VW-Skandal: Zahlensalat in der Schweiz

Sind 128'802 oder 180'000 Fahrzeuge betroffen? Die Angaben des Bundesamtes und der Amag widersprechen sich. Tagesanzeiger.ch/Newsnet rechnet nach.

Kommt das VW-Verkaufsverbot, müssten zahlreiche Autos auf ihren Parkplätzen stehen bleiben. Foto: Gaetan Bally (Keystone)

Kommt das VW-Verkaufsverbot, müssten zahlreiche Autos auf ihren Parkplätzen stehen bleiben. Foto: Gaetan Bally (Keystone)

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Das Chaos ist perfekt: Vergangenen Freitagabend kommunizierte das Bundesamt für Strassen (Astra), dass in der Schweiz rund 180'000 Fahrzeuge von der VW-Abgasmanipulation potenziell betroffen sein könnten. In der Sonntagspresse sagte der Amag-Chef Morten Hannesbro, dass die Zahl zu hoch sei. Ein Astra-Sprecher erklärte gleichentags Tagesanzeiger.ch/Newsnet, dass man an den 180'000 festhalten würde, da es sich nicht nur um Importe des offiziellen Schweizer VW-Vertriebspartners handeln würde. Vielmehr seien darin auch die Parallel- und Eigenimporte inbegriffen.

Heute Montagvormittag meldete sich der Verband freier Autohandel (VFAS). Er rechnet mit etwa 1000 Autos, die bei Schweizer Händlern unimmatrikuliert in den Garagen stehen. Diese Autos könnten durch den Entzug der Typengenehmigung praktisch nicht mehr verkauft werden, denn sie werden gar nicht mehr zugelassen. Der VFAS beziffert den Schaden, der den Händlern dadurch entsteht, auf «Millionen Franken». Und: Man prüfe «Schadenersatzforderungen gegenüber den Verantwortlichen», also gegenüber dem VW-Konzern.

Kunden sollen direkt informiert werden

Am Nachmittag veröffentlichte dann die Amag ihre Zahlen. «In der Schweiz sind 128'802 bereits in Verkehr gesetzte Fahrzeuge betroffen», dies habe eine interne Auswertung der Volkswagen AG ergeben. Aber kein Wort dazu, ob es sich nur um die von der Amag verkauften Modelle handelt oder auch um Parallel- und Eigenimporte. Das Astra wiederum schwieg den ganzen Tag und war für Medienanfragen nicht erreichbar. Dabei stellte es noch am Freitag die Veröffentlichung ihrer Verfügung bezüglich Verkaufsverbot und Rückrufaktion auf heute in Aussicht.

Auf Anfrage des «Tages-Anzeigers» stellt Amag-Sprecher Livio Piatti klar: «Ja, bei den 128'802 betroffenen Fahrzeugen handelt es sich um sämtliche in der Schweiz zugelassenen Fahrzeuge mit dem betroffenen Motortyp EA189.» Damit bleibt die Frage offen, ob das Astra weiterhin an seinen Berechnungen festhält. Wahrscheinlich wird das Bundesamt morgen Dienstag dazu Stellung beziehen. Ausserdem teilt die Amag auch erste Neuigkeiten zur Rückrufaktion mit: Mit dem Aktionsplan würden nun auch die betroffenen Kunden in einem ersten Schritt individuell informiert, dass das Abgasverhalten ihres Fahrzeugs nachgebessert werden müsse.

Wer ist betroffen?

Wer übrigens schon heute wissen will, ob sein Auto betroffen ist, kann dies selbst anhand der Motornummer (sie besteht aus drei Buchstaben und einer Zahl) oder der Identifikationsnummer im Kaufvertrag tun. Wie die Amag weiter mitteilte, würde man noch im Oktober der Astra anhand von Referenzfahrzeugen die technischen Lösungen und deren Umsetzbarkeit demonstrieren und genehmigen lassen. «Anschliessend werden die Kunden individuell über die technische Lösung zur Nachbesserung ihres Fahrzeugs informiert und Werkstatttermine vereinbart.»

Was auf den ersten Blick machbar erscheint, könnte sich aber in Wirklichkeit als grosse logistische und finanzielle Herausforderung herausstellen. VFAS-Präsident Roger Kunz rechnet damit, dass es mindestens ein halbes Jahr dauern wird, bis die betroffenen Fahrzeuge in der Schweiz nachgebessert seien. «Und selbst dies ist eine sportliche Vorgabe.» Schliesslich müsse jede der 300 VW-Garagen rund 600 Nachbesserungen vornehmen, wenn man von 180'000 Fahrzeugen ausgehe. Damit stellt sich auch die Frage, wann das von der Astra angekündigte Verkaufsverbot für die betroffenen Modelle aufgehoben wird.

Wie der «Tages-Anzeiger» heute Montag berichtete, würde das VW-Verkaufsverbot vor allem private Autobesitzer betreffen. So plant das Astra, die kantonalen Strassenverkehrsämter anzuweisen, dass die 180'000 Fahrzeuge «ab sofort» nicht mehr neu zugelassen werden dürfen. Konkret heisst das: Privatpersonen oder Gebrauchtwagenhändler, die eines dieser Modelle verkaufen wollen, können dies zwar weiterhin tun, aber der Käufer wird es nicht einlösen und fahren dürfen. Folglich sind die Autos praktisch unverkäuflich.

Erstellt: 28.09.2015, 17:48 Uhr

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