«SRF muss zum Schweizer Netflix werden»

Welchen Einfluss haben Streaming und soziale Medien auf die Demokratie? Ein Experte fordert, Netflix, Apple und Youtube zu regulieren.

Streamingdienste produzieren hervorragend gemachte Serien wie The Crown (Netflix), setzen aber kaum auf Schweizer Inhalte, sagt Medienprofessor Manuel Puppis. Foto: Netflix

Streamingdienste produzieren hervorragend gemachte Serien wie The Crown (Netflix), setzen aber kaum auf Schweizer Inhalte, sagt Medienprofessor Manuel Puppis. Foto: Netflix

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Herr Puppis, Streamingdienste wie Netflix bringen Schweizer Fernsehsender in Bedrängnis, schreibt die Medienkommission Emek in ihrem neuen Bericht. Droht das Ende des Fernsehens, wie wir es heute kennen?
Radio und Fernsehen im traditionellen Sinne wird es noch lange geben. Aber ja, ein immer grösserer Teil der Nutzung findet zeitversetzt statt: Immer mehr Menschen schauen nicht einfach das gerade ausgestrahlte Programm, sondern nutzen einzelne Sendungen wie den «Bachelor» oder das «Echo der Zeit» dann, wenn sie Zeit haben. Zudem erhalten herkömmliche Sender Konkurrenz durch Streamingdienste wie Netflix oder Spotify.

Medienprofessor Manuel Puppis: «Es braucht es auch künftig einen solide finanzierten Service public.» Foto: PD

Wir nutzen Netflix und Co. als zusätzliches Angebot. Was ist falsch daran, wenn wir dort konsumieren statt bei SRF oder einem Privatsender?
Gar nichts ist falsch daran. Streamingdienste bieten den Nutzerinnen und Nutzern eine grossartige Ausweitung des Angebots. Netflix oder Amazon Prime produzieren viele hervorragend gemachte Serien und Filme und haben ein riesiges Archiv ausländischer Produktionen. Allerdings gibt es bei Netflix auch nicht mehr alles zu sehen: Alle Hollywoodstudios starten ihre eigenen Streamingdienste mit jeweils exklusiven Inhalten. Disney+ kann man ab 24. März in der Schweiz sehen. Für den Konsumenten wird es in Zukunft also deutlich teurer.

«Auch Streamingdienste sollen sich an Grundregeln wie Jugendschutz oder die Berücksichtigung europäischer Produktionen halten.»Medienprofessor Michael Puppis

Sie sorgen sich also um unser Portemonnaie?
Natürlich nicht nur. Wir sehen einfach, dass Streamingdienste einseitig auf Unterhaltung setzen und auch keine Schweizer Inhalte produzieren. Die Nutzerinnen und Nutzer haben aber auch einen Anspruch auf journalistische Inhalte und Geschichten über die Schweiz. Doch inländische Filme, Serien und Informationssendungen sind teuer in der Produktion. Deshalb braucht es auch künftig einen solide finanzierten Service public.

Als Gegenmassnahme regt die Medienkommission an, die Medienregulierung auf Streamingdienste auszudehnen. Wollen Sie unsere Wahlfreiheit einschränken?
Auf gar keinen Fall! Es geht uns lediglich um gleich lange Spiesse: Auch Streamingdienste sollen sich an Grundregeln wie Jugendschutz oder die Berücksichtigung europäischer Produktionen halten. Die Fernsehsender müssen das schliesslich auch.

Eine zweite Möglichkeit wäre, dass die SRG das Modell Netflix anwendet.
Ja, wir schlagen vor, dass die SRG sich zu einem personalisierten On-Demand-Angebot für Audio und Video entwickelt. Man könnte sagen: Das SRF muss ein Schweizer Netflix werden. Eigenproduktionen und Co-Produktionen mit anderen Produzenten im In- und Ausland sollten wie bei einem Streamingdienst jederzeit zur Verfügung stehen.

Zeitversetztes Fernsehen bietet die SRG doch heute schon an. Ich kann die «Tagesschau» morgens um sieben schauen, wenn ich will.
Richtig. Allerdings wird es auch anspruchsvoller, die Sendungen zu den Nutzerinnen und Nutzern zu bringen. Früher blieben viele Leute nach einer beliebten Unterhaltungssendung vor dem Fernseher sitzen und haben dann auch noch die nachfolgende Nachrichtensendung oder einen Dokumentarfilm geschaut. Das passiert bei der zeitversetzten Nutzung nicht mehr automatisch. Die Personalisierung des Angebots darf bei der SRG anders funktionieren als bei Facebook und Co. Diese folgen einer rein kommerziellen Logik. Ein Service-public-Algorithmus kann dagegen Relevanz und Vielfalt stärker gewichten.

Immer mehr Menschen konsumieren Informationen ohnehin über soziale Medien.
Ja. diese Entwicklung ist noch viel einschneidender als die Konkurrenz durch Streamingdienste. Die SRG muss deshalb auch neue Formate für die Nutzung auf Handybildschirmen und für unterwegs entwickeln dürfen. Die Erzählweise und Aufbereitung funktioniert auf Youtube oder Tiktok ganz anders als im klassischen Radio und Fernsehen. Plattformen wie Facebook, Youtube oder Tiktok verändern aber nicht nur die Medienbranche, sondern auch unsere Demokratie ganz grundlegend.

«Wollen wir akzeptieren, dass Plattformen über die Veränderung unserer Demokratie entscheiden können?»Medienprofessor Manuel Puppis

Sie sehen die Demokratie in Gefahr. Übertreiben Sie da nicht?
Wir dürfen keinesfalls vergessen, dass Plattformen auch riesige Chancen für die Demokratie bergen. Twitter, Youtube und andere bieten der Bevölkerung ganz neue Möglichkeiten, um sich zu informieren und sich politisch zu beteiligen. Das ist sehr positiv. Gleichzeitig stellen Plattformen aber Demokratien vor eine doppelte Herausforderung: Erstens fliessen immer mehr Werbegelder zu Google und Facebook, nicht in den Schweizer Journalismus. Das führt zu massiven Sparmassnahmen bei den Medienhäusern. Doch Journalismus ist weiterhin zentral für die Information der Bevölkerung und für gesellschaftliche Debatten. Zweitens verändern Plattformen durch ihre spezielle Funktionsweise die öffentliche Kommunikation stark.

Welche Veränderungen sprechen Sie an?
Plattformen prägen unsere Wahrnehmung der Welt. Die Zusammenstellung unseres Facebook-Newsfeeds, unserer Youtube-Empfehlungen oder unserer Google-Suchresultate geschieht automatisch durch Algorithmen. Aber diese wurden von Internetkonzernen programmiert, die damit Geld verdienen wollen. Der demokratische Dialog steht nicht im Vordergrund. Neuere Forschung zeigt, dass Youtube die Nutzungsdauer maximiert, indem immer provokativere und extremere Inhalte als nächstes Video empfohlen werden. Hinzu kommen weitere Probleme, zum Beispiel die Verbreitung von Desinformation oder auch von Aufrufen zu Hass, Beleidigungen oder der Darstellung von Gewalttaten.

Was schlagen Sie vor?
Wir müssen erstens sicherstellen, dass es weiterhin ein einheimisches Medienangebot gibt. Die Emek schlägt deshalb Journalismusförderung und einen modernen Service public vor. Zweitens müssen aber auch Plattformen in die Verantwortung genommen werden. Es braucht bestimmte Grundregeln, und Algorithmen müssen für die Nutzerinnen und Nutzer nachvollziehbar sein.

Dass die Schweiz Youtube und Twitter regulieren will, wird im Silicon Valley doch höchstens belächelt.
Die Frage ist doch: Wollen wir akzeptieren, dass Plattformen im Ausland über die Löschung von Inhalten, den Umgang mit Desinformation und die Veränderung unserer Demokratie durch Algorithmen entscheiden können? Und die Schweiz steht ja nicht allein da. Andere europäische Länder, der Europarat und die EU haben ebenfalls den Anspruch, dass sich Internetfirmen aus den USA oder China an hiesiges Recht halten und durch ihr Gebaren nicht unsere Demokratie schädigen. Als Mark Zuckerberg, der CEO von Facebook, vom EU-Parlament zu einer Anhörung vorgeladen wurde, war ihm wohl nicht mehr zum Lachen zumute.

Erstellt: 27.01.2020, 13:09 Uhr

Zur Person

Manuel Puppis ist Professor für Mediensysteme an der Uni Freiburg im Üechtland. Er ist Mitglied der Eidgenössischen Medienkommission. (ese)

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