstandes sässen im Nationalrat und könnten die Interessen des Verkehrs-Clubs einbringen, darunter der unterlegene Töngi, der neu in den Vorstand gewählt wurde.

Vor allem während der Präsidiumszeit der Grünen Franziska Teuscher von 2003 bis 2013 handelte sich der VCS von bürgerlicher Seite den Vorwurf ein, ein Verhinderer-Club zu sein. Anlass waren Beschwerden gegen Bauprojekte wie etwa den Stadionneubau in Zürich und gegen Verkehrswege. Der Streit gipfelte in einer Volksinitiative der FDP zur Abschaffung des Verbandsbeschwerderechtes, die jedoch vom Volk im November 2008 wuchtig verworfen wurde.

«Die Zeit arbeitet für uns»

Der Kampf gegen neue Strassen und die Förderung des Velo- und Langsamverkehrs sind weiter Prioritäten des VCS. Blumer glaubt, dass viele Entwicklungen dem VCS recht geben: «Die Zeit arbeitet für uns.» Orte, an denen der VCS mit Beschwerden eine Reduktion der Parkplätze erreichte, würden heute vorwiegend mit dem öffentlichen Verkehr besucht. Als Beispiel nennt er die Fussball- und Shopping-Arena in St. Gallen: Ein grosser Teil der Zuschauer und Kunden reise mit dem Bus an.

Auch Tempo-30-Zonen sind in den Städten immer häufiger, obwohl der VCS 2001 mit seiner Tempo-30-Initiative in der Volksabstimmung gescheitert war. Insbesondere in den rot-grün regierten Städten gilt immer häufiger Tempo 30. Die Stadt Bern etwa will auf allen Strassen diese Limite einführen, auch auf Hauptverkehrsachsen. Der neue VCS-Präsident sieht darin die Politik seines Verbandes bestätigt. Der Lärmschutz und die Verkehrssicherheit brächten die Gemeinden dazu, vermehrt auf Langsamverkehr und Tempo 30 zu setzen.

Ein weiteres Erfolgsprojekt sieht Blumer im Bundesbeschluss Velo, über den das Volk am 23. September abstimmt. Es handelt sich um einen direkten Gegenvorschlag zur Velo-Initiative, an der der VCS massgeblich beteiligt war. «Ökologische Mobilität wird nicht mit dem Wechsel vom Dieselfahrzeug zum Tesla, sondern mit dem Umsteigen vom Auto aufs Velo erreicht», sagt Blumer. Dem Prinzip, das Auto möglichst wenig zu gebrauchen, werde in seiner Familie nachgelebt. Den gemeinsamen Kleinwagen würden er, seine Frau und die drei Töchter insgesamt nur ein- bis zweimal pro Woche gebrauchen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 24.06.2018, 20:30 Uhr

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