Asylduell an der «Fight Night»

«The Right Hook» gegen «The Rambassador», Köppel gegen Guldimann – das war der Wortkampf zwischen SVP und SP.

Schlagabtausch in  Boxring-Kulisse: Roger Köppel (SVP, links) und Tim Guldimann (SP, rechts) gestern an der «Fight Night». Foto: Dominique Meienberg

Schlagabtausch in Boxring-Kulisse: Roger Köppel (SVP, links) und Tim Guldimann (SP, rechts) gestern an der «Fight Night». Foto: Dominique Meienberg

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«Fight Night» – so lautete der martialische Titel der gestrigen Abendveranstaltung im gut gefüllten Kaufleuten-Saal in Zürich. Was ganz im Stil eines Live-Schwergewichts-Boxkampfes wie im TV daherkam, war in Tat und Wahrheit eine von «20 Minuten» organisierte Politdiskussion zwischen SVP und SP. Auf der zu einem Boxring umfunktionierten Bühne traten Roger «The Right Hook» Köppel und «Tim The Rambassador» Guldimann, wie sie der Veranstalter angekündigt hatte, zu einem Rededuell an. Die beiden politischen Quereinsteiger, die am 18. Oktober den Sprung in den Nationalrat schaffen wollen, boten den Zuschauern einen engagierten, teilweise harten Schlagabtausch, in dessen Zentrum die Themen Flüchtlings- und Europapolitik standen.

Devise: «Vollgas geben»

Die «Fight Night» zwischen Köppel und Guldimann zeugte vom Versuch, mit Spektakel etwas mehr Schwung in den bisher eher flauen Wahlkampf im Kanton Zürich zu bringen – und damit auch jüngere Wähler für die Wahlen zu interessieren. Denn der Wahlkampf ist in seiner entscheidenden Phase angelangt. Noch etwas mehr als ein Monat bleibt den Parteien, um die Wählenden von ihrem Programm zu überzeugen. Für die Kandidatinnen und Kandidaten bedeutet dies Schwerstarbeit. Praktisch täglich sind sie unterwegs und pilgern von Podium zu Standaktion.

«Vollgas geben heisst die Devise», sagt Thomas Maier. Der Präsident der Grünliberalen weiss seit den für die GLP verunglückten kantonalen Wahlen vom Frühling: «Uns wird diesmal nichts mehr geschenkt, und wir müssen an noch mehr Stand- und Verteilaktionen, Podien und Grillabenden präsent sein.» Der eigene Ständeratskandidat Martin Bäumle geht dabei tapfer mit gutem Beispiel voran: Am letzten Samstag war er an nicht weniger als fünf Orten im Kanton an Aktionen präsent. Erstaunlicherweise, so Thomas Maier, kommen «Klassiker» wie Podien und Präsenz an Bahnhöfen immer noch am besten an.

Auch die FDP, laut Umfragen im Stimmungshoch, rüstet sich für die heisse Phase des Wahlkampfs. Dabei setzt man laut Parteipräsident Beat Walti auf die Themen Arbeitsplätze, offene Märkte, weniger Bürokratie sowie Forschung und Innovation. Grünen-Chefin Marionna Schlatter – sie erlebt den Wahlkampf als «ziemlich ruhig und themenfrei» – will im Endspurt mit den Inhalten Energiewende, Atomausstieg, soziale Gerechtigkeit und globale Gerechtigkeit im Umgang mit Migranten punkten.

Im Bann der Megatrends

«Mobilisieren, mobilisieren, mobilisieren», lautet das Motto bei der SP, wie Präsident Daniel Frei sagt. In Wahlkämpfen spielten Megatrends stets eine wichtige Rolle. Also weniger das, was die Parteien von sich aus an Themen hereinbringen, als das, was national und international läuft und die öffentliche Diskussion bestimmt. Beim aktuellen Wahlkampf ist dies laut Frei noch stärker der Fall als sonst: Die Flüchtlingsströme und die Frage nach der Zukunft von Europa wie die Griechenland- und Eurokrise oder das Verhältnis Schweiz - EU sowie die Masseneinwanderungsinitiative seien jene Themen, die politisch und emotional wichtig und dominant sind. Im Umkehrschluss heisse dies aber auch, dass die Parteien auf kantonaler Ebene wenig Spielraum haben, um daneben weitere Akzente zu setzen.

Laut Urs Lauffer, Ex-FDP-Kantonsrat und langjähriger Politbeobachter, könnte die gegenwärtige Flüchtlingstragödie gar zu einem bestimmenden Faktor bei den Wahlen werden. «Das ist ein Grossereignis wie seinerzeit das Reaktorunglück in Fukushima.» Die Macht der Bilder vom Flüchtlingsdrama auf dem Balkan werde Einfluss auf die Wählenden haben: «Das menschliche Leid ist nicht zu übersehen.» Nicht, dass alle Schweizer plötzlich zu Ausländerfreunden würden, nach wie vor gebe es Ängste. Aber, so Lauffer: «Das Stimmungsbild hat sich verändert, die unnachgiebige Haltung ist weniger ausgeprägt.» Vielerorts habe sich die Einsicht verbreitet, dass es die Schweiz bisher gar nicht so schlecht gemacht habe mit ihrer Asylpolitik. Das SVP-Schlagwort vom «Asylchaos» habe sich in der Schweiz bisher nicht bewahrheitet, sondern als Propaganda erwiesen.

Auch der Politologe Michael Hermann stellt wegen des Flüchtlingsdramas einen Meinungsumschwung in der öffentlichen Debatte fest. Dadurch sei es für die SVP schwieriger geworden, ihren Wahlkampf durchzuziehen. «Im öffentlichen Diskurs ist sie derzeit in der Defensive.» Hermann ist aber skeptisch, ob im SVP-Wählersegment wirklich ein Meinungsumschwung in der Migrationsfrage stattfinden werde. «Wenn in der Mitte der Gesellschaft die Stimmung kippt, heisst das noch lange nicht, dass die SVP Stimmen einbüsst.» Laut dem Politologen und Politberater Louis Perron hat die öffentliche Stimmung in der Asylfrage «etwas gekehrt». Zwar verfüge die SVP wie schon in früheren Wahlkämpfen als einzige Partei über ein eigentliches Drehbuch, um in den Medien Themen zu setzen wie etwa die Asylfrage. Jetzt sei aber auf einmal mehr von Solidarität und Helfen die Rede als von Asylchaos. «Wie sich das auf die SVP auswirken wird, ist völlig ungewiss», so Perron.

SVP: «Portion Scheinheiligkeit»

SVP-Präsident Alfred Heer gibt sich unbeeindruckt. Dass die Flüchtlingskrise zu einem Stimmungsumschwung bei den Wählern führen und das Wahlergebnis im Oktober gross beeinflussen werde, glaubt er nicht. «Es ist himmeltraurig, was mit den Flüchtlingen auf dem Balkan abläuft, aber man sollte die Ereignisse nicht für politische Zwecke instrumentalisieren, sondern einen klaren Kopf bewahren.» Weil die SVP in der Ausländerfrage stets eine klare Haltung eingenommen habe, erhalte sie jetzt Prügel von jenen Kreisen und Medien, die sich in der Flüchtlingsfrage als Gutmenschen profilieren wollten. Da sei auch ein gewisse Portion Scheinheiligkeit dabei. «Man muss sich fragen, ob es diesen Kreisen wirklich um die Flüchtlinge geht oder eher darum, der SVP im Hinblick auf die Wahlen eins auszuwischen.» Heer kündigt an: «Die SVP wird sich auch künftig nicht scheuen, die Ausländerproblematik anzusprechen.» Die aktuellen Ereignisse zeigten vor allem eines: dass das Schengen-Dublin-Abkommen im Asylbereich nicht funktioniere. Und das habe die SVP schon immer gesagt.



Die Schlacht um Marignano: Der Streit, die Fakten, das Game.
Das grosse Multimedia-Spezial. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 09.09.2015, 00:13 Uhr

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Ständeratskandidaten

Von «Teflon» und Talenten

Zürich – Wer von den Zürcher Ständeratskandidaten schlägt sich im Wahlkampf bisher am besten, wer fällt mit seiner Kampagne besonders auf? Für den Kommunikationsexperten Marcus Knill konnte Daniel Jositsch (SP) bei allen Auftritten punkten. Ruedi Noser (FDP) gebe sich moderat und argumentiere politisch geschickt. «Er hat dadurch recht grosse Chancen, gewählt zu werden», so Knill. Bastien Girod (Grüne) könnte als glaubwürdiger Politiker besonders punkten, seine Hypothek sei möglicherweise seine Partei. Hans-Ueli Vogt (SVP) ist für die meisten eine unbekannte Figur, meint Knill. Die Grünliberalen stünden mit dem rhetorisch gewandten Martin Bäumle nach den Niederlagen eher mit dem Rücken zur Wand. Die beiden Ständeratskandidatinnen Barbara Schmid-Federer (CVP) und Maja Ingold (EVP) haben laut Knill bisher kaum Spuren hinterlassen.

Gewohnt pointiert fällt die Einschätzung des Kommunikationsexperten Klaus J. Stöhlker aus. «Daniel Jositsch hat einen guten Auftritt, ruhig und überlegen. Hans-Ueli Vogt ist schwer zu greifen; die Werbung ist besser, als es der Kandidat ist. Ruedi Noser ist Teflon und bleibt marketinggetrieben.» Auch zu Nationalratskandidat Roger Köppel hat Stöhlker seine Meinung: «Er ist zweifellos ein politisches Talent, aber weder die SVP noch andere vermögen ihn zu fassen. Da es ihm in der Zürcher SVP an Unterstützung fehlt – einmal abgesehen von Christoph Blocher–, werden die Swing-­Wähler über sein politisches Schicksal entscheiden.» (mth)

Facebook und Twitter

Soziale Medien immer wichtiger

Zürich – Facebook, Twitter und Co. sind als Instrument der politischen Kommunikation weiter auf dem Vormarsch. «Sie werden stärker bespielt, und man kann mehr Leute damit erreichen als in vergangenen Wahlkämpfen, aber sie sind nicht wahlentscheidend.» So lautet das Fazit von Ulrike Klinger vom Institut für Publizistikwissenschaft und Medienforschung der Universität Zürich (IPMZ). Sie erforscht, wie Schweizer Parteien die sozialen Medien nutzen. In der Schweiz sind die Social-Media-Nutzerzahlen seit den letzten Wahlen weiter gestiegen, wenn auch nicht drastisch: 2011 hatte die SP 4500 Facebook-Freunde, heute sind es etwa 9700. Stark aufgeholt hat die SVP, von 2400 Freunden 2011 auf nunmehr 12 000, was etwa 0,23 Prozent der Schweizer Wahlberechtigten entspricht.

Bei Twitter bekommen die SP (knapp 20 000 Follower) und die GLP (gut 12 000 Follower) am meisten Resonanz. Bisher sieht es laut Klinger zumeist so aus, dass Social Media einfach als ein weiterer Informationskanal bespielt werden – bei den Auftritten der Parteien und Kandidaten gebe es kaum Interaktion oder Dialog. Das Potenzial dieser Medien werde bei weitem nicht ausgeschöpft.

Ein weiterer Befund des IPMZ: Fast zwei Drittel der Schweizer sind an Politik interessiert, und fast 80 Prozent der politisch interessierten Internetnutzer suchen ­Politinfos auch online. Aber: Nur sehr wenige beteiligen sich online an Diskussionen. Ein Grund: Ein Grossteil der Schweizer glaubt, dass es nicht sicher ist, im Internet zu sagen, was man über Politik denkt. (mth)

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