Warum die Stadt für die Bienen besser ist

Das Mittelland wird für die Insekten zunehmend lebensfeindlich. Der Stadthonig schmecke sogar besser, sagen manche.

Trotz dichter Bebauung eine grosse Pflanzenvielfalt: Imkerin Anna Hochreutener betreut ein Bienenvolk in Zürich. Foto: Sabine Bobst

Trotz dichter Bebauung eine grosse Pflanzenvielfalt: Imkerin Anna Hochreutener betreut ein Bienenvolk in Zürich. Foto: Sabine Bobst

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Sie zieht die Imkerkutte über, Handschuhe lässt sie weg. Anna ­Hochreutener, eine grosse Frau in grünen Turnschuhen, 35 Jahre alt, tritt auf das Flachdach des Gemeinschaftszentrums Riesbach im Zürcher Seefeldquartier. Sie sieht nach ihren Bienen.

Der Morgen ist frisch, sechs Grad, noch fliegt fast nichts. Im Innern der Bienenkästen aber summt es. «Sie sind fleissig», freut sich Hochreutener. Beim Öffnen der Stapelkisten hantiert sie mit Rauch aus einem Metallkanister, der Smoker lässt die Bienen Feuer fürchten und in ihre Honigvorräte zurückweichen. Hochreutener zieht eine Wabe ­heraus, prüft den Honigstand, fährt den Bienen mit dem nackten Finger über die Rücken. Am Himmel lärmt ein Heli­kopter, unten in der Strasse das Tram.

«Wir räumen zu viel auf in der Schweiz», sagt der Ökologieprofessor.

Hochreutener ist Imkerin, mitten in Zürich. Mit ihrem Mann Tom hält sie 120 Bienenvölker an elf Dachstandorten, auf Geschäftshäusern, VBZ-Anlagen, dem Sihlpost-Gebäude. Bei etwa 25'000 Bienen pro Volk sind das drei Millionen Tiere. «Gut möglich, dass sie auch auf Ihrem Balkon vorbeischauen», wirbt das Paar unter dem Namen Wabe 3 für seinen Stadthonig.

Der Honig schmeckt. Im Frühling hell und süss, im Spätsommer dunkler, würziger. Dreimal im Jahr wird geerntet, ­total 25 bis 35 Kilo pro Wirtschaftsvolk. «Wir sind fast immer ausverkauft», sagt Hochreutener. Das 250-Gramm-Glas kostet 14.50 Franken. «Stadthonig ist aromatischer als solcher aus dem Mittelland», sagt sie. Das liege an der urbanen Pflanzenvielfalt, an jeder Ecke blühe etwas anderes. Sie lässt ihren Honig im Labor auf Inhaltsstoffe prüfen, die Liste der verarbeiteten Pollen sei ellenlang. Auf dem Land dagegen: immer wieder Monokulturen, endloser Raps.

Alles blüht in der Stadt

Mancher Landimker wird widersprechen und seinen guten Honig verteidigen. Doch tatsächlich ist das Nahrungsangebot für Insekten auf dem Land oft begrenzter als in der Stadt. «Im landwirtschaftlich intensiv genutzten Mittelland geraten Bienen im Sommer manchmal in echte Schwierigkeiten», bestätigt Mathias Götti Limacher, Zentralpräsident des Imkerverbands Bienen Schweiz. Man spricht von der Trachtenlücke, manche Landimker müssten den Bienen während dieser knappen Zeit ­sogar extra zufüttern. «In der Stadt aber gibt es durchgehend Futter», sagt Götti Limacher. Balkonblumen, Stadtparks, Stadtbäume, Gärten. Nicht alles einheimisch, aber bunt und reichlich.

Das Land ist schwieriges Terrain für Insekten. Honigbienen – Nutz-, nicht Wildtiere – leiden noch am wenigsten. Wildbienen, Schmetterlinge, Heuschrecken sind stärker unter Druck. Das Insektensterben ist dokumentiert, in der Schweiz wie in Mitteleuropa sind die Bestände «grösstenteils stark rückläufig», meldeten im April die Akademien der Wissenschaften Schweiz. 60 Prozent der Schweizer Insektenarten sind mindestens potenziell gefährdet – vor allem in Landwirtschaftsgebieten und Gewässern. Sie verschwinden vor unseren Augen: Eine deutsche Langzeitstudie errechnet, dass die Insektenbiomasse seit 1989 um 76 Prozent abgenommen hat.

Dramatischer Insektenschwund

Die Schweizer Übersicht mitverfasst hat Florian Altermatt, Ökologieprofessor an der Universität Zürich und Präsident des Forums Biodiversität. Er formuliert vorsichtig, will nicht zu politisch sein. Aber er sagt doch: «Der Insektenschwund und der Rückgang der Biodiversität sind dramatisch. Es sollte unverzüglich etwas geschehen.»

Die Gründe für das Insektensterben sind seit Jahren bekannt. Schrumpfende Lebensräume, weniger Nist- und ­Futterplätze. Schuld ist die intensive Nutzung des Bodens – die Pestizide und Dünger der Landwirtschaft, aber auch die Zersiedlung und die nächtliche Lichtverschmutzung. Zudem ist die Schweiz zu ordentlich: «Wir räumen zu viel auf», sagt Altermatt. Kaum mehr Hecken, Brachen, Tümpel, die sich selbst überlassen sind, sogar in Wäldern wird Totholz mit Insektiziden besprüht. Uns fehle «der Mut zur Wildnis», zu ungeteerten Böden, vernässten Wiesen, wilden Gärten, morschen Bäumen.

Anna Hochreutener besucht ihre Stadtbienen. Deren Honig sei viel aromatischer als jener aus dem Mittelland, sagt sie. Der Grund: Die urbane Pflanzenvielfalt. Foto: Andrea Zahler

Städte können wild sein. Etwa auf dem stillgelegten Rangierareal der Deutschen Bahn in Basel, wo lange eine verblüffende Pflanzenwelt gedieh. Doch für den Ökologieprofessor ist klar: Städte können nicht wettmachen, was auf dem Land verschwindet. Dafür sind sie zu warm, zu hell beleuchtet. Ihr Ökosystem wird nur wenigen Arten gerecht.

Immerhin: Für Honigbienen ist die Stadt «ideal», sagt Anna Hochreutener. Die Stadt ist fast frei von Landwirtschaft, weswegen kaum Pestizide verspritzt werden. Autoabgase landen nicht im Honig, das hätten Studien gezeigt, Licht störe die Bienen kaum, und dass es in der Stadt ein bis zwei Grad wärmer sei als auf dem Land, nutze nur, sagt die Imkerin. Die Bienen werden früher tätig und sammeln länger.

Schachtelvolk aus dem Internet

Auf dem Land werden die Insekten zuweilen so knapp, dass es Bestäubungshilfe braucht. 75 Prozent der wichtigsten Nutzpflanzen sind auf Insekten angewiesen. Manche Bauern setzen auf Pakethummeln, sagt Mathias Götti ­Limacher von Bienen Schweiz: importierte Hummelvölker, die per Post in Schachteln kämen.

Der Imkerverband sieht solche Einwegbestäuber kritisch, da importierte Hummeln Krankheiten mitbringen ­können. «Besser wäre es, die natürlichen Bedingungen herzustellen, unter denen einheimische Bienen und andere Insekten Nahrung finden und die ­Felder bestäuben können», sagt Götti Limacher. Wer ein Schachtelvolk im Internet kauft, kann die Insektenförderung auf eigenem Boden vertagen.

«Mehr Forschung ist ­immer gut, aber gehandelt werden muss schon heute.»Florian Altermatt, Ökologieprofessor

Der Bauernverband hat das Problem eigentlich erkannt. Die im Dezember eingereichte Petition gegen das Insektensterben unterstützte er, den bundesrätlichen Aktionsplan zur Reduktion der Pflanzenschutzmittel ebenso. Ganz auf Dünger und Pestizide verzichten aber könnten die Landwirte nicht, sagt ­Diane Gossin, Umweltspezialistin des Bauernverbandes. Die Qualitätsansprüche der Schweizer Konsumenten seien «sehr hoch», die Landwirte deshalb «gezwungen», ihre Kartoffeln und Obstbäume vor Schädlingen zu schützen. Zudem sei es «unbekannt, in welchem Ausmass Pflanzenschutzmittel und Dünger für das Insektensterben verantwortlich sind». Da brauche es mehr Forschung.

Ökologieprofessor Florian Altermatt widerspricht. «Mehr Forschung ist ­immer gut, aber gehandelt werden muss schon heute. Auch bei den Pestiziden. Dafür reicht die Sachlage aus.» Und Markus Arn von Pro Natura findet, der Bauernverband schade mit dieser ­Position den Bauern: «Ohne eine intakte ­Natur wird künftig keine landwirtschaftliche Produktion mehr möglich sein.»

Pestizide verbieten?

Eine radikale Beschränkung bei Pflanzenschutzmitteln fordern die Trink­wasser- und Pestizidinitiativen, die vors Volk kommen. Der Bauernverband lehnt sie ab. Ökologieprofessor Altermatt nimmt nicht direkt Stellung, sagt aber: «Ohne regulatorische Schritte kann der Biodiversitätsrückgang nicht gestoppt werden.» Auch der kürzlich erschienene Bericht des Weltbiodiversitätsrats stelle fest, dass derzeit «verkehrte Anreize in der Landwirtschaft» bestehen, welche der Biodiversität schaden, sagt Altermatt: «Das sollte sich ändern.»

Hochreutener verlässt ihre Bienen, keine hat gestochen. Nicht alle ihre Völker sind so zutraulich. Eines etwa sei auffällig aggressiv: «Erst fliegen sie dich an, klatschen gegen die Imkermaske, dann versuchen sie zu stechen.» Solche Völker möchte Hochreutener eigentlich nicht vermehren. Andererseits sei ­dieses aggressive Volk seit Jahren besonders leistungsstark. Und braucht die Welt ­angesichts des Insektensterbens nicht möglichst stachelige Insekten? Anna Hochreutener behält die bösen Bienen. Ihr Mann muss die jetzt warten.

Erstellt: 30.05.2019, 21:44 Uhr

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