Warum die Schweiz das gelobte Land der Tabakindustrie ist

Drei der vier weltweit grössten Konzerne haben sich hier angesiedelt. Auch weil erlaubt ist, was anderswo verboten wurde.

Auch die Produktion haben viele in die Schweiz verlagert: Tabak-Ernte in Sassel, Waadt. (Keystone Archiv/Jean-Christophe Bott)

Auch die Produktion haben viele in die Schweiz verlagert: Tabak-Ernte in Sassel, Waadt. (Keystone Archiv/Jean-Christophe Bott)

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Arnold Hurschler schlotet, was ihm in die Hände kommt. «Ich rauche querbeet», sagt er. Mal Winston, mal Ame­rican Spirit, nun gerade Camel Activate, eine Zigarette mit extra Aroma. Die ­erste meist erst nach dem Mittag, doch nun macht er eine Ausnahme. Es ist zehn Uhr, Hurschler hat im luzernischen ­Dagmersellen gerade durch die Fabrik geführt, die für Japan Tobacco International (JTI) jährlich über 11 Milliarden Zigaretten herstellt.

Seit 30 Jahren arbeitet Arnold Hursch­ler hier, er ist zuständig für Umweltmanagement und Arbeitssicherheit. Vieles hat sich in dieser Zeit geändert. Draussen und drinnen. Früher hat Hursch­ler noch im Flugzeug gepafft, heute hat er selbst in der Gartenbeiz Hem­mungen, eine anzuzünden. Nur eines blieb gleich. Jeder Angestellte in Dagmersellen bekommt noch immer zwei Stangen Zigaretten gratis. Pro Monat.

Die Stark-Zigaretten-Strategie

Seit 1961 gibt es den Standort Dagmersellen, er wurde schon zweimal vergrössert. Der Ausbau zeigt: Es lohnt sich, in der Schweiz Zigaretten zu produzieren. Wegen des Labels Swiss made, wegen der Fachkräfte, wegen der guten Freihandelsabkommen. Sagt JTI. Und wegen der laxen Gesetze. Bestätigt JTI. So dürfen in der Schweiz härtere Tabakwaren hergestellt werden als in der EU, wo die Grenzwerte bei 10 mg für Teer, 1 mg für Nikotin und 10 mg für Kohlenmonoxid liegen.

Zwar ist der Verkauf dieser besonders schädlichen Stark-Zigaretten auch in der Schweiz verboten, doch im Maghreb und im Mittleren Osten ist die Nachfrage gross. Jede vierte exportierte ­Zigarette von JTI ist eine starke. 85 Prozent aller in Dagmersellen produzierten Zigaretten gehen ins Ausland.

Fast gleich viel Wert wie Käse

JTI hat in der Schweiz nicht nur eine Fabrik, sondern auch seinen internationalen Hauptsitz, einen Glaspalast mitten in Genf. Auch Philip Morris und British American Tobacco (BAT) betreiben in der Schweiz grosse Fabriken, Philip Morris zudem in Lausanne ihre weltweite Operationszentrale und einen wichtigen Forschungsstandort. Von den vier weltweit grössten Tabakkonzernen hat einzig der Staatsbetrieb China National Tobacco die Schweiz noch nicht für sich entdeckt.

10'000 Zigaretten in der Minute: Eine Maschine in der Fabrik in Dagmersellen. Foto: Andrea Zahler

Die Bedeutung der Branche schlägt sich auch in der Schweizer Handelsbilanz nieder: Die drei grossen Tabakproduzenten exportierten 2018 Zigaretten im Wert von 554 Millionen Franken. Zum Vergleich: Die Käseexporte belaufen sich auf 653 Millionen Franken.

Doch dass die Schweiz eine Tabakmacht ist, wird öffentlich kaum diskutiert. Jedenfalls war das so, bis vorletzte Woche bekannt wurde, dass Philipp Morris mit 1,8 Millionen Franken Hauptsponsor des Schweizer Pavillons an der Weltausstellung in Dubai werden will. Seither fragen sich viele: Wie kommt es, dass die Schweiz das gelobte Land der Tabakindustrie geworden ist? Und soll sie das auch bleiben?

Ein Toter pro Arbeitsplatz

Die Bundespolitik hat bisher ganz gezielt dafür gesorgt, dass es den Tabakproduzenten hierzulande gut geht. Nicht nur mit der Lizenz zur anderswo verbotenen Produktion von Stark-Zigaretten. Auch sonst sind die hiesigen Rahmenbedingungen einmalig. Das zeigt sich am Anti-Tabak-Abkommen der Weltgesundheitsorganisation (WHO). 181 Staaten haben das Dokument, das eine Verringerung der Tabaktoten anstrebt, inzwischen ratifiziert – nicht aber die Schweiz, immerhin Sitzstaat der WHO. Zwar will der Bundesrat seit 15 Jahren beitreten, doch dafür müssten zuerst die Schweizer Gesetze verschärft werden. Die Industrie müsste etwa ihre Werbung einschränken. Oder ihre Sponsoring-Ausgaben offenlegen.

Gegen solche Massnahmen wehren sich die Firmen mit allen Mitteln. 2016 lobbyierten sie erfolgreich gegen das neue Tabakproduktegesetz, das – bei grosszügiger Auslegung – vielleicht die Ratifikation des WHO-Abkommens ermöglicht hätte. Die bürgerliche Parlamentsmehrheit wies das Gesetz an den Bundesrat zurück mit dem Argument: Ein liberaler Staat muss erwachsene Raucher nicht vor sich selbst schützen.

Gerne erwähnen tabakfreundliche Politiker auch die wirtschaftliche Bedeutung der Branche. Laut einer KPMG-Studie von 2017, verfasst im Auftrag von Philip Morris, hängen rund 11'000 hiesige Jobs direkt oder indirekt vom Tabak ab. Dieser Zahl stellen Präventionsfachleute eine andere Zahl gegenüber: 9500 Menschen sterben in der Schweiz jährlich an den Folgen des Tabakkonsums. Fast ein Toter pro Arbeitsplatz.

Initiative verlang Verbot sämtlicher Tabakwerbung

Solche Themen sind bei der täglichen Arbeit von Arnold Hurschler in der JTI-Fabrik in Dagmersellen weit weg. Die ­Zigarette sei ein Naturprodukt, sagt er. Und: «Eine Zigarette ist Technologie.» Ihn begeistern Maschinen, die in einer Minute 10'000 Zigaretten herstellen, die Tabak blitztrocknen, die Packungen herstellen, die schnell und präzis arbeiten. Der Weg zur Zigarette ist stark automatisiert, keine menschliche Hand wird sie in ihrer Entstehung berühren. Der Tabak wird in grossen Kisten angeliefert und gelangt auf Förderbänder. Er wird zerkleinert und befeuchtet, dann getrocknet und in Papier gewickelt, schliesslich mit einem Filter ergänzt und zurechtgeschnitten. Und fertig ist der Faden, das Lungenbrötchen, der Sargnagel, der nicht nur den menschlichen Körper, sondern auch die politische Diskussion vergiftet.

Die menschliche Hand berührt den Tabak nur fürs Foto, sonst läuft in der Fabrik alles vollautomatisch. Foto: andrea Zahler

Im Bundeshaus geht die Debatte am 13. August von neuem los. Die vorberatende Kommission des Ständerats wird dann eine neue, abgeschwächte ­Variante des Tabakproduktegesetzes beraten. Doch auch diese wird von der Industrie attackiert. Die Anti-Tabak-Lobby versucht Gegendruck zu machen. Bald will sie ihre Volksinitiative «Kinder ohne Tabak» einreichen und jede Art von Tabakwerbung verbieten, die Kinder und Jugendliche erreicht.

Imagepolitur dank Swissness

In dieses politische Ringen ist nun die Nachricht vom millionenschweren Sponsoring-Deal des Aussendepartements (EDA) mit Philip Morris geplatzt. Für Ilona Kickbusch ist die Strategie des US-Zigarettenherstellers kein Zufall. «Philip Morris will sein Image gezielt verbinden mit einem Land, das einen guten Ruf hat», sagt die Professorin für öffentliche Gesundheit, die in Genf lehrt. Kickbusch glaubt, dass die Tabakindustrie auch aus strategischen Gründen in der Schweiz ist. Denn hier könne sie auch ihre grösste Gegnerin am besten beobachten und unterwandern: die WHO, die ihren Sitz in Genf hat.

Die WHO ist es auch, die besonders scharf auf das Sponsoringabkommen des EDA mit Philip Morris reagiert hat. Selbst in der Branche stösst Philip ­Morris’ Vorstoss auf Unverständnis. Ein ­Vertreter eines anderen Tabakkonzerns äussert die Befürchtung, dass sich das Sponsoring des Schweizer Pavillons für die ganze Industrie negativ auswirken werde bei der parlamentarischen Beratung des Tabakgesetzes.

Überhaupt ist Philip Morris derzeit sehr offensiv unterwegs. Seit 2016 präsentiert sie sich als Firma, die «eine rauchfreie Welt» anstrebt. Statt mit Marlboro oder Chesterfield sollen Raucher ihr Nikotin künftig mittels E-Zigaretten oder Tabakerhitzern zu sich nehmen – natürlich mit Produkten von Philip Morris. Denn diese neuen «alternativen Produkte», so argumentiert die Firma, seien viel gesünder als Zigaretten.

Foto: Andrea Zahler

Präventionsfachleute kritisieren diesen PR-Sprech. Zwar seien die Inhalierapparate weniger schädlich. Aber auch sie enthalten Nikotin und krebserre­gende Stoffe, deren Langzeitwirkung kaum erforscht sei. Zudem sei unklar, wie sich die neuen Produkte auf das Suchtverhalten der Gesellschaft auswirken. Eine australische Studie wies zudem nach, dass Philip Morris etwa in Indonesien nach wie vor Werbetechniken einsetzt, die darauf abzielen, Jugendliche zu Zigarettenrauchern zu machen.

Ilona Kickbusch spricht von einer Doppelstrategie: In Entwicklungsländern versuche die Industrie weiterhin so ­viele Zigaretten wie möglich zu verkaufen. «Und im Westen tut sie so, als sei sie neuerdings ein Gesundheitsunternehmen.»

Die Konkurrenzfirma JTI verfolgt einen anderen Ansatz als Philip Morris. Hier heisst es: «Jeder volljährige Konsument soll selbst entscheiden, ob er rauchen will oder nicht.» Doch auch im Hause JTI ist der Vaping-Trend angekommen. In der Fabrik in Dagmersellen wird mit Plakaten für die neue ­Methode geworben. Von dieser hält Arnold Hursch­ler wenig. Er raucht Zigaretten weiterhin klassisch. Und querbeet.

Erstellt: 29.07.2019, 14:44 Uhr

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