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War Missbrauch normal?

Jürg Jegge rechtfertigt seine früheren Taten mit dem damals angeblich herrschenden Zeitgeist. SVP-Nationalrätin Natalie Rickli will dies untersuchen lassen.

Besuch von der Justiz: Am Dienstag, 11. April 2017, ist Jürg Jegges Haus in Rorbas durchsucht worden.
Besuch von der Justiz: Am Dienstag, 11. April 2017, ist Jürg Jegges Haus in Rorbas durchsucht worden.
Reto Oeschger
Jegges ehemaliger Schüler Markus Zangger (links) und Journalist Hugo Stamm hatten am 4. April 2017 ein Enthüllungsbuch mit Missbrauchsvorwürfen an die Adresse Jegges publiziert.
Jegges ehemaliger Schüler Markus Zangger (links) und Journalist Hugo Stamm hatten am 4. April 2017 ein Enthüllungsbuch mit Missbrauchsvorwürfen an die Adresse Jegges publiziert.
Walter Bieri, Keystone
Nun haben Fahnder Beweismaterial aus dem Haus Jegges sichergestellt.
Nun haben Fahnder Beweismaterial aus dem Haus Jegges sichergestellt.
Reto Oeschger
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Die Schweiz müsse ihre Geschichte der Reformpädagogik dringend aufarbeiten – das forderte Jürgen Oelkers, Erziehungswissenschaftler und emeritierter Professor der Universität Zürich, im «Tages-Anzeiger». Als Bundesrat und Parlament in den Siebzigerjahren das Strafrecht revidierten, schlug eine mit Juristen besetzte Expertenkommission vor, das Schutzalter im Sexualstrafrecht auf 10 oder 12 Jahre herabzusetzen. Man berief sich unter anderem auf eine Dissertation von 1967 an der Universität Bern, in der die stark gestiegene Zahl strafbarer sexueller Handlungen mit der «erhöhten Hingabebereitschaft» der Jugendlichen erklärt wurde. Von 150 Mädchen im Alter zwischen 12 und 16 Jahren hätten sich 110 dem Täter «bereitwilligst» zur Verfügung gestellt.

«Aus heutiger Sicht fragt man sich, wie die Rechtsnorm des Kindesschutzes jemals angetastet werden konnte», sagt Oelkers. Die Geschichte der Voraussetzungen und Folgen müsse auch in der Schweiz untersucht werden. Der aus Hamburg stammende Oelkers hatte die Missbräuche innerhalb der Reformpädagogik in Deutschland aufgearbeitet. Dem Thema hat er mehrere Bücher gewidmet, unter anderem «Reformpädagogik – eine kritische Dogmengeschichte», erschienen im Jahr 2005.

«Lächerlich, den Zeitgeist zu bemühen»

Nun kommt die Forderung nach einer politischen Aufarbeitung der Reformpädagogik und ihren Auswüchsen zwischen Sechziger- und Achtzigerjahre auch in der Schweiz auf die Agenda. SVP-Nationalrätin Natalie Rickli reicht nächste Woche während der Sondersession ein Postulat ein, in dem sie den Bundesrat auffordert, den Fall Jürg Jegge zu analysieren. Dieser beschäftigt aktuell die Zürcher Strafverfolgungsbehörden, weil ein ehemaliger Schüler Jegge jahrelangen sexuellen Missbrauch vorwirft. Jegge gibt die Taten in mehreren Interviews zu und erklärt sie mit dem damaligen Zeitgeist. Er redet von «Gesamtbefreiung» durch sexuelle Befreiung und davon, dass Sexualität zwischen Erwachsenen und Minderjährigen damals ein revolutionärer Akt gewesen sei. Der Bundesrat soll in einem Bericht die sexuellen Missbräuche von Jürg Jegge und die Missbräuche in verschiedenen Institutionen im Zuge der Reformpädagogik aufarbeiten, fordert Rickli. Sie beruft sich auf die Empfehlung des renommierten Erziehungswissenschaftlers Oelkers.

Grünen-Präsidentin Regula Rytz befürwortet dies. Während ihrer Ausbildung zur Lehrerin habe sie sich in der fraglichen Zeit intensiv mit reformpädagogischen Theorien auseinandergesetzt, sagt Rytz. Etwa mit dem finnischen Schulsystem oder mit der Montessori-Pädagogik. «Wir wollten Selbstständigkeit und Chancengleichheit fördern, nicht-selektive Schulsysteme und die Abkehr vom Frontalunterricht haben uns fasziniert.» Absolut kein Thema sei Sexualität zwischen Erwachsenen und Kindern gewesen, sagt Rytz. «Ich bin sicher, wir wären alle sofort auf die Barrikaden gegangen gegen jede Legitimation von Missbrauch.» Umso lächerlicher sei, dass Jürg Jegge den Zeitgeist bemühe und eine ganze Generation von Lehrkräften sowie eine wichtige Reformbewegung in den Schmutz ziehe, sagt Rytz. «Und umso wichtiger ist es, seine Behauptungen wissenschaftlich unter die Lupe zu nehmen.»

Blinde Flecken

Auch Chantal Galladé, SP-Nationalrätin und Erziehungswissenschaftlerin, befürwortet eine Aufarbeitung – «unbedingt». Das sei aus gesamtgesellschaftlicher Optik wichtig: «Es braucht eine saubere Analyse, um zu sehen, wie gross der Eisberg ist.» Wie verbreitet sexueller Missbrauch damals gewesen sei, könne sie nicht beurteilen, sagt Galladé. Jedenfalls diene eine wissenschaftliche Strömung hier nur als Vorwand. Und auch Einzelfälle müssten aufgearbeitet und dokumentiert werden. Der Fall Jegge zeige, dass jeder erziehungswissenschaftliche Trend blinde Flecken habe und man ihm nie vorbehaltlos folgen dürfe. In erster Linie sei die Aufarbeitung wichtig für die Opfer, die mit ihrer Leidensgeschichte so besser abschliessen könnten.

Entsprechend freut sich Markus Zangger über den Vorstoss von Natalie Rickli. Er hat seine Geschichte im Anfang April erschienenen Buch «Jürg Jegges dunkle Seite» niedergeschrieben. Markus Zangger sagt: «Die Reformpädagogik war gut. Es ist nicht nachvollziehbar, wie Jürg Jegge seine Taten damit legitimiert.» Es habe damals eine Revolution gegeben, eine Befreiungsbewegung. «Aber dabei begegneten sich die Menschen auf Augenhöhe, Erwachsene unter sich. Man darf das nicht in einen Topf werfen mit denen, die Kinder missbrauchten.»

Fall für die Politik?

Andere Parlamentarier reagieren skeptisch auf die Forderung. CVP-Präsident und Lehrer Gerhard Pfister will die Aussagen einer Einzelperson nicht zu hoch gewichten, die offenbar nur ihre eigenen Missetaten rechtfertigen wolle. Er habe sich seine Meinung zu einer Aufarbeitung aber noch nicht endgültig gebildet, sagt Pfister.

Christian Wasserfallen, FDP-Nationalrat und Bildungspolitiker, ist dagegen. «Was will man mit dieser Aufarbeitung erreichen, was ist das Ziel?» Er sei skeptisch. Der Fall Jegge sei ein Fall für die Justiz, die sich offensichtlich dieser Sache annehme. Und nicht ein Fall für die Politik.

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