Warum die neuen Mitteparteien am Boden sind

Die Wähler trauen der BDP und der GLP in kaum einem Bereich besondere Kompetenzen zu, sagt eine neue Studie.

Zürcher Wahlkampfplakate im Jahr 2015. Foto: Urs Jaudas

Zürcher Wahlkampfplakate im Jahr 2015. Foto: Urs Jaudas

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Migration, Wirtschaft, Sozialpolitik, Umweltschutz: Jede Schweizer Partei wird mit mindestens einem grossen Thema assoziiert. Nur nicht die BDP. Aus Sicht der Wähler gibt es schlicht kein Gebiet, in dem die BDP besonders kompetent wäre. Auch der GLP trauen die Wähler bei den wichtigsten Themen der Gegenwart wenig zu. Das zeigt die Wahlforschungsstudie Selects des Schweizer Kompetenzzentrums Sozialwissenschaften (Fors) in Lausanne. Unter der Führung des Politologen Georg Lutz versuchten Wissenschaftler in den letzten Monaten, die Meinungsbildung der Wähler bei den letzten Parlamentswahlen zu entschlüsseln. Dazu führten sie eine Nachwahlbefragung und Zehntausende Interviews mit Wählern und Kandidaten durch.

Aus der Studie lassen sich die grössten Schwierigkeiten der beiden jüngsten Parteien im Parlament – der BDP und der GLP – ableiten. Beide haben Stimmenanteile verloren und sind jetzt noch mit je 7 Sitzen im Nationalrat vertreten. Die Autoren haben ermittelt, welche Probleme die Wähler am meisten beschäftigen und wem sie eine Lösung zutrauen. Für 44 Prozent war der Themenkomplex Migration, Asyl und Flüchtlinge am wichtigsten – nur 1 Prozent hält die GLP für die kompetenteste Partei in diesem Bereich; bei der BDP sind es 2 Prozent. Auch in anderen Bereichen wie Wirtschaft, Umwelt, Sozialpolitik, Verhältnis zur EU: «Die BDP kommt bei allen wichtigen Themen nur marginal vor», heisst es in der Studie. Wenigstens traut knapp ein Fünftel der Wähler der GLP in Umweltfragen am meisten zu. Nur: Dieses Thema ist aus dem Problembewusstsein weitgehend verschwunden.

Die FDP punktet gleich zweimal

Auch bei den eigenen Wählern ist das Vertrauen in die Problemlösungskompetenz bei der BDP tiefer als bei allen anderen Parteien. Auf die Frage, welche Partei das aus ihrer Sicht wichtigste Problem am ehesten lösen könne, sagten nur 31 Prozent der BDP-Wähler: «die BDP». 19 Prozent wissen es nicht.

Die Analyse zeigt auch: Die FDP punktet als einzige Partei in zwei Problembereichen (EU, Wirtschaft), die Stärke der SP liegt in der Sozialpolitik, jene der Grünen in der Umweltpolitik. Ausländer- und Migrationspolitik ist das Feld der SVP – das Thema ist für zwei Drittel der SVP-Wähler wichtiger als alles andere. Wie BDP und GLP wird auch die CVP mit keinem Thema schwerpunktmässig in Verbindung gebracht, dafür erhält sie bei allen grossen Themen das Vertrauen von ein paar Prozenten der Wähler.

Die Wissenschaftler entdeckten auch, dass es zwischen den Politikern der neuen Mitteparteien und ihren Wählern einen Graben gibt. Besonders auffällig ist dieser Effekt bei den Grünliberalen: Die Wähler ordnen sich selbst links der Mitte ein, die Kandidaten rechts. Auch die Kandidaten der BDP stehen weiter rechts als ihre Wähler. Dieser Effekt, der sich auch bei FDP und SVP zeigt, äussert sich konkret bei der Einstellung zu Sachthemen: Bei GLP, BDP, FDP und SVP befürwortet eine deutliche Mehrheit der Politiker eine Erhöhung des Rentenalters auf 67 Jahre – doch die Mehrheit der Wähler dieser vier Parteien lehnt das ab.

Schnell wechselnde Wähler

Die Wissenschaftler analysierten auch, wie es um die Treue der Wähler steht. Nur die Hälfte derer, die 2011 die GLP wählten, taten das 2015 erneut – ein Drittel wanderte zur FDP, zur SP oder zu den Grünen ab. Immerhin gelang es der GLP, diese Verluste unter anderem mit Neuwählern etwas auszugleichen. Bei der BDP wanderten 36 Prozent der Wähler von 2011 ab, am meisten zur SVP (13 Prozent) und zur FDP (8 Prozent). Zwar sei eine derart labile Wählerbasis bei relativ neuen Parteien zu erwarten, schreiben die Studienautoren. Doch die Sympathisanten der Parteien änderten ihre Präferenzen überraschend schnell. Das zeigen Befragungen bei denselben Personen vor und nach dem Urnengang. Nur gut die Hälfte jener, die noch im Sommer 2015 BDP oder GLP wählen wollten, taten es im Oktober tatsächlich.

Auf der anderen Seite der Treueskala liegt die SVP: Nur 7 Prozent ihrer Wähler wanderten zu anderen Parteien ab. Gleichzeitig polarisiert die SVP auch mehr als jede andere Partei. Für 48 Prozent der Wähler ist die Partei unwählbar.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 23.05.2016, 21:50 Uhr

Welche Kompetenzen die Wähler den Parteien attestieren

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