Warum syt dir so truurig?

Schweizer Bauern gehören zur Berufsgruppe mit der höchsten Selbstmordrate. Über das Leben und Sterben auf unseren Bauernhöfen.

Die Idylle trügt – viele Bauern stecken in der Krise: Ein Bauernhof im Berner Oberland. Foto: Keystone

Die Idylle trügt – viele Bauern stecken in der Krise: Ein Bauernhof im Berner Oberland. Foto: Keystone

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Adrian Haggenmacher hat kürzlich eine Partnerin gefunden, Nadja. Und sein T-Shirt mit dem Titel «Switzerland by Night» lässt Humor vermuten – ein Muni bespringt im Mondschein eine Kuh. Zudem hat er ein Crowdfunding lanciert. Der Jungbauer plant also für die Zukunft, oder nicht?

Ich denke darüber nach, während Haggenmacher – Cowboyhut, helle Stimme, kurzer Bart – seinen Stall erklärt, eine luftige Halle ob Meilen mit Blick über den Zürichsee, 2015 gebaut für sechzig Stück Vieh, inklusive Futterroboter und Melkroboter. Haggenmacher könnte auch verzweifelt sein, einem Burn-out nahe wie so mancher Schweizer Bauer, denn sein Betrieb – «einer der modernsten im Land» – steckt tief in den roten Zahlen.

Der Grossvater hatte den Hof gekauft, der Vater machte ihn gross, und nun droht ihm, in der dritten Generation, der Ruin. Er rechnet vor: Emmi biete pro Liter Milch 60 Rappen, die Produktion koste 70 Rappen. Macht 50'000 Franken Verlust pro Jahr. Wenn er arbeite, so verdiene er nicht, er zahle dafür. Wie lange hält man das aus psychisch – und wie lange physisch, bei zehn Stunden Arbeit an sieben Tagen pro Woche?

Ich stehe zusammen mit einem knappen Dutzend Menschen in Haggenmachers Stall. Ein Artikel im «Meilener Anzeiger» hat uns angelockt. Die meisten sind zu Fuss gekommen, wie ich, wir wohnen in der näheren Umgebung. Ja, er suche Paten für seine Kühe, bestätigt Haggenmacher die Informationen im Blatt. Nicht für alle, aber für die Hälfte. Aus Not.

Lasse sich niemand finden, werde er die dreissig Tiere schlachten müssen. Weil sie zu wenig Milch geben, weil sie sich gar nicht oder erst im x-ten Anlauf besamen lassen, weil sie immer wieder krank sind. Also, wirft jemand aus der Runde ein, würden sie nicht in die Norm einer Schweizer Milchkuh in Zeiten sinkender Milchpreise und steigender Kosten passen? «So ist das», bestätigt Haggenmacher und krault eines seiner Tiere zwischen den Augen. Dazu lächelt er. Wahrscheinlich würde er lieber weinen.

Welche Kuh meine Patenkuh wird, habe ich bereits zu Hause auf Haggenmachers Webseite «Save a Cow» entschieden. Es ist Flora, ihr Blick ist so sanft, sie darf nicht sterben. Allerdings übernehme ich nur ein Viertel Flora, für dreissig Franken monatlich, zahlbar mit PayPal; das ganze Tier ist mir zu teuer. Als Dank erhalte ich von nun an jede Woche gratis zwei Liter Milch, frisch ab Euter, weder pasteurisiert noch homogenisiert noch uperisiert.


Wege aus der Krise I:

Patenschaften für Kühe («Save a Cow).Adrian Haggenmacher, Meilen ZH


Auf dem Weg nach Hause wandere ich vorbei an goldgelb leuchtenden Weizenfeldern, in der Tiefe der schillernde See, und denke darüber nach, was wir eigentlich tun: In der Schweiz wird zu viel Milch produziert. Trotzdem ist eine Kuh wertlos, wenn sie diesen Überfluss nicht noch mehr nährt. Das ist schon sehr seltsam. Aber ich lasse mir meine Freude nicht nehmen. Mit meinem Anteil an Flora trage ich dazu bei, dass der Hof überlebt – und damit auch ich: Adrian, mein Bauer, der du bist. Ich danke dir für Speis und Trank. Was würde ich ohne dich tun, woher mein tägliches Brot, meine Milch, woher Cervelat, Rösti und Fondue?

Haggenmacher hat in der Not eine Idee entwickelt, und sie funktioniert. Als ich wenige Wochen nach dem Start der Aktion meine Milch hole, erzählt Haggenmacher, er habe bereits für die meisten seiner Tiere Paten gefunden. Macht, aufs Jahr hochgerechnet, 30'000 Franken Mehreinnahmen. Nicht schlecht!

Doch zu viele Bauern finden keinen Ausweg aus ihrer Not. 2013 haben sich allein im Kanton Graubünden sieben umgebracht, zwei davon auf Vorzeigebetrieben. 2016 starben im Welschland acht durch die eigene Hand. 2017 waren es im ganzen Land mindestens vier, die genaue Zahl wird wohl nie bekannt gegeben. «Ich sage nichts mehr», sagt ein Bauernvertreter, der sie kennt. Seine Angst, eine nächste Welle zu provozieren, ist begründet. Die Zahl der Anrufe beim bäuerlichen Sorgentelefon ist auch im vergangenen Jahr weiter gestiegen. In den Statistiken gehören die Bauern zu den Berufsgruppen mit der höchsten Selbstmordrate.

Warum nehmen sich Bauern das Leben? Eine Umfrage auf «Landwirt.com» ergibt in wenigen Stunden über vierzig Antworten. Einige User verweisen auf die hohe Arbeitsbelastung, andere erwähnen die fehlende Partnerin, was nicht nur einsam mache, gleichzeitig fehle eine Gratis-Arbeitskraft. Ein Bergbauer beklagt den Selbstmord seines Vaters: «Die genauen Gründe weiss niemand, er hat sich nicht verabschiedet. Vielleicht, weil er Depressionen hatte, Angst vor dem Winter, Angst vor Demenz und auch Angst, als Versager dazustehen. Hat einen Betrieb mit Frau und vier Kindern im Stich gelassen. Ändern kann man es nicht mehr.»

Die Bauern müssen ihren Job grundsätzlich überdenken, wenn sie eine Zukunft haben wollen.

Aus dem Welschland schreibt mir die Mutter eines Jungbauern: «Notre fils s’est suicidé pour l’agriculture au nom de l’agriculture. Monsieur, on se moque de notre production, on ne respecte pas la nourriture.» Als ihr Sohn erkannt hatte, dass der Neubau des Stalls ihn in eine Schuldenfalle ohne Ausweg trieb, konnte er nicht mehr. Ich treffe eine Bäuerin, deren Mann sich erhängt hat. Fünfmal hatte die Grossmetzgerei der Region seine schlachtreifen Schweine geholt, aber nicht bezahlt. Damit fehlte dem Betrieb das Einkommen. Der Bauer nahm es hin, die Bäuerin nicht. Als sie die Betreibung einleitete, rief einer der bekanntesten Bauernpolitiker des Landes an: Wenn sie das durchziehe, treibe sie die Metzgerei in den Konkurs. Ob sie sich überlegt habe, wie sie dann vor den anderen Bauern dastehe? Sie zog die Betreibung zurück. Als auch nach der sechsten Lieferung kein Geld kam, zog ihr Mann die letzte Konsequenz.

«The future of farming is not farming», ist die kürzeste Antwort auf die Frage, was sich gegen die Selbstmorde tun lässt. Den Satz geprägt hat die amerikanische Agrarjournalistin Sarah Mock in einem Essay über die Zukunft der US-Landwirtschaft. Diese ist mit unserer insofern vergleichbar, als dass sich auch hier die Bauern umbringen. Sie erschiessen zuerst ihre hundertfünfzig Kühe, dann sich selbst. Mock kommt zum Schluss, dass die Bauern ihren Job grundsätzlich überdenken müssen, wenn sie eine Zukunft haben wollen.

In der Landwirtschaft des 21. Jahrhunderts gehe es nicht mehr darum, Tiere und Pflanzen wachsen zu lassen, sondern viel einfacher: «It’s about growing businesses.» Was auch immer Geld bringt, ist gut. Die Voraussetzungen dafür sind die richtige Nase für eine ökonomische Nische und der Mut, mit der Tradition zu brechen – erkennend, dass nicht für immer richtig sein muss, was zu Zeiten der Grosseltern richtig war.

Einer der Ersten, die in der Schweiz das bäuerliche Berufsbild neu definiert haben, ist mein Freund Andreas Kurtz, Bauer in Steg, einem Dorf im nebelfreien Zürcher Oberland, am Fuss von Hörnli und Schnebelhorn. Andreas war Ende der Siebzigerjahre vom See hier heraufgekommen, damals 25, hatte einen Milchwirtschaftsbetrieb gepachtet und gleich alles umgestellt.

Pferde anstatt Kühe. Auf den Hängen liess er Walliser Schwarznasenschafe weiden, ein Tabubruch. In den Schulferien organisierte er Lager für Kinder, Randständige fanden auf seinem Hof Unterschlupf, daneben unterrichtete er Querflöte. Gleichzeitig stellte er die Bewirtschaftung um. Die Tiere erhielten Laufställe. Den Mist kompostierte er. Das Heu kam erst auf den Stock, nachdem sich Blumen und Gräser versamt hatten.


Wege aus der Krise II:

Pferde statt Kühe.Andreas Kurtz, Steg ZH


Andreas war der Erste, der in dieser abgelegensten Ecke des Kantons anders dachte und handelte. Damit tat er alles, um anzuecken. Was er auch tat. Aber er hielt durch, und er hatte Erfolg. Vierzig Jahre später lebt er immer noch in Steg, zusammen mit Tina Neuenschwander und den gemeinsamen Kindern Florian und Alexandra, inzwischen erwachsen.

An einem Sommerabend sitzen wir auf dem Balkon seines Hauses. Im Garten ruft ein Pfau, Katzen gehen von Knie zu Knie und suchen sich den bequemsten Ort. Es gibt Kartoffeln und Karotten aus dem Ofen, dazu eigenes Rindfleisch. Andreas schöpft und reklamiert: «Immer muss ich.»

Was macht die Bauernfamilie anders?

Sohn: Der Vater und ich, wir arbeiten viel zusammen. Ich mache es, wie er es machen würde, und er macht es, wie ich es machen würde. Wir bleiben auch nicht immer beim Alten. Wir ändern alle paar Jahre, was wir machen.
Vater zum Sohn: Du überlegst dir halt wahnsinnig viel.
Sohn: In der landwirtschaftlichen Schule lernen sie nur etwas: Du musst grösser und grösser werden, denn mehr Land bedeutet mehr Geld. Dann kommen sie nach Hause und wollen umsetzen, aber es geht nicht, das treibt sie sofort in die Enge.
Vater: Sie krüppeln wie die Irren.
Mutter: Die künstliche Hüfte ist schon bestellt.
Vater: Und gleichzeitig kommen die Konflikte. Manchmal mischen ja drei oder mehr Generationen mit. Beim E. ist das so. Der Grossvater ist jetzt zwar gestorben, und der Vater ist weiss nicht wie alt, uralt, aber der E. kann trotzdem nicht machen, was er will. Der Vater sagt ihm, wie es der Grossvater gemacht hat, also macht er es so. Er trägt nun das gleiche Hüetli wie der Vater.
Tochter: Ich habe einen Kollegen. Der kam zurück auf den Hof und lief schon bald danach fast in ein Burn-out. Der Hof ist zu gross; den scheisst es nur noch an. Wenn ich jeden Tag im Säulistall stehen müsste und immer das Gleiche tun, vierzig Jahre lang, also dann würde ich auch durchdrehen. Das ist nicht zum Aushalten.
Sohn: Wir probieren immer wieder neue Sachen aus.
Tochter: Wir sind nicht auf einer Schiene. Wir sind offen. Wenn wir von einer guten Idee hören, auch aus dem Ausland, dann probieren wir das aus. Die Eltern lassen uns auch mitreden, wir können einbringen, was wir wollen.

Heute ist der Hof der Familie noch breiter abgestützt als zu Beginn. Neu dazugekommen ist der Verdienst aus dem Bau tiergerechter Ställe, die der Vater entwickelt, für Bauernhöfe mit behornten Kühen ebenso wie für den Zirkus Knie. Weiteres Geld fliesst aus Lohnarbeiten für Kollegen, auch stehen wieder ein paar Mutterkühe und Kälber im Stall, deren Fleisch ab Hof verkauft wird; einen Zustupf bringen eingemietete Kaschmirziegen, und nicht zuletzt fliessen auch auf dem Betrieb der Familie Kurtz-Neuenschwander Direktzahlungen – mehr als bei anderen Bauern. Andreas und Tina schieden bereits ökologische Ausgleichsflächen aus, als noch niemand davon sprach. Das zahlt sich jetzt aus. Und so sagt Andreas nach vierzig Jahren: «Bauer sein ist das Geilste, was es gibt.»


Wege aus der Krise III:

Kaschmirziegen.Matthias Brunner, Oberaach TG


Inzwischen haben auch andere erkannt, dass das Einkommen nicht zwingend aus den Quellen des bäuerlichen Mainstreams stammen muss, also von dort, wo man sich auf die Füsse tritt und Überproduktion die Preise ruiniert. Landwirt Walter Bühler züchtet in Schwarzenberg Weinbergschnecken. Hier, im Schatten des Pilatus mit hohen Niederschlägen, finden sie beste Lebensbedingungen.

Niklaus Jenni aus Bangerten lässt in seinem Stall Karpfen wachsen. In Muolen halten Alois und Lisbeth Gabler achtzig Wasserbüffel. Preis pro Liter Milch: 3.20 Franken, also das Sechsfache von Kuhmilch. In Bärfischenhaus baut die Familie Streit eine Seidenraupenzucht auf und serviert nach Führungen Hofprodukte.


Wege aus der Krise IV:

Wasserbüffel – der Milchpreis ist sechsmal höher als bei Kühen.Lisbeth Gabler, Muolen SG.


Mario Koch in Lömmenschwil hat sich mit zwanzig einen Kindheitstraum erfüllt und hält im ehemaligen Kuhstall nun Dromedare. Geissenbauer Christian Näf startete ein Crowdfunding, als ihm 60'000 Franken für den Kauf eines Bergheimetli fehlten. Nach hundert Tagen hatte er doppelt so viel beisammen.


Wege aus der Krise V:

Dromedare.Mario Koch, Lömmenschwil SG


Bauer Klaus Böhler in Seuzach produziert Edamame in Bioqualität, dazu Urdinkelgraspulver zum Preis von 19.50 Franken pro fünfzig Gramm. Und auf dem EyHof in Burgdorf, seit 1747 im Besitz der Familie Kunz, werden heute Shrimps gezüchtet, hundert Gramm für 10 Franken. Kein anderes Projekt hat das Publikum im Rahmen des «agro-Preises 2017» so begeistert wie dieses.


Wege aus der Krise VI:

Shrimps.Christian Kunz, EyHof in Burgdorf BE.


Alle diese Konzepte haben einen gemeinsamen Nenner: die Not. Sie macht erfinderisch, sie wird zum Ausweg aus den endlosen Diskussionen um Milchpreis und Direktzahlungen, und sie gibt den nötigen Mut, um mit den Traditionen zu brechen. Als Sarah Mock – selbst Bauerntochter – ihren Essay schrieb, kam sie soeben von einem Kongress über die Zukunft der amerikanischen Landwirtschaft. Slogan des Kongresses: «Adapt or Die.»

Meine persönliche Lieblingsnische bewirtschaftet Matthias Hollenstein. Hollenstein (31) war ursprünglich Polymechaniker, stieg aus und begann auf einem Bio-Obstbetrieb eine Lehre als Landwirt. Inzwischen ist er selbstständig und produziert auf fünf Hektaren Gemüse und Getreide, das er an Restaurants und Biogeschäfte verkauft. Hollenstein arbeitet nach dem Prinzip der regenerativen Landwirtschaft, das heisst, seine Böden gewinnen durch die Bewirtschaftung an Qualität und werden fruchtbarer. Das ist eigentlich unmöglich. «Tausend Versuche» habe er durchgeführt, bis er sicher gewesen sei, dass sein Prinzip funktioniere, sagt Hollenstein. Er nennt es «SlowGrow».

Auf Hollenstein stosse ich im Rapperswiler Restaurant «Jakob». Der Koch erzählt am Tisch, was auf den Teller kommt, eine Wahl habe ich nicht. Sein Lieferant – Hollenstein – habe ihm am Vortag ein paar Harasse Gemüse gebracht, alles, was gerade reif zur Ernte gewesen sei, unter anderem jungen Hafer, damit müsse er auskommen. Ohne recht zu wissen, was mit den Schösslingen zu tun sei, habe er sie mit etwas Lorbeer über Nacht in Wasser quellen lassen, dann zusammen mit Spargeln gekocht. Das Ergebnis werde er nun alsbald servieren. Während der Koch erklärt, reibt er sich die Hände, als würde er sich selbst darauf freuen.

Er weidet auf den Schweizer Wiesen von Bäuerin Lisbeth Gabler: Ein Wasserbüffel. Foto: iStock

Das Essen überzeugt. So sehr, dass ich Tage später morgens um halb sieben auf Hollensteins Land in Kempraten stehe, also dort, wo der Hafer gewachsen ist. Ich helfe dem Bauern beim Jäten. Als Entgelt wird er mir später einen Bund frischen Knoblauch in die Hand drücken.

Die nächsten Stunden verbringe ich kniend zwischen den Beeten, es ist einer der heissesten Tage des Jahres. Hollenstein, mit Sonnenbrille und Ohrring, referiert derweil über die Bodenerosion. Zwanzig Milliarden Tonnen Humus verlieren wir weltweit pro Jahr. Der Erde geht der Boden aus. Was machen wir? Nichts.

Er spricht über den Aufbau seiner Beete: Immer ist die Erde bedeckt, mit Mulch oder mit Holzschnitzeln. Er spricht über die hüfthohe Gründüngung, gelb und hellblau blühend, über Tagetes als Mittel gegen Schädlinge, über seine Freude an den Blindschleichen, er referiert über Vitamine und darüber, dass der Einsatz von Pestiziden bei den Bauern Depressionen auslöse, über die Fähigkeit seiner Böden, mehr CO2 aufzunehmen, als sie ausstossen.

Je weiter er ausholt, desto nachvollziehbarer wird, weshalb seine Haferschösslinge eine neue Geschmacksdimension eröffnen. Dass der Bauer die Kundschaft nach Möglichkeit in sein Geschäft einbezieht – er ist immer auf Helfer angewiesen, die Kellnerin im «Jakob» weist darauf hin – , macht alles nur noch besser. Die Arbeit auf dem Feld gibt Gelegenheit, die Fingernägel wieder einmal im Sinne der Evolution einzusetzen, am Abend sind die Ränder schwarz. Genau: mehr Dreck!

Wochen später fahre ich nach Oberwil-Lieli, ein kleines Dorf am Rande des Mutschellens. Landstrassen schlängeln sich an Feldern und Wiesen entlang, führen über Hügel, queren mit Weiden gesäumte Bäche. Am Himmel rütteln Turmfalken, ab und zu ein Bauernhof, der sich an einen Hang drückt, die Fassaden beschattet von mächtigen Linden. Was für ein schönes Land!

Damit hat sich Bauer Mario Koch einen Kindheitstraum erfüllt: Statt Kühe grasen bei ihm neu Dromedare. Foto: iStock

Aber nicht nur: Im Vergleich zur Allgemeinbevölkerung drohen Bauern doppelt so häufig auszubrennen. In den vom Wind bewegten Gräsern, den Trockensteinmauern, den Miststöcken, dem Läuten der Kuhglocken erkennen zu viele Landwirte nichts mehr anderes als Not und Verzweiflung.

Die Gründe sind offensichtlich. 1910 beanspruchte unsere Ernährung fast die Hälfte des Einkommens, heute ist es noch ein Zehntel. Die permanente Verfügbarkeit der Lebensmittel zu Discountpreisen nimmt diesen ihre existenzielle Wichtigkeit. In unserem Alltag haben wir keine Zeit, darüber nachzudenken, wie sie entstehen und wie viel Arbeit dahintersteckt. Das Interesse an der nationalen Landwirtschaft, so es denn existiert, ist entweder folkloristisch verbrämt – die 2011 gegründete Zeitschrift «LandLiebe» erreicht mehr als eine halbe Million Menschen –, oder es ist digital: «Farming Simulator» ist das meistverkaufte PC-Spiel im Land.

Gering ist hingegen die Wertschätzung der realen Bauern. Wie gering, wurde mir kürzlich klar, als der Sohn meiner Partnerin von der Schule nach Hause kam. Weil wir zehn S-Bahn-Minuten von Zürich entfernt wohnen und es bei uns ab und zu nach Gülle riecht, hatte ihn ein Kollege «du Puur» genannt. Noch nie habe ich ihn so beleidigt gesehen.

Am Ende der Fahrt durch die Bilderbuchschweiz wartet Andreas Bosshard, Mitinitiant des Thinktanks «Vision Landwirtschaft», Dr. sc. nat. und einer der profiliertesten Kritiker der nationalen Bauernpolitik. Bosshard hat vor siebzehn Jahren zusammen mit Partnern den Hof Litzibuch gepachtet, konzentriert sich heute aber, neben seiner Tätigkeit als Denker und Bauernberater, ebenfalls auf eine Nische. Er produziert Saatgut für Heuwiesen, abgestimmt auf lokale Böden und ihre Anforderungen. Die Samen dienen der Erhaltung der Artenvielfalt, gleichzeitig helfen sie, dort zu begrünen, wo Autobahnen oder Skipisten Wunden in die Landschaft geschlagen haben.

Das Geschäft floriert. Auch seine Frau ist in einer Nische tätig. Sie engagiert sich für die regionale Vertragslandwirtschaft, ein Konzept, das Ende der Sechzigerjahre in Genf entwickelt wurde und sich nun langsam über ganz Europa ausbreitet: Eine Gruppe Konsumentinnen und Konsumenten pachtet gemeinsam ein Stück Land, stellt einen Bauern zu dessen professioneller Bewirtschaftung an, arbeitet gleichzeitig mit und erhält dafür wöchentliche Gemüsepakete.

Bosshard ist ein drahtiger Typ, die dünnen Beine stecken in kurzen Hosen, und er wirkt so, als sei er dauernd wütend. Ist er auch; denn für die Landwirtschaftspolitik hat er fast nur vernichtende Worte. Wir sitzen in seinem Büro, mehr Höhle als Arbeitsraum, Bücher bis an die Decke, Blick auf einen Hain Obstbäume, den er ohne Pestizide bewirtschaftet. «Das ist so simpel. Dabei heisst es immer, es gehe nicht.»

Erhöhen Nischen die Chancen auf Erfolg?

Bosshard: Ja. Nischen sind eine Lösung für viele Probleme, in diese Richtung müssen wir vermehrt gehen. Wer es gut macht, kann seine Produkte zu ausgezeichneten Preisen verkaufen.

Weshalb gehen nicht mehr Betriebe in diese Richtung?

Bosshard: Solange so viel staatliches Geld in unsere Landwirtschaft geht, fehlt der Anreiz, die Massenproduktion zu verlassen. Lieber verscherbeln die Bauern ihre Produkte zu Tiefpreisen. Ein Einkommen bleibt da nur, weil der Staat sie mit seinen Zahlungen über Wasser hält. Das drückt aber auf die Psyche. Der Selbstwert geht verloren.

«Wir haben in der Schweiz paradiesische Zustände. Doch die Milliarden bleiben nicht bei den Bauern.»Andreas Bosshard, Mitinitiant des Thinktanks «Vision Landwirtschaft»

Der Präsident der Jungbauern erklärte 2017, wenn der Milchpreis nicht endlich steige, sei das «Milchland Schweiz in Gefahr». Erstaunlich, dass auch die kommende Generation kein anderes Thema hat.

Bosshard: Der Bauernverband macht es sich mit dem Streit um den Milchpreis sehr einfach. Er setzt sich als Held in Szene und tut so, als ob er an vorderster Front für die Bauern kämpfe. Dabei weiss er genau, dass dieser Kampf rein gar nichts bringt. Wir haben in einer Studie gezeigt, wie die Milchbauern tatsächlich mehr verdienen könnten – pro Betrieb im Durchschnitt mehrere Monatslöhne pro Jahr. Die Idee ist simpel: mehr Weidewirtschaft, weniger Kraftfutter. Das reduziert die Kosten markant. Wir haben die Studie allen Bauernzeitungen geschickt. Sie wurde nirgends abgedruckt, nicht einmal in einer Randspalte erwähnt.

Über Direktzahlungen fliessen pro Jahr fast drei Milliarden in die Landwirtschaft. Das müsste doch genügen.

Bosshard: Eigentlich haben wir in der Schweiz paradiesische Zustände. Der Staat unterstützt unsere Landwirtschaft fünf- bis zehnmal grosszügiger, als es das Ausland tut. Doch die in die Landwirtschaft gepumpten Milliarden bleiben nicht bei den Bauern, sondern fliessen gleich weiter. In immer mehr Technik, in immer grössere Ställe, in noch mehr Futtermittel, noch stärkere Traktoren. Die Berater trichtern den Bauern tagtäglich ein: Nimm noch dies, kauf noch das. Dann hast du mehr Ertrag, das lohnt sich. – Sie treten einen Rattenschwanz an Investitionen los. Davon profitieren aber nicht die Bauern, sondern letztlich nur jene Unternehmen, die den Landwirten diesen Unsinn verkaufen.

Nummer eins unter diesen Unternehmen ist Fenaco, ein in der Öffentlichkeit weitgehend unbekannter Konzern mit zehntausend Mitarbeitern und sechs Milliarden Umsatz. Zwei ehemalige Verwaltungsräte – Ueli Maurer und Guy Parmelin – sitzen im Bundesrat. Fenaco vereint achtzig Firmen unter einem Dach, darunter die Ladenketten Landi, Volg und Prima, dazu kommen Futter-, Dünger- und Landmaschinenhersteller. Der frühere Preisüberwacher Rudolf Strahm hat Fenaco in der Zeitschrift «Bilanz» einmal «als Staat im Staat» bezeichnet. Das Unternehmen sei eine Krake, die mit ihren Tentakeln die Landwirtschaft in Besitz genommen habe.

«Nischen können jedem zweiten oder dritten Bauernhof zu zusätzlichem Einkommen verhelfen.»Achim Walter, Professor am ETH-Institut für Agrarwissenschaften

Für Bosshard sind Fenaco und ähnliche Unternehmen mitverantwortlich dafür, dass die Schweizer Landwirtschaft seit 2009 nichts mehr aus ihrer Produktion verdient: «In die Landwirtschaft geht viel Geld rein und viel wieder raus. Bei den Bauern bleibt sehr wenig.» Als Folge gehört heute jeder vierte Bauer in der Schweiz zu den Working Poor, und jeder Hof mit 20 Hektaren hat eine halbe Million Schulden.

Nischen sind Lösungen in Zeiten ohne Lösungen, aber sie verlangen Geduld. Die Trüffelbauern in Oberhallau warteten acht Jahre auf ihre erste Ernte; mit seiner Seidenraupenzucht müsse er im Moment noch «unten durch», sagt Mitinitiant Reto Streit, aber das sei normal, und auch Matthias Hollensteins «SlowGrow»-Gemüse wäre ohne Gratisarbeit von Helfern zurzeit nicht denkbar. Zudem sind die produzierten Mengen gering.

Er glaube deshalb kaum, dass Nischen je mehr als zehn Prozent zum nationalen Bedarf an Nahrungsmitteln beitragen werden, sagt Achim Walter, Professor am ETH-Institut für Agrarwissenschaften. Was ihre Bedeutung für den einzelnen Betrieb aber keineswegs schmälere: «Nischen können jedem zweiten oder dritten Bauernhof zu zusätzlichem Einkommen verhelfen.» Es ist jenes Einkommen, das Ende Jahr rote Zahlen in eine schwarze Null zu verwandeln vermag. So ganz persönlich, fügt Walter hinzu, finde er das Konzept «toll», er kaufe oft bei Nischenlandwirten.

«Es gibt immer eine Lösung. Das Leben abzukürzen ist keine.» Ueli Strahm, Bauer aus dem Emmental

Einnahmequellen ausserhalb der landwirtschaftlichen Tradition haben aber noch eine weitere Bedeutung. Sie dürfte letztlich wichtiger sein als ihr ökonomischer Nutzen: Nischen geben Hoffnung. Der Alltag wird nicht mehr von Milchpreis, Grossverteilern oder Fenaco diktiert, im Zentrum steht die Eigeninitiative. Daraus wachsen jene Freude und Selbstsicherheit, die Kraft für die Zukunft geben.

Agnes Schneider, selbst Bäuerin, Lehrerin an einer landwirtschaftlichen Schule sowie Mediatorin bei Hofkonflikten, sagt: «Auch wenn Nischen keine Lösung für alle Betriebe sind, so predige ich immer wieder, wie gut und sinnvoll sie sind. Wer eine eigene findet, der hat in der Regel grosse Freude an der Arbeit und ist weit weniger suizidgefährdet.» ETH-Professor Achim Walter sagt es noch klarer: «Bauern, die eine Nische gefunden haben, werden mit Sicherheit nicht Selbstmord begehen.»

Dafür spricht die Geschichte von Ueli Strahm, einem Bauern aus dem Emmental, der sich nach einem Burn-out das Leben nehmen wollte. Die «Rundschau» porträtierte ihn 2017. Strahm suchte Hilfe, fand sie, erweiterte seinen Betrieb mit Weidegänsen und bietet nun zusammen mit seiner Frau Pflegeplätze für Menschen an, die selbst nicht klarkommen mit dem Leben. Finanziell sei seine Familie «immer noch nicht auf Rosen gebettet», erzählt Strahm heute, aber dank der Pflegeplätze habe er ein regelmässiges Einkommen. «Es läuft rund.» Und: «Es gibt immer eine Lösung. Das Leben abzukürzen ist keine.»

(Das Magazin)

Erstellt: 31.03.2018, 09:07 Uhr

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