Warum der Pflegenotstand droht

Zahlen zeigen, weshalb der Branchenverband die Pflegeinitiative lanciert. Der Mangel an Personal hat zwei Gründe.

Wegen Personal- und Zeitmangel oft im Stress: Mitarbeiterinnen eines Pflegeheims.

Wegen Personal- und Zeitmangel oft im Stress: Mitarbeiterinnen eines Pflegeheims. Bild: Salvatore Di Nolfi/Keystone

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Lange Zeit setzte der Schweizer Berufsverband der Pflegefachfrauen und Pflegefachmänner (SBK) auf das Parlament. Dieses sollte eine Gesetzesänderung anstossen, um den Beruf zu stärken. Doch im April 2016 stellte sich der Nationalrat dagegen. Jetzt nimmt der Verband das Blatt selbst in die Hand und lanciert die eidgenössische Volksinitiative für eine starke Pflege, kurz Pflegeinitiative.

In der Verfassung soll neu festgeschrieben werden, dass die Pflege gefördert und allen zugänglich gemacht wird. Konkret sollen Bund und Kantone sicherstellen, dass eine genügende Anzahl diplomierter Pflegefachpersonen für den zunehmenden Bedarf zur Verfügung steht – denn laut dem SBK droht ein Notstand.

Wie gravierend der Personalmangel ist, zeigt der im September 2016 veröffentlichte Versorgungsbericht der Gesundheitsdirektorenkonferenz: Er prognostiziert, dass der Bedarf an Pflegepersonal in den nächsten neun Jahren um gut 20 Prozent oder 40'000 Personen steigen wird.

2014 arbeiteten gut 178'000 Personen im Pflegebereich, 2025 werden insgesamt fast 218'000 gebraucht. Besonders die Spitex hat laut dem Bericht einen hohen Bedarfszuwachs: über 11'400 oder 35 Prozent zusätzliche Fachkräfte. Auch der Bedarf der Pflegeheime wird mit 25,7 Prozent stark wachsen. Sie werden in den nächsten Jahren zum grössten Arbeitgeber für Mitarbeitende in Pflege- und Betreuungsberufen.

Grund ist die demografische Entwicklung in der Schweiz. Nach Angaben des Bundesamtes für Statistik machten die über 65-Jährigen im Jahr 2015 18 Prozent der Schweizer Bevölkerung aus. Bis ins Jahr 2045 wird ihre Zahl um über eine Million ansteigen. Mehr als jeder vierte Schweizer (26,4 Prozent) wird dann älter als 65 Jahre sein. Der Anteil an chronisch erkrankten Menschen werde massiv zunehmen, sagt der SBK. Die Lücke zwischen dem Bedarf der Bevölkerung nach professioneller Pflege und dem ausgebildeten Personal klaffe immer weiter auseinander.

Um den Mangel zu kompensieren, wird heute oft auf qualifizierte ausländische Gesundheitsfachkräfte zurückgegriffen: 40 Prozent des neu angestellten Pflegepersonals kommen aus dem Ausland. Alleine 2014 immigrierten 2472 ausländische Pflegefachkräfte in den Schweizer Arbeitsmarkt, der Grossteil davon aus Frankreich (36,9 Prozent) und Deutschland (34,7 Prozent), wie das Schweizerische Gesundheitsobservatorium (Obsan) aufzeigt.

Da dieses Potenzial in Zukunft aber nicht ausreicht, um das fehlende inländische Personal zu ersetzen, ist es laut dem Versorgungsbericht unumgänglich, Massnahmen zur Förderung des eigenen beruflichen Nachwuchses zu intensivieren. Schon in den vergangenen Jahren wurde die Ausbildung forciert. Die Abschlüsse im Bereich Pflege und Betreuung nahmen zwischen 2010 und 2014 gesamthaft um 32 Prozent zu. Trotzdem werden bei weitem nicht so viele Fachkräfte ausgebildet, wie es brauchte.

7775 Studierende machten 2014 insgesamt einen Abschluss in Pflege und Betreuung. Das sind nur 56 Prozent des geschätzten jährlichen Nachwuchsbedarfs von 13'874 Personen bis ins Jahr 2025. Besonders alarmierend ist die Situation bei den diplomierten Pflegefachpersonen: Die 2620 Abschlüsse 2014 entsprechen nur 43 Prozent, also nicht einmal der Hälfte der jährlich benötigten Fachkräfte.

Eine Obsan-Studie hat allerdings ergeben, dass der Mangel an qualifiziertem Pflegepersonal nicht allein durch eine Erhöhung der Ausbildungszahlen behoben werden kann. Für die ausgebildeten Fachkräfte müssten auch Rahmenbedingungen geschaffen werden, damit sie möglichst lange im Beruf verweilen und nach Unterbrüchen wieder einsteigen würden. Denn die Berufsaussteigerquote ist enorm hoch.

Von allen Berufsgruppen im Gesundheitsbereich gibt es bei den Pflegefachkräften am meisten Aussteiger. 2013 waren es 45,9 Prozent, also beinahe die Hälfte von ihnen. Die meisten (23,1 Prozent) wechselten den Beruf, viele (15,4 Prozent) traten aus der Erwerbstätigkeit aus, weil sie beispielsweise wieder in Ausbildung gingen, und einige (7,4 Prozent) wechselten die Branche.

Eine repräsentative Umfrage der Unia hat zudem gezeigt, dass viele bereits in der Ausbildung über einen Jobwechsel nachdenken. 45 Prozent der befragten Studierenden im Bereich Pflege sahen sich in zehn Jahren nicht mehr in ihrem Beruf. Die Hauptgründe: 55 Prozent konnten wegen Personal- und Zeitmangel nicht so pflegen, wie sie es ihren Vorstellungen von guter Pflege entsprechend tun möchten. 58 Prozent gaben an, regelmässig Überstunden leisten zu müssen. Und gar 68 Prozent aller Befragten bewerteten ihren Lohn als ungenügend.

Um den drohenden Pflegenotstand abzuwenden, braucht es laut dem SBK griffige Massnahmen für den Verbleib des Personals im Beruf wie etwa eine anforderungsgerechte Entschädigung. Die Attraktivität der Pflegeberufe soll aber auch gesteigert werden, indem Pflegefachpersonen künftig ihre eigenverantwortlich erbrachten Leistungen selbstständig mit den Krankenkassen abrechnen dürfen. Heute können sie ohne Anordnung eines Arztes keine Leistungen erbringen.

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 18.01.2017, 10:45 Uhr

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