Kriminelle Kunstliebhaber

Zehn Gründe, die den Kunstmarkt für Geldwäscher attraktiv machen. Ermittelt von Rechtsprofessorin Monika Roth.

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Eine Million Franken wiegen in Hunderternoten knapp 11 Kilo. Wer mit einem solchen Koffer voller Geld auf die Bank geht und es einzahlen will, muss sich eine Menge indiskreter Fragen gefallen lassen. Wer damit eine Galerie betritt und ein Kunstwerk kauft, kann sich der Diskretion des Galeristen sicher sein. Das ist ziemlich praktisch, wenn die Million aus dem Verkauf von einigen Kilogramm Kokain stammt.

Die Verschwiegenheit der Branche ist laut der Rechtsprofessorin Monika Roth einer der Gründe, warum der Kunstmarkt ideale Bedingungen für Geldwäscherei bietet. Dies schreibt sie in einem juristischen Beitrag, der heute Dienstag von «Jusletter» publiziert wurde (nicht öffentlich zugänglich). Roth ist Dozentin an der Hochschule Luzern und hat mehrere Bücher zu Compliance, zu Corporate Governance und zum Finanzmarktrecht verfasst. 2015 publizierte sie auch das Buch «Wir betreten den Kunstmarkt» über Geldwäscherei, Manipulationen und Preisabsprachen.

Ungenügend sensibilisiert

Zunächst gibt Roth Einblick in die zentralen Mechanismen des Marktes, die ihn für Geldwäscher interessant machen: Kunst auf der einen Seite geniesst den Ruf, von grosser sozialer und kultureller Bedeutung zu sein, der Handel dagegen ist geprägt von Anonymität. Das Geld einiger Kunstsammler stamme aus Korruption oder Veruntreuung von öffentlichen Geldern, doch «niemand kümmert es, niemand stellt Fragen», so Roth. Galerien und Auktionshäuser würden die Machenschaften unterstützen, indem sie mit den Geldwäschern Geschäfte machten. Und selbst die grössten Akteure im Kunsthandel wie die Art Basel seien für diese Herausforderungen ungenügend sensibilisiert.

Die Branche ist nicht zum ersten Mal mit dieser Kritik konfrontiert. Vertreter weisen jeweils darauf hin, dass die Grösse des schweizerischen Kunstmarkts sehr beschränkt sei. Ferner stelle eine Studie der Branche ein gutes Zeugnis aus.

Vorbestrafter Galerist an der Art Basel

Es sei «sehr interessant und irgendwie verstörend», wie die Art Basel die VIP-Gäste einlade, die zuerst zur Messe zugelassen werden. Sie würden wohl gründliche Recherchen durchführen und sogar Dritte befragen, wer eine VIP-Einladung erhalte. «Dabei geht es nur um Geld. Doch die Herkunft des Geldes wird nicht untersucht, weil es einfach niemanden interessiert», schreibt Roth. Auch zweifelhafte Galeristen würden Zugang zur Messe erhalten, etwa der 40-jährige Galerist Helly Nahmad, der 2015 an der Art Basel einen Rothko für 50 Millionen Dollar angeboten hatte, obwohl er im Jahr zuvor in den USA wegen eines mit der Moskauer Mafia verbandelten Glückspielrings» verurteilt wurde («Süddeutsche Zeitung»). Laut Roth ermitteln auch die Schweizer Behörden wegen Geldwäscherei und organisierter Kriminalität gegen Nahmad.

Ferner hat Roth 46 Eigenschaften zusammengetragen, die erklären, warum etwa der kolumbianische Drogenkönig Pablo Escobar unzählige Werke von Pablo Picasso und Salvador Dalí gekauft hatte. Isoliert seien diese Eigenschaften unproblematisch, doch in Kombination würden sie eine «Eignung für Geldwäscherei» schaffen. Die zehn Bemerkenswertesten:

  • Die Preise auf dem Kunstmarkt schiessen in die Höhe, die Unsicherheiten auf dem Finanzmarkt machen Kunst zu einem wichtigen alternativen Investment.
  • Es gibt keinen objektiven Marktpreis. Keine Bank kann sagen, wie viel ein Giacometti kostet. Deshalb sei es einfach, Preise falsch zu deklarieren.
  • Anonymität und Verschwiegenheit sind sehr verbreitet im Kunstmarkt. Namen und Preise werden üblicherweise geheim gehalten.
  • Der Kunstmarkt ist kaum reguliert, stattdessen legen die Akteure eigene Regeln fest. Praktisch alles ist möglich, ohne Konsequenzen.
  • Kunst ist tragbar und kann einfach über Grenzen transportiert werden.
  • Barbezahlungen sind üblich.
  • Scheinverkäufe sind in der Schweiz nicht verboten.
  • Geldwäscherei beeinflusst den Wert der Gegenstände, wodurch es zu Marktmanipulationen kommt.
  • Steuerbetrug ist in diesem Bereich gang und gäbe.
  • Auktionen lassen sich leicht manipulieren. Etwa so: Ein Kunstbesitzer mit schmutzigem Geld bietet ein Stück auf einer Auktion an und leiht einem Komplizen das nötige Geld, um den Gegenstand in dessen Auftrag zu ersteigern.

Zusammenfassend stellt Roth fest, dass der Kunstmarkt sehr geeignet sei für illegale Aktivitäten im Allgemeinen und Geldwäscherei im Speziellen. Es sei zweifelhaft, dass die Akteure auf dem Kunstmarkt in der Lage seien, sich selbst zu regulieren. Doch dies sei nötig, um die Integrität des Kunstmarktes zu wahren. «Am Ende des Tages geht es ums Geschäft. Wenn sich Kunst als Finanzanlage durchsetze, dann brauche es Regeln und Standards. (…) Denn wir alle wissen: Vertrauen ist der Anfang von allem.»

Erstellt: 12.01.2016, 21:16 Uhr

Die Rechtsprofessorin Monika Roth ist Dozentin an der Hochschule Luzern und hat mehrere Bücher zu Compliance, zu Corporate Governance und zum Finanzmarktrecht verfasst. 2015 publizierte sich auch das Buch «Wir betreten den Kunstmarkt» über Geldwäscherei, Manipulationen und Preisabsprachen. (Bild: Keystone )

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