Was die Schriften meinen

Die Debatten über das Rahmenabkommen wie über den Brexit-Deal erinnern an Bibelexegese.

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Manche Äusserungen sind gerade wegen ihrer Unverständlichkeit so reizvoll. Der Fussballer Eric Cantona wurde 1995 zu gemeinnütziger Arbeit mit dem Nachwuchs von Manchester United verurteilt, weil er einen Stadionbesucher getreten hatte. Nach dem Richtspruch sagte Cantona ernst: «Die Möwen folgen dem Fischkutter, weil sie denken, es würden Sardinen ins Meer gekippt. Danke.» Er verliess den Raum. Die britische Presse rätselte. Tiefgründig, ja, aber was meint er genau? Wer sind die Möwen? Wer die Sardinen? Und wer steuert den Kutter?

Die Deutung kryptischer Worte ist dieser Tage Breitensport. Im ermüdenden Streit um die Brexit-Modalitäten wie um das Rahmenabkommen Schweiz-EU geht es um Vertragswerke, die abschreckend umfangreich (Brexit), auffällig knapp (Schweiz), sicher aber vielfältig auslegbar formuliert sind. Die Auseinandersetzung mit beiden Texten gleicht einer Bibelexegese: Was sagen die Schriften? Wie problematisch ist das Schiedsgericht, was ist der Backstop-Mechanismus wirklich, was bleibt von der Acht-Tage-Regel? Gewerkschafter, Professoren, Diplomaten kommen zu verblüffend divergierenden Schlüssen.

In der Sendung «Arena» blaffen sich die Politiker an: Hast du die 30 Seiten des Rahmenabkommens überhaupt gelesen? Doch das Problem ist nicht das Lesen des Texts, sondern seine Deutung. Gäbe es eine sichere Lesart, sie wäre uns längst unter Applaus vorgetragen worden: Voilà, alles klar, besten Dank. Doch offenbar ist das unmöglich, ist das Zusammenspiel von Vertrag und Zukunft schlicht nicht absehbar, was so verheissungsvoll wie beunruhigend ist. Die US-Politikerin Nancy Pelosi sagte einst über Obamacare, man müsse das Gesetz erst annehmen, um herauszufinden, was drinstehe. So soll es nicht sein.

Und doch hat das hilflose Interpretieren etwas Verdriessliches.

Schwierige Texte auszulegen, ist in manchen Berufsgruppen Alltag. Rechtsgelehrte deuten Gesetzestexte, in vielen Ländern sind die Verfassungsschriften alt und bedürfen einiger Fantasie bei ihrer Anwendung auf die Gegenwart. Was hätten die US-Gründerväter zu halbautomatischen Gewehren und Onlinewaffenbörsen gesagt, als sie das Recht aufs Waffentragen formulierten? Die Theologen der Buchreligionen interpretieren heilige Texte, die nicht selten mysteriös sind, widersprüchlich. Ist der Islam nun laut Koran eine friedfertige Religion oder doch eher blutrünstig? Will die Bibel Nächstenliebe oder Steinigung? In der Literatur schliesslich plagen sich Professoren und Studenten jedes Semester neu mit der Bedeutung grosser Werke, von James Joyce bis Friedrich Hölderlin. Ist Franz Kafkas Schloss nun das Über-Ich? Der Faschismus? Oder doch die Prager Arbeiter-Unfallversicherung, bei der der Autor angestellt war?

In der Politik ist das vielstimmige Lesen uneindeutiger bis unverständlicher Vertragstexte natürlich lobenswert, Zeichen demokratischen Engagements. Und doch hat das hilflose Interpretieren etwas Verdriessliches. Es gibt Gründe, weshalb in Theologie und Recht Experten die Destillation brauchbarer Aussagen aus arkanen Schriften besorgen. Der breiten Bevölkerung fehlen Wissen, Erfahrung und Zeit für solche Deuterei. Das ist kein Kniefall vor der Elite, sondern sinnvolle Arbeitsteilung. Wir haben noch anderes zu tun. In der Schweiz sollten Fachleute klären, mit wie viel vertraglicher Vagheit sich sinnvoll leben lässt. Und wenn ihre einzige Übereinkunft ist, dass die Folgen des Papiers ungenügend dokumentiert sind: immerhin. Damit können wir arbeiten.

Erstellt: 08.03.2019, 19:23 Uhr

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