Wäre Parmelin Toni Brunner…

Guy Parmelin wird nicht als Romand kritisiert, wie welsche Medien und Politiker behaupten. Sondern als Bürger im Bundesrat.

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Minderheiten werden schneller laut, weil man sie auch schneller überhört. Und man kann sich darauf verlassen: Immer wenn die Romands sich untervertreten oder überhört fühlen, melden sich ihre Medien und Politiker. Und es fehlt nicht an Themen: Der Streit um das Frühfranzösisch gehört dazu, der blochersche Vorwurf eines mangelnden welschen Patriotismus, die Dominanz des Dialektes in Bundesbern, das häufige Überstimmtwerden bei Abstimmungen, eine zu wenig welsche Bundesratskandidatin, der Alkoholismusvorwurf gegenüber welschen Bundesräten, das Untergewicht der UNO-Weltstadt Genf in Bern, der Entscheid der damaligen Swissair, Genf als Standort abzuwerten, und weiteres mehr, was in den letzten Jahrzehnten passiert ist. Die Reaktion folgt jeweils bald, man hört sie klar, und das ist gut so.

«Welscher Nationalismus»

Manchmal erweist sich diese Reaktion als blosser Reflex. Ausgedrückt wird kein Unrecht, sondern Chauvinismus, und es geht nicht um Korrektur, sondern Populismus. Es gibt wenige Themen, bei denen sich welsche Politiker und Medien leichter einig werden als in ihrer Abneigung gegen die Deutschschweiz. Was jeweils heisst: eine Deutschschweiz, die ihnen übelwill.

Welsche Medien haben eine Tendenz, diese Reaktion aufzugreifen und auszuspielen. Als «nationalisme romand» hat der welsche Publizist Eric Hoesli auf dem Höhepunkt der Swissair-Kontroverse diese Tendenz kritisiert.

Eine Kaste wird verteidigt

In diesen Tagen lässt sich der welsche Opferreflex wieder einmal studieren, diesmal trägt er paranoide Züge. Die Deutschschweizer Kritik an SVP-Bundesrat Guy Parmelin sei nicht gegen sein Fehlverhalten gerichtet, hört man aus Sion, Lausanne, Genf oder Freiburg, sondern gegen seine Herkunft. Parmelin werde als Waadtländer verunglimpft, als welscher Bauernvertreter.

«Les Romands défendent Guy Parmelin en bloc» titelte gestern «Le Temps» über die Reaktion welscher Politiker. Um dann im Artikel einzuräumen, dass das mit dem Blockdenken nicht ganz stimme. Parmelin vertrete keine Region, sondern eine Kaste, wird die Waadtländerin Cesla Amarelle zitiert. Im ländlichen Kanton, dem Pays de Vaud, stellen die Bauern 4 Prozent der Bevölkerung.

Ein Rest von politischem Anstand

Und überhaupt: Würde Guy Parmelin jetzt Toni Brunner heissen und hätte als Bauernvertreter im Bundesrat einen Vorstoss forciert, von dem er oder seine Familie profitieren könnten, hätten ihn die Deutschschweizer Medien noch viel heftiger kritisiert. Das Parlament ist von Lobbyisten verseucht, und auch Bundesräte vertreten Partikularinteressen.

Bei einem Loyalitätskonflikt in den Ausstand zu treten, bedeutet nichts weiter, als einen letzten Rest von politischem Anstand zu wahren. Egal, in welcher Sprache man dann temporär den Mund hält.

Erstellt: 12.05.2016, 15:12 Uhr

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