«Waldminister» Alphons Egli ist tot

Der verstorbene Alt-Bundesrat Alphons Egli bleibt in Erinnerung wegen seines unerwartet engagierten Einsatzes für die Umwelt – und seiner besonderen Physiognomie.

Der «Waldminister»: Portrait von Alt-Bundesrat Alphons Egli, aufgenommen am 8. September 2004 in seiner Altersresidenz in Muralto.

Der «Waldminister»: Portrait von Alt-Bundesrat Alphons Egli, aufgenommen am 8. September 2004 in seiner Altersresidenz in Muralto.

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Alt-Bundesrat Alphons Egli ist tot. Er verstarb am Freitagabend im Alter von 91 Jahren in einem Altersheim in Luzern. Egli war von 1983 bis 1986 Bundesrat und stand dem Departement des Innern vor.

Seine politische Sternstunde erlebte er am 30. August 1983 im Staatswald Baan bei Zofingen. Damals betrat der frischgebackene Umweltminister mit zwei Dutzend Parlamentariern, ebenso vielen Vertretern von Waldwirtschaft und Umweltorganisationen sowie 50 Journalisten den Aargauer Wald.

Bundesrat Alphons Egli informierte mit ernster Miene über den Gesundheitszustand des Schweizer Waldes: «Das Waldsterben hat ein Ausmass angenommen, wie wir es bisher gar nicht realisiert haben». Eine mediale Lawine brach los, das ganze Land diskutierte, wie der Wald noch zu retten war und die Politik beschloss mit der Einführung des Katalysators als erstes europäisches Land radikale Massnahmen. Der Wald hat überlebt, gestorben ist gestern der «Waldminister». Alphons Egli wurde 91 (geboren am 08.10.1924), mit ihm verschied der älteste noch lebende Altbundesrat.

«Das Waldsterben hat ein Ausmass angenommen, wie wir es bisher gar nicht realisiert haben»Alphons Egli

Dass der Katholisch-Konservative ausgerechnet als Umweltminister in die Geschichte eingehen würde, darauf hätte vor seiner Wahl in die Landesregierung vermutlich niemand gewettet. Der Luzerner CVP-Politiker wurde am 8. Dezember 1982 zusammen mit dem freisinnigen Rudolf Friedrich in den Bundesrat gewählt. Und zwar gegen den grossen Widerstand der Ratslinken, die einen Rechtsrutsch in der Landesregierung befürchtete. Zu Recht, denn Egli erfüllte dafür alle Voraussetzungen: 1924 als Sohn des konservativen Luzerner Politikers Gotthard Egli und der aus einem alten Patriziergeschlechts stammenden Lea Amrhyn geboren, trat er bald in die Fusstapfen seines Vaters.

Er studierte genauso Recht und arbeitete anschliessend in seiner eigenen Anwaltskanzlei. Daneben gehörten beide dem Verwaltungsrat des «Vaterland» an – dem katholisch-konservativen Presseorgan der Innerschweiz. Später zog es Vater wie Sohn in die Politik der Konservativen Volkspartei des Kantons Luzern (ab 1971 CVP), Gotthard wie Alphons Egli schafften es in den Ständerat. Als Befürworter der Atomenergie war Alphons Egli zudem Präsident des «Energie-Forum-Schweiz» und damit umso mehr den Linken suspekt.

Sogar eine Wald-Session im Bundesparlament

Als der damals 58jährige dann noch das Departement des Innern und damit die Verantwortung für den Umweltschutz zugewiesen bekam, sahen auch die Waldfreunde (die Grüne Partei wurde erst ein Jahr später gegründet) schwarz. Doch Freund wie Feind sollten sich gehörig im neuen EDI-Chef täuschen. Schon bald nach seinem Amtsantritt wurde Egli mit einem alarmierenden Expertenbericht über den schlimmen Zustand des Schweizer Waldes konfrontiert. Mit der aufsehenerregenden Pressekonferenz im Zofinger Wald sensibilisierte er die Öffentlichkeit für das Waldsterben, und Anfang 1985 gab es gar eine «Wald-Session» im Bundesparlament.

Auch bei dieser Gelegenheit fuhr Alphons Egli die Waldsterben-Skeptiker rhetorisch an die Wand: «Wer heute das Gegenteil behauptet, der ist nach meiner Auffassung wenn nicht sogar bösgläubig, doch zum mindesten unbelehrbar, oder er hat ein persönliches Interesse daran, dass das nicht wahr sein darf, was er nicht wahrhaben möchte.» Und als ob das Thema Waldsterben nicht schon genug die Agenda des Innenministers dominiert hätte, fielen in seine Amtszeit auch noch die Atomkatastrophe von Tschernobyl im Jahr 1986 und der Brandfall im Chemiewerk Schweizerhalle. Auch diesmal überraschte Alphons Egli mit einem geschichtsträchtigen Auftritt: Am 1. August 1986 spricht er am Fernsehen erstmals über den Ausstieg der Schweiz aus der Atomenergie.

Egli gegen den Diktator

Doch Egli schrieb nicht nur in der Umweltpolitik Geschichte. Als bekannt wurde, dass Gelder des gestürzten philippinischen Diktators Ferdinand Marcos auf Schweizer Banken lagen, forderte der SP-Nationalrat Helmut Hubacher in einem Vorstoss, die mehreren hundert Millionen Franken zu blockieren. Später erfuhr der Bundesrat, dass der Marcos-Clan plante, die Gelder abzuziehen. Ohne vorher sich mit dem Gesamtbundesrat zu beraten, beschloss Bundespräsident Alphons Egli spontan per Präsidialverfügung, die Marcos-Vermögenswerte vorsorglich zu sperren.

Das alles hatte seinen Preis. Nach nur vier Jahren im Amt demissionierte Egli aus gesundheitlichen Gründen. «Die Störungen, die im Verlaufe dieses Jahres auftraten, sind nicht unbedingt eine Folge des Amtes; aber man hat keine Zeit in diesem Amt, gesundheitliche Störungen zu kurieren», bemerkte er trocken. Lästiges Nachfragen der Medien wimmelte er ab: «Verlangen Sie nun nicht, dass ich meine Eingeweide auf den Tisch lege!» Heute würde man von einem Burnout sprechen. Dass das Regierungsamt etwas mit Egli machte, zeichnete sich von früh ab. Als Ständerat hatte er den Ruf, ein bissiger und witziger Politiker zu sein, der gerne Grabsprüche auf lebende Personen machte, als Bundesrat wirkte er hingegen seltsam farblos und steif. Fünf Jahre nach seinem Rücktritt sprach er ausführlich über seine damaligen Beweggründe im «NZZ Folio»: Wenn man nicht mehr sein darf, wie man ist, und nicht mehr sagen darf, was man denkt, fühle man sich mit der Zeit verunsichert, missverstanden - einsam.

Am Anfang fand er den «E.T.»-Vergleich witzig

Offensichtlich hat ihm auch die aggressivere Öffentlichkeit zugesetzt. Wenn er als «markante Landesvaterfigur» mit «E.T». (des Ausserirdischen aus einem Film von Steven Spielberg) verglichen wurde, lachte er noch anfangs mit – was blieb ihm auch anders übrig, als gute Miene zum bösen Spiel zu machen. Der Gipfel war die Berichterstattung des «Blick», als Egli im Herbst 1986 einen spektakulären Autounfall vor dem Bundeshaus verursachte. Mit seinem Wagen raste er aus zunächst unerklärlichen Gründen von seinem Parkplatz los und rammte fünf Autos. Die Boulevardzeitung hielt den peinlichen Vorfall genüsslich am Köcheln.

Nach seinem Rücktritt zog sich Egli weitgehend aus dem politischen Leben zurück. Im Unterschied zu anderen Altbundesräten wollte er nicht als mahnender Pensionär in Erinnerung bleiben. Hin und wieder tauchte er in der Öffentlichkeit auf, wenn er beispielsweise in Luzern mit seinen Bundesratskollegen das Musikfestival besuchte. In einem Leserbrief an das Kulturmagazin «Du» korrigierte er 1998 die Redaktion wegen einer falschen Bildlegende: «Es ist zwar schmeichelhaft, mit einer Majestät verwechselt zu werden. Weniger schmeichelhaft ist allerdings die Verwechslung für den schwedischen König, ist er doch um einiges schöner!»

Keine aktuelle Politik

Bei Medienanfragen stellte er die Bedingung «keine aktuelle Politik, keine allzu persönlichen Fragen.» Auf die Frage, was er denn so tue den ganzen lieben langen Tag sagte Egli, dass «hauptsächlich Bücher zum religiösen Dialog, Spaziergänge machen und alte Freunde besuchen» würde. Ausserdem war er manchmal an Vorlesungen der theologischen Fakultät in Luzern anzutreffen, wo er ein Studium über lateinische und griechische Schriftsteller des christlichen Altertums begonnen hatte. Schliesslich studierte Egli nicht nur Jus in Zürich, sondern auch an der Päpstlichen Universität Gregoriana.

Im Oktober 2014 feierte der CVP-Politiker seinen 90. Geburtstag. Da lebte er schon einige Zeit im Kurhotel Sonnmatt oberhalb der Stadt Luzern. Wie seine Tochter erklärte, hätte sein Gehör stark nachgelassen, weshalb er sich aus der Öffentlichkeit weitgehend zurückgezogen hätte. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 06.08.2016, 09:40 Uhr

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