Von Graffenried, der Fünfte

Der Grüne Alec von Graffenried lässt sich nicht gern in Schubladen stecken. Nun möchte er Stadtpräsident von Bern werden – wie einige seiner Vorfahren.

«Ich verstehe mich nicht als Politiker»: Stapi-Kandidat Alec von Graffenried (Grüne) in der Berner Villa Stucki. Foto: Adrian Moser

«Ich verstehe mich nicht als Politiker»: Stapi-Kandidat Alec von Graffenried (Grüne) in der Berner Villa Stucki. Foto: Adrian Moser

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Alec von Graffenried hat einen wunden Fuss. Seit sich seine Sachbearbeiterin verletzt hat, muss er seine Dokumente selbst ausdrucken. Heute streikte das Gerät. Da trat von Graffenried gegen den Türrahmen. Mit voller Kraft.

Jetzt sitzt er da, in der herrschaftlichen Villa Stucki in Bern, erbaut Ende des 19. Jahrhunderts von der Patrizierfamilie von May. Alec von Graffenried, auch er ein Angehöriger des historischen Berner Stadtadels, hat die Beine übereinandergeschlagen und mustert seinen linken Fuss. Zehrt der seit Monaten dauernde Wahlkampf an seinen Kräften? «An Tagen wie heute schon», sagt von Graffenried.

Er ist angespannt. Gleich tritt er bei den Grünliberalen auf. Die Partei hat sich in der Villa Stucki versammelt, um zu entscheiden, wen sie im zweiten Wahlgang für das Stadtpräsidium unterstützt. Ursula Wyss (43), Ex-Fraktionschefin der SP im Bundeshaus und seit vier Jahren Tiefbaudirektorin der Stadt Bern. Oder eben ihn, den 54-jährigen Alt-Nationalrat und stadtpolitischen Quereinsteiger, der im ersten Wahlgang alle überflügelte, bestes Ergebnis beim Gemeinderat, höchste Stimmenzahl beim Stadtpräsidium. Im Grunde sollte der GLP-Auftritt ein Heimspiel sein für ihn, der im Nationalrat oft rechts von seiner grünen Fraktion politisierte und offen mit den Grünliberalen liebäugelte. Aber eben: der Schmerz, die Nervosität.

Als es in der Villa Stucki «Alec!» ruft, setzt von Graffenried seinen linken Fuss aufs Parkett und richtet sich bedächtig auf. Es steht viel auf dem Spiel. Will er die linke Hausmacht von Wyss schlagen, braucht er am 15. Januar die Stimmen der Mitte. Jene der Grünliberalen sowieso.

Seine Wahl wäre ein historisches Ereignis. Seit 1993 behauptet die SP das Stadtpräsidium für sich. Seit 1937 war kein gebürtiger Bernburger mehr Oberhaupt der Bundesstadt. Und nach exakt 302 Jahren stünde erstmals wieder ein von Graffenried an der Spitze.

Vier waren vor ihm da. Abraham, Anton (I.), Anton (II.) und Emanuel. Das war zwischen 1590 und 1715, als das Amt noch «Schultheiss zu Bern» hiess und die Familie von Graffenried ihre Blütephase hatte. Ihre Geschichte allerdings reicht noch viel weiter zurück. Um das Jahr 1300 herum erwirbt sie das Burgerrecht in Bern. Sie heiratet geschickt, kommt durch Salzhandel zu Vermögen und erweitert die Geschäftstätigkeit schon früh auf eine andere Ware: Söldner. Dabei nimmt man es zumindest mit dem ersten Teil des familiären Leitmotivs – tue recht, fürchte niemanden – nicht so genau.

Skandale ohne Folgen

Stammvater Niklaus von Graffenried (ca. 1468–1557), auf den alle heute lebenden von Graffenrieds zurückgehen, wird zwischen 1500 und 1533 dreimal seiner Berner Ämter enthoben. Zweimal, weil er Frankreich mit Reisläufern versorgte – entgegen der offiziellen antifranzösischen Politik Berns. Einmal, weil er sich vom Grafen Johannes II. von Greyerz bestechen lässt (wobei Niklaus von Graffenried die Schuld von sich weist – seine Ehefrau habe das Geld angenommen).

Die Skandale bleiben folgenlos. Niklaus von Graffenried kehrt nach jeder Affäre in die Politik zurück. Nebenbei schafft er die wirtschaftlichen und sozialen Voraussetzungen für die Schultheissen-Phase zwischen 1590 und 1715.

Alte Geschichten? Nicht wirklich. Die Burgergemeinde, der die «regimentsfähigen» Familien des alten Bern angehören, übt bis heute diskret Einfluss auf die Stadtpolitik aus. Auch die Familienbande der von Graffenrieds haben die Zeit überdauert. Es gibt sogar noch eine «Familienkiste». Einen unteilbaren Fonds, 1723 mit 22 000 Bernpfund geäufnet, der den Zusammenhalt der von Graffenrieds stärken soll. Ursprünglich diente die Familienkiste der Unterstützung von ärmeren Verwandten. Heute werden daraus nur noch die «immer beliebter werdenden Familienanlässe und die Pflege des Archivs» finanziert, wie es in der Familiengeschichte heisst.

Und wie bei Stammvater Niklaus gibt es auch beim Stapi-Kandidaten Alec von Graffenried Zweifel an dessen politisch-moralischer Festigkeit: Mit seiner Kandidatur gegen Ursula Wyss hat er sich den Vorwurf eingehandelt, ein Frauenverhinderer zu sein. Die WOZ thematisierte jüngst seine Tätigkeit als Nachhaltigkeitsmanager beim Bauunternehmen Losinger Marazzi AG: «Ein Baulobbyist will Berner Stadtpräsident werden.» Vor wenigen Tagen wurde bekannt, dass von Graffenried über sein Netzwerk Druck auf eine freisinnige Politikerin ausübte, die Ursula Wyss unterstützt.

Doch auch wenn Alec von Graffenried ein Hauch von Ancien Régime umweht, seine Biografie erzählt eine andere Geschichte. Er wächst in einfachen Verhältnissen im Berner Länggass-Quartier auf. Als er 9 Jahre alt ist, stirbt sein Vater. Mit 21 verliert er seine Mutter. Das Jusstudium finanziert er mit Nebenjobs. Füllt Migros-Regale auf. Serviert in einer Milieubeiz. Fährt als Amag-Chauffeur Ersatzteile durch den Kanton. Schreibt Meldungen für Radio Extra Bern. In der Freizeit bewegt er sich in der linken Szene, nicht als Wortführer, eher als interessierter Beobachter. Als die Jugend im Sommer 1985 das Berner Gaswerkareal stürmt und das «Freie Land Zaffaraya» ausruft, ist von Graffenried zwischen Thun und Bern unterwegs. Im Gummiboot.

Die Last der Verwandtschaft

In jenen Jahren ist auch sein Verhältnis zum von Graffenried-Clan gespalten. Weil er immer wieder auf den Berner Baulöwen und Medienunternehmer Charles von Graffenried (†2012) angesprochen wird, lässt er das «von» in seinem Namen weg. «Es war lästig. Immer sagen zu müssen: Nein, ich bin nicht sein Sohn», erklärt er. Die Verwandtschaft sei genetisch ohnehin nicht nachweisbar. Im Stammbaum trenne sich die Linie etwa 1830. «Ich wollte einfach nicht immer in diese Schublade gesteckt werden.» Mit 30 Jahren versöhnt er sich mit seiner Abstammung, schreibt sich ins Buch der Familienkiste ein. Das Problem mit den Schubladen aber bleibt.

Als von Graffenried, inzwischen Anwalt, 2000 in die Politik einsteigt, tut er es explizit als «Unabhängiger» bei der Grünen Freien Liste, einem Berner Eigengewächs mit moderaten Positionen. Für den Wahlkampf formuliert er kein politisches Programm. Stattdessen setzt er sich jeden Samstag von 12 bis 14 Uhr ins Café Kornhaus und redet mit den Besuchern.

Noch heute lässt er sich politisch nur schwer einordnen. Unaufgefordert sagt er Sätze wie: «Ich verstehe mich nicht als Politiker. Ich bin einfach politisch interessiert.» Galt er im Nationalrat als wirtschaftsliberaler Grüner, positioniert er sich im laufenden Wahlkampf klar links. Die Frage, ob die hohen Steuern in Bern sinken sollten, beantwortet er mit einem dreiminütigen Referat. Die Kurzfassung: je nachdem. Und wer ihn auf einem Podium mit Ursula Wyss beobachtet, der ertappt sich beim Gedanken, dass sich da ein eingespieltes Duo für eine Doppelspitze bewirbt. Statt eines Streitgesprächs gibt es eine Konzeptsitzung von Gleichgesinnten. Mehr Velos. Mehr Wohnbau. Mehr Kita-Plätze. Ja zur Reitschule. Nein zur Gewalt. «In den politischen Positionen mögen wir uns zum Verwechseln ähnlich sein», räumt von Graffenried ein. Sie würden sich aber darin unterscheiden, wie sie Fragen angingen. «Es geht um eine Persönlichkeitswahl.»

Seine Botschaft, das ist er selbst. Ein Berner «Giel». Der alle kennt. Es mit allen kann. Davon zeugen auch seine lebensgefühligen Slogans: «Dy Stapi», «Zäme geits», «Schryb Gschicht». Seit dem Erfolg im ersten Wahlgang fallen sie noch etwas euphorischer aus. Der 15. Januar 2017 ist jetzt der «Alection Day». Anfang Monat platzierte von Graffenried ein Inserat in der Lokalpresse: «Yes we Bärn!» Ein Obama-Gefühl an der Aareschlaufe.

Doch was bei vielen Wählern gut ankommt, weckt bei manchen Politikern Misstrauen. Einige Stunden nach seinem Auftritt bei den Grünliberalen erfährt von Graffenried, dass die GLP sich im zweiten Wahlgang für Ursula Wyss ausspricht. Inhaltlich stehe man dem männlichen Kandidaten zwar näher, sagt der GLP-Präsident der Presse. Aber es gehe halt um eine Persönlichkeitswahl.

Erstellt: 26.12.2016, 22:14 Uhr

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