Waidmanns Heil und Unheil

Bei der Trophäenjagd im Wallis ist der zahlende Kunde der König. Der Grat zum Hörner-Fetisch und zur Angeberei in sozialen Medien ist schmal.

So wünscht man sich den Steinbock im Wallis: Stolz und unberührt in unberührter Natur. Foto: Alamy

So wünscht man sich den Steinbock im Wallis: Stolz und unberührt in unberührter Natur. Foto: Alamy

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In Namibia einen Elefanten, in Kanada einen Schwarzbären, in Kirgistan ein Marco-Polo-Schaf und in der Schweiz einen Steinbock. Trophäenjägern ist kein Weg zu weit, kein Berg zu steil, kein Preis zu hoch für ein spektakuläres Wildtier, mit dem sich prahlen lässt – entweder in der Trophäensammlung zu Hause oder vor den Augen der ganzen Welt auf Instagram und Facebook.

Als einziger Kanton in der Schweiz vergibt das Wallis Jägern aus dem Ausland Tagesbewilligungen, damit sie vor schönster Alpenkulisse Steinböcke erlegen können. Kostenpunkt: 6500 Franken vorab, der Rest je nach Hornlänge direkt bar an den Wildhüter. 110 Zentimeter schlagen dabei mit insgesamt 20'500 Franken zu Buche.

Diese Praxis ist seit Jahren gang und gäbe. Für Aufregung gesorgt hat nun ein Beitrag des Schweizer Fernsehen zum Thema (lesen Sie hier mehr darüber). Er zeigt Touristen aus den USA, wie sie sich überglücklich vor lauter Waidmannsheil mit dem toten Tier fotografieren und filmen lassen. Wie sie den erlegten Steinbock zurechtrücken, sich zwischen den Hörnern in Szene setzen und danach mit Wein anstossen. Für Tierfreunde sind das verstörende Bilder. Eine Petition, die diese Trophäenjagd verbieten will, hat bereits 60'000 Unterschriften erhalten.

«König der Alpen» steht unter Schutz

Der Steinbock darf nicht zum populären Sujet für Selfie-Jäger verkommen. Zum Glück verhalten sich nicht alle Jagdtouristen gleich. So gibt es in den USA ebenfalls Waidmänner und Waidfrauen, die dem Tier, auch dem schon erlegten, mit Respekt begegnen. Die nicht pietätlos jubeln und deren erster Gedanke nicht ist, das Bild sofort zu posten.

Der Hörner-Fetisch war in der Kolonialzeit einmal in Mode, heute ist er nicht mehr zeitgemäss.

Ohnehin steht der «König der Alpen» bei uns unter Schutz. Es ist nur erlaubt, ihn unter bestimmten Voraussetzungen zur Regulierung der Bestände zu schiessen. Dabei ist selbstverständlich, dass ein Jäger zumindest richtig trifft und dem Tier nicht unnötig lang Schmerzen zufügt.

Viele Leute vergessen immer wieder gern bei diesem hoch emotionalen Thema, dass das so schön in Plastik verpackte Stück Fleisch im Kühlregal des Supermarkts, derzeit aktuell nicht nur von Nutztieren, sondern auch von Wildtieren, irgendwie dorthin gekommen sein muss. Es wäre deshalb unfair, den Jäger als solchen einfach pauschal als Sündenbock darzustellen.

Ausverkauf der Natur

Im Wallis sind die reichen Jagdtouristen aber nur auf die ältesten und prächtigsten Tiere aus – alle über zehn Jahre und mit den schönsten Hörnern. Ideal fürs Selfie und die Trophäe. Doch solche Böcke sind auch diejenigen, die am meisten Nachkommen haben. Unklar ist somit weiterhin, inwieweit eine solche selektive Jagd auf die ältesten Männchen sich langfristig auf die Bestände und das Verhalten in der Gruppe auswirkt.

Jagd-Agenturen sollten deshalb nicht im Voraus damit angeben, jeden Wunsch ihres Kunden zu erfüllen, sodass dieser sich zuvor die später zu jagende Tierart einfach per Mausklick noch zu Hause am Computer auswählen kann. Ein solches Angebot vermittelt den Eindruck eines Ausverkaufs der Natur.

Welche Trophäe darf es denn heute sein? Was fehlt noch in der Sammlung? Vielleicht etwas aus Afrika oder sogar aus dem Wallis? Dies fördert geradezu einen Hörner-Fetisch, der eigentlich in der Kolonialzeit einmal in Mode war und heute nicht mehr zeitgemäss ist.

Erstellt: 28.11.2019, 17:35 Uhr

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