Mutter entführt ihre Töchter aus der Schweiz ins Kalifat

Eine Frau aus der Romandie hat ihre Kinder in IS-Gebiet verschleppt. Der Fall bringt den Bundesrat in die Bredouille.

Familien von IS-Kämpfern fliehen aus der umkämpften Stadt Baghuz. In einem Video, das eine solche Szene zeigt, entdeckte der Vater seine Tochter. Foto: Dukas

Familien von IS-Kämpfern fliehen aus der umkämpften Stadt Baghuz. In einem Video, das eine solche Szene zeigt, entdeckte der Vater seine Tochter. Foto: Dukas

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Auf der Torte brennen fünf Kerzen, daneben stehen zwei gerahmte Fotos. Sie zeigen Geburtstagskind Kamar*, einmal als Baby, einmal als Wuschelkopf im ­Alter von vier Jahren. Erwartungsvoll blickt das Mädchen in die Kamera.

Diese Geburtstagsfeier fand vor zwei Jahren statt, auf der Schweizer Seite des Genfersees. Aber Kamar nahm nur auf den Fotos daran teil. Sieben Monate zuvor war sie von ihrer Mutter entführt worden, nach Syrien, zur Terrorgruppe Islamischer Staat.

Kurz nach dem Verschwinden ging der Vater Ende August 2016 zur Polizei und gab eine Vermisstenanzeige auf. Doch es war zu spät, die Behörden konnten nicht mehr viel tun. Ausser festzustellen, dass sich das Handy der Mutter zuerst in Italien, dann in Griechenland und zuletzt in der Türkei ins Netz eingeloggt hatte. Danach verlor sich die Spur. Der Vater zeigte die Mutter wegen Kindesentführung an. Ein Westschweizer Gericht sprach ihm das alleinige Sorgerecht zu. Doch seine Tochter war verschwunden. Bis heute schwankt der Vater zwischen Verzweiflung und Wut.

Tochter musste Vater anlügen

Kamars Mutter Sahila F.* war zum Zeitpunkt ihrer Entscheidung erst 27 Jahre alt. Die Bürgerin einer kleinen Waadtländer Gemeinde hatte noch ein zweites, älteres Mädchen, das sie ebenfalls zum IS mitnahm. Die heute 12-jährige Malika* hat einen anderen Vater als die fünf Jahre jüngere Kamar.

Malikas Vater, der schon lange von Sahila geschieden ist, war noch im Sommer 2016 mit seiner Tochter in die Ferien gefahren. Nach der Rückkehr brachte er sie zur Mutter, die angab, sie werde mit Malika und Kamar eine Woche in Marseille verbringen. Eine Lüge. Wie sich später herausstellte, hatte Sahila ihr Verschwinden gut geplant. Sie hortete Geld, unter anderem von der Sozialhilfe. Zudem soll sie ihrem Vater einen grösseren Betrag gestohlen haben. Sahila legte falsche Fährten, als sie mit den beiden Mädchen nach Italien fuhr und die beiden Väter ahnungslos zurückliess.

Einen Tag nach der Abreise durfte Malika mit ihrem Papa telefonieren, unter Sahilas Aufsicht. Malika musste sagen, dass sie in Marseille seien und am kommenden Freitag in die Romandie zurückkämen. Später fand die Polizei heraus, dass dieses Telefongespräch von Italien aus geführt wurde. Als der Vater nach der angekündigten Rückkehr anrief, um sich nach Malika zu erkundigen, konnte er niemanden mehr erreichen. Und so blieb das, monatelang.

Ständig auf Facebook

Malikas Vater sitzt im Café eines Westschweizer Einkaufszentrums und bestellt einen Minzentee. Auf seinem Handy öffnet er Facebook und zeigt auf die vielen arabischen Profile, die er jeden Morgen durchforstet – in der Hoffnung, etwas über das Schicksal seiner Tochter zu erfahren. Genauestens verfolgt er, wenn die kurdisch-arabischen Syrian Democratic Forces (SDF) Jihadisten oder deren Familienangehörige gefangen nehmen; wenn es Kämpfern und Zivilisten gelingt, die heftig umkämpfte letzte IS-Bastion in Baghuz an der syrisch-irakischen Grenze zu verlassen. Tausende Menschen haben sich dort in den letzten Wochen den SDF ergeben.

«Seit drei Jahren lasse ich das Handy auch nachts immer eingeschaltet. Für den Fall, dass sie anruft», erzählt Malikas Vater. Das erste Lebenszeichen aus Syrien kam im April 2017, acht Monate nach der Entführung. Vater und Mutter schrieben sich auf Whatsapp. Einmal durfte Malika eine Sprachnachricht hinterlassen. Der 39-Jährige spielt sie auf seinem Telefon ab: «Papa, wie gehts dir?», fragt Malika auf Französisch.

Die letzten Chatnachrichten datieren von Juni 2018. Seither ist der Kontakt abgebrochen, der Vater konnte nicht sicher sein, ob seine Tochter noch lebte. Doch er gab die Hoffnung nicht auf. Von früheren Nachrichten wusste er, dass sich Malika zuletzt in der belagerten Hochburg des IS nahe der syrisch-irakischen Grenze aufgehalten hatte. Jeden Morgen sah er sich die aktuellen Bilder und Videos aus der Umgebung von Baghuz an. Er hoffte auf ein Lebenszeichen der entführten Mädchen. Und er ging davon aus, dass die Schweizer Behörden ebenfalls alles taten, um die Kinder zu lokalisieren.

Sahila hatte ihr Verschwinden gut geplant. Sie hortete Geld, unter anderem von der Sozialhilfe.

Nach der Entführung haben Bundeskriminalpolizei (BKP) und Bundesanwaltschaft das Strafverfahren gegen ­Sahila F. übernommen, das der Wohnkanton eröffnet hatte. Die Bundesanwaltschaft verhörte auch Malikas Vater. «Ich habe den Behörden alles erzählt, was ich herausfinden konnte. Ich habe ihnen mein volles Vertrauen geschenkt», sagt er. Am Schluss der Einvernahme erklärte die für die Terrorismusbekämpfung zuständige Staatsanwältin, dass er über sämtliche Entwicklungen auf dem Laufenden gehalten werde.

Doch das waren offenbar leere Worte. Die Informationen flossen nur in eine Richtung. Die Väter fühlen sich vom Staat im Stich gelassen. Die Schweiz wäre für die Mädchen zuständig, da beide Schweizerinnen sind.

Plötzlich diese bekannten Augen

So sind es nicht die Ermittler in Bern, die Malikas jüngstes Lebenszeichen entdecken. «Auf einer arabischen Facebook-Seite bin ich vor ein paar Wochen auf ein Video gestossen», erzählt Malikas Vater und spielt die kurze Sequenz ab. Man sieht eine Gruppe Frauen in schwarzen Niqabs mit einer Horde Kinder, die aus Autobussen und einem gepanzerten Fahrzeug der SDF aussteigen, irgendwo in der Halbwüste ausserhalb von Baghuz. Es sind Angehörige von IS-Kämpfern, die eben erst evakuiert wurden und sich nun in Gewahrsam der SDF befinden.

Dann sieht man ein Mädchen, es sitzt in einem Rollstuhl, das Gesicht bis auf die Augen durch einen schwarzen Schleier verdeckt. 3100 Kilometer entfernt, ist der Vater wie elektrisiert. Sofort erkennt er seine Tochter. «Das sind eindeutig Malikas Augen», sagt er. Gleichzeitig sorgt er sich, dass sie verletzt oder gar körperlich behindert sein könnte. Das Mädchen spricht Arabisch. Es ist Malikas Stimme, auch die Gestik stimmt. «Wenn sie nervös ist, spielt sie so mit ihren Fingern.» Was Malika erzählt, bestätigt, dass sie eines der entführten Mädchen aus der Romandie ist: «Von der Schweiz gingen wir nach Italien, dann von Griechenland über die Türkei nach Syrien.»

Die Tonspur bricht kurz ab, danach beschreibt Malika, wie sie von Khan Sheikhoun in der syrischen Provinz Idlib ins Kalifat reiste, wo sie ungefähr zwei Jahre blieb. Der Reiseweg via Italien und Griechenland entspricht exakt den Handydaten, welche die Polizei ermittelt hat. Dass das Trio zuerst nach Khan Sheikhoun fuhr, das von al-Qaida und anderen Erzfeinden des IS kontrolliert wurde, und es am Ende dennoch nach Raqqa schaffte, belegt für Eingeweihte, dass Sahila F. gut vernetzt war und offenbar auf Hilfe von höherer Stelle innerhalb des IS zählen konnte.

In Genf radikalisiert

Der Betreiber der Facebook-Seite, auf der das Video veröffentlicht wurde, erklärte später in einem Interview, dass Sahila F. in Syrien erneut heiraten wollte. Beim neuen Ehemann handelte es sich um einen bekannten Genfer Jihadisten mit tunesischen Wurzeln, der in der Propagandaabteilung des IS Medienmitteilungen aus dem Arabischen ins Französische übersetzt haben soll.

Dieser Mann, der schon 2015 ins syrisch-irakische Konfliktgebiet reiste, gehörte zu einer Gruppe von Islamisten, die sich unter anderem in der Grossen Moschee in Genf und in einem Einfamilienhaus im benachbarten Prévessin-Moëns, gleich jenseits der französischen Grenze, getroffen hatte. Sahila F. hatte sich in wenigen Monaten radikalisiert. Malika erzählte ihrem Vater einmal, ihre Mutter habe sich mit verschleierten Frauen in Frankreich verabredet. Dies lässt vermuten, dass sich Sahila F. im Umfeld der Genfer Islamistenzelle ­bewegte.

Tödliche Drohnen verschonen Frauen

Im April 2018 schrieb Sahila F. ihrem Ex-Mann, Malikas Vater, dass der Tunesier aus Genf bei einem Drohnenangriff ums Leben gekommen sei. Die Drohnen würden die Kämpfer töten und die Frauen verschonen. Zu diesem Zeitpunkt hatte die Waadtländerin schon ein drittes Mädchen geboren, die Tochter des eben erst umgekommenen Genfer Jihadisten. Auch dieses Baby hat die Schweizer Staatsangehörigkeit.

Im Video, in dem Malika spricht, schwenkt die Kamera kurz auf ein Mädchen, das stark der jetzt siebenjährigen Kamar aus der Romandie gleicht. Daneben kauert eine Frau im schwarzen Niqab, mit einem Säugling im Arm. Es könnte sich um Sahila F. und das Baby des Genfer Jihadisten handeln. Auf Fragen dazu antwortet die Bundesanwaltschaft nur, dass sie gegen Sahila F. ein inzwischen sistiertes Strafverfahren geführt hat. Die zwei Väter in der Romandie hoffen, dass Bern ihre entführten Töchter nicht vergessen wird.

* Namen geändert

Erstellt: 07.03.2019, 06:58 Uhr

Der Ball liegt jetzt beim Bundesrat

Am Freitag will der Bundesrat darüber diskutieren, wie die Schweiz mit in Syrien gefangen gehaltenen Schweizer Jihadisten und deren Angehörigen verfahren soll. Bisher war gesichert, dass dazu ein Lausanner Paar und dessen in Syrien geborene kleine Tochter gehören. Neu kommt ein zum IS entführtes Westschweizer Mädchen hinzu, möglicherweise auch seine Mutter und zwei Halbschwestern. Justizministerin Karin Keller-Sutter hat ursprünglich eine harte Haltung signalisiert. Ob die Verweigerung der Rückführung auch für unschuldige Entführungsopfer gelten soll, ist aber noch ungewiss. (K.P.)

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