Sie wirft Professor Übergriffe vor – und fühlt sich nun abgekanzelt

Eine Doktorandin der Universität Basel erhebt schwere Vorwürfe gegen ihren Doktorvater. Er wird verwarnt. Sie bricht ab, geht ins Ausland und kämpft – auch gegen die Uni.

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«Auf einer Forschungsreise im Ausland erlebte ich sexuelle ­Übergriffe durch meinen Professor. Der Professor und ich sassen eines Abends am Tisch. Wir arbeiteten an unseren Laptops. Plötzlich stand er auf, beugte sich zu mir und drückte mir einen Kuss auf den Mund.»

Mit diesen Worten beginnt die ehemalige Doktorandin Anna Huber (Name ­geändert) ihren Erfahrungsbericht über die sexuelle Belästigung durch ihren Professor. Fünf Jahre lang hat diese laut Hubers Schilderung gedauert. Im Mai 2018 reicht sie Beschwerde ein, die Universität Basel leitet ein Verfahren ein. Ende November 2018 erfährt Anna ­Huber, dass das Verfahren abgeschlossen ist – das Ergebnis wird ihr vorenthalten. Persönlichkeitsschutz. Für den Professor, der hier anonym bleiben soll, gilt die Unschuldsvermutung.

Drei Monate später, es ist mittler­weile Februar 2019, berichtet diese Zeitung über den Fall (lesen Sie hier den Artikel). Und Anna Huber erfährt doch noch, welche Massnahmen die Universität ergriffen hat: Rektorin Andrea Schenker-Wicki teilt ihr persönlich mit, dass man den Professor schriftlich verwarnt habe (lesen Sie hier mehr darüber). Anna Huber sagt nach dem Treffen mit ihr: «Die Rektorin bedauert, was mir passiert und wie das Verfahren abgelaufen ist.»

«Ich muss mir die Geschichte von der Seele schreiben.»Anna Huber*

Sechs Monate hat es gedauert – viel zu lang, findet auch die Universität. Und gelobt Besserung: raschere Verfahren, die Neuanstellung einer Person, die ­Verfahren universitätsintern begleitet sowie ein neues Reglement über den Schutz vor sexueller Belästigung. Noch im Februar tagt eine neu eingesetzte Kommission zum Vorgehen in Fällen von sexueller Belästigung ein erstes Mal.

«Er ging wieder zu seinem Platz, setzte sich und arbeitete weiter. Ich konnte es kaum glauben. Ich sagte nichts. (...) Er küsste mich dennoch. Er fasste an die Brüste. (...) Es gab niemanden, mit dem ich hätte sprechen können.»

Anna Huber hat ihren Erfahrungsbericht am Mittwoch auf einem Blog einer Gruppe von Studierenden der Uni Basel veröffentlicht. Diese tritt anonym auf – etwa mit Transparenten zu Semester­beginn im vergangenen September. «Empört euch!», stand darauf, gemeint war die Rückkehr des Professors an die Uni nach einem halbjährigen Auslandaufenthalt.

Hubers Blogbeitrag ist voller intimer Details. Sie beschreibt die sexuellen Aufforderungen des Professors. Wie oft sie ihn zurückwies. Wie sie schliesslich einige Male mit ihm schlief. Wie sie ­versuchte, den Betreuer zu wechseln. Und wie sie aufgab, die geliebte Doktorarbeit hinschmiss, die Universität verliess. Sie beschreibt Wut, Kränkung, Entwürdigung, Ohnmacht, Enttäuschung, Isolation. Und vor allem: Scham.

«Ich denke jeden Tag daran»

Was ist passiert, dass Anna Huber so ­detailliert erzählt, was sie in all den ­Jahren erlebte? «Ich muss mir die Geschichte von der Seele schreiben», sagt sie. «Ich denke jeden Tag daran.» Seit zehn ­Monaten lebt sie im Ausland, sie sei nach dem Gespräch mit der Rektorin regelrecht aus Basel geflüchtet. Eine Rückkehr: im Moment undenkbar.

Natürlich hat sie gehört, dass der ­Professor nach seinem bereits länger ­geplanten Sabbatical an die Uni zurückgekehrt ist. Er betreut dort wieder Doktorandinnen – wie viele, sagt Sprecher Matthias Geering nicht. Persönlichkeitsschutz. Auch der Professor selber beantwortet keine Fragen mehr. «Wir empfehlen allen Universitätsangehörigen, zum betreffenden Fall keine Stellung zu beziehen», schreibt Geering. Im Februar noch hatte der Professor dieser Zeitung seine Sicht ausführlich dargelegt. «Die Sache ist eindeutig. Ich war ihr Vorgesetzter», sagte er. Und: «Ich habe sie immer zu mir eingeladen. Das hätte ich nicht tun sollen. Es war ein Fehler.»

Huber hat auch den offenen Brief gelesen, den die «Empört euch»-Gruppe im September veröffentlicht hat. Diese schlägt eine Reihe von Massnahmen vor, damit weitere Fälle von sexueller Belästigung und Diskriminierung vermieden werden können. «Wir bewundern die unglaubliche Energie der Betroffenen», schreibt die Gruppe. «Ein solches Versagen darf sich nicht wiederholen!»

Die öffentliche Unterstützung hat Anna Huber Mut gemacht. Sie habe sich sehr lange sehr alleine gefühlt, sagt sie. Am 2. November 2019 publiziert sie einen ersten Blogbeitrag. Die gegen den Professor ergriffenen Massnahmen ­seien «ungenügend». Eine «heimliche Mahnung» habe allein keine Wirkung. Vielmehr brauche es eine Debatte über langfristige Strategien. Eine Entlassung des Professors hält Huber hingegen nicht für lösungsorientiert. «Sie verschiebt die Probleme bloss», schreibt sie.

Forderungen versandet

«Nach der Forschungsreise kamen die sexuellen Avancen immer mal wieder. Er schrieb mir E-Mails. Er rief mich an. Er fragte im Büro, auf Konferenzen, bei Institutsveranstaltungen und bei Besprechungen meiner Dissertation.»

Der Grund für Hubers zweiten Blogbeitrag am Mittwoch ist nicht zuletzt Enttäuschung und Wut. «Die ­Universität kanzelt mich öffentlich ab, und das verletzt mich sehr», sagt sie. Zu Telebasel hatte Sprecher Geering im September gesagt: «Wenn die Massnahmen nicht so drastisch ausfallen, kann man davon ausgehen, dass das, was vorgefallen ist, nicht so drastisch war.»

Der Professor wäre laut eigenen Angaben bereit, zu zahlen – und die Universitätsleitung weiss von nichts.

Es gehe nicht an, dass die Uni die Übergriffe derart verharmlose, sagt Anna Huber. Zwar habe man ihre Beschwerde ernst genommen und im Mai 2018 rasch ein Verfahren eingeleitet. Auch Jens Gaab, Delegierter für Diversität und Nachhaltigkeit des Rektorats, habe sich in den letzten Monaten mehrmals mit einem Gesprächsangebot bei ihr gemeldet. «Doch gleichzeitig behauptet die Universität, ich würde mich mit neuen Forderungen zu Wort melden», sagt ­Huber. «Dabei habe ich diese bereits im Verfahren vorgebracht. Vor mehr als eineinhalb Jahren!»

In ihrem ersten Blogbeitrag vom 2. November hat Huber – erneut, wie sie betont – zwei Anliegen hervorgehoben: eine finanzielle Entschädigung durch den Professor sowie eine Verpflichtung zur Therapie für ihn. Dokumente, die dieser Zeitung vorliegen, bestätigen ­Hubers Aussage: Sie formulierte die ­Forderungen gegenüber der verfahrensführenden Juristin bereits im Mai 2018.

Ob die externe Juristin Anna Hubers Forderungen nicht an die Uni weiter­leitete oder ob die Forderungen intern versandeten, ist unklar. Die Anwältin nimmt keine Stellung. Und Unisprecher Geering sagt nur: «Dem Rektorat sind diese Forderungen nicht bekannt. Ob sie von der Betroffenen in einem Gespräch mit der Anwältin genannt wurden, entzieht sich unserer Kenntnis. Es wäre an der Betroffenen, uns zu kontaktieren, damit wir diesen Sachverhalt klären können.»

«Keine menschliche Nähe»

Der Professor selbst bestätigte dieser Zeitung im Februar, er sei während des Verfahrens von der Juristin nach einer möglichen finanziellen Entschädigung gefragt worden: «Ich habe Ja gesagt, aber dies ist nicht weiter thematisiert worden von der Uni.» Mit anderen Worten: Anna Huber möchte eine Entschädigung für das Erlebte, der Professor wäre laut eigenen Angaben bereit, zu zahlen – und die Universitätsleitung weiss von nichts.

Für Verwirrung hat womöglich gesorgt, dass Huber den Wunsch nach ­Entschädigung und Therapie am Gespräch mit der Rektorin nicht explizit erwähnte. Und dass sie der Uni hernach mitteilte, sie sei froh, den Fall geklärt und abgeschlossen zu haben. Doch die ehemalige Doktorandin sagt: «Ich nahm an, dass das Rektorat verstanden hatte, dass eine heimliche Mahnung allein ­wenig Wirkung hat. Und dass es die ­Forderungen kennt, die ich im Beschwerdeverfahren gestellt habe.»

Was kann die Universität verlangen? Was darf eine Betroffene nach allem, was passiert ist, erwarten? «Dich trifft keine Schuld. Du bist ein Opfer», schrieb der Professor Anna Huber im April 2018. Dieser Zeitung sagte er, als er noch redete, die Initiative für das «intime Verhältnis» sei von ihm ausgegangen. Er bedaure, dass er die Doktorandin «emotional ­belastet» habe. Es tue ihm «sehr leid». Anna Huber beschrieb die Erlebnisse im Februar so: «Zwischen uns gab es keine intime Bindung und keine menschliche Nähe, sondern sexuelle Handlungen.» Wenn sie nicht mitgemacht habe, habe sie es «zu spüren bekommen».

«Wohin mein Leben führt? Ich habe keine Ahnung.»Anna Huber*

Seit September gibt es an der Uni ­Basel eine Anlaufstelle für Studierende und Mitarbeitende, die ihre persönliche Integrität verletzt sehen. Auch das im ­Februar angekündigte Rechtsgutachten des Datenschutzbeauftragten des Kantons Basel-Stadt liegt mittlerweile vor. Laut diesem haben anzeigende Personen das Recht, nach Verfahrensabschluss in die Akten Einsicht und Stellung zu diesen zu nehmen. Anna Huber war dies noch verwehrt worden.

Noch nicht fertig ist das ursprünglich auf Herbst angekündigte neue Reglement über den Schutz vor sexueller ­Belästigung. Es könne erst nächstes Jahr verabschiedet werden, sagt Sprecher ­Geering. Vom angekündigten Verhaltenskodex liegt ein Entwurf vor. Er soll für alle Universitätsangehörigen verbindlich sein. Angedacht ist laut Geering zudem ein obligatorischer Onlinekurs für alle Mitarbeitenden. Er beziehe sich mit Fallbeispielen direkt auf den Verhaltenskodex und werde auf das zweite Semester des neuen Jahres umgesetzt sein.

Und Anna Huber? Im Land, in dem sie seit zehn Monaten lebt, fühlt sie sich langsam heimisch. Doch das Doktorat in ihrem geliebten Fach: abgebrochen. Die Zukunft: völlig ungewiss. Sie sagt: ­«Wohin mein Leben führt – ich habe ­keine Ahnung.»

Erstellt: 18.12.2019, 20:47 Uhr

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