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Was die Schweizer Presse zum Rücktritt des Papsts schreibt

Mutig, überraschend, einzigartig: Aus Sicht von Schweizer Zeitungen hat Papst Benedikt XVI. mit seinem Rücktritt den richtigen Entscheid gefällt. Über seinen Leistungsausweis gehen die Meinungen auseinander.

Habemus Papam: Am 19. April 2005 winkt der frisch gewählte Papst vom Balkon seinen Anhängern auf dem Petersplatz in Rom zu.
Habemus Papam: Am 19. April 2005 winkt der frisch gewählte Papst vom Balkon seinen Anhängern auf dem Petersplatz in Rom zu.
Keystone
Neuer Name: Josef Ratzinger nennt sich Papst Benedikt der XVI. (23. April 2005)
Neuer Name: Josef Ratzinger nennt sich Papst Benedikt der XVI. (23. April 2005)
Domenico Stinellis, Keystone
Nach der Ankündigung: Die Kardinäle beraten sich im Vatikan. (11. Februar 2013)
Nach der Ankündigung: Die Kardinäle beraten sich im Vatikan. (11. Februar 2013)
Keystone
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Hier ein Überblick, wie die Schweizer Kommentatoren auf den Rücktritt des Papstes reagieren.

«Neue Zürcher Zeitung»: Kirche nicht vorangebracht

Benedikt XVI. hat in einer Institution, in der Traditionen viel gelten, in einem mutigen und ehrenwerten Entscheid aus gesundheitlichen Gründen seine Amtszeit selbst begrenzt. Einen derartigen Schritt eines Papstes hat es seit Jahrhunderten nicht gegeben.

Wünschenswert wäre es aber dennoch, dass dieses überraschende Beispiel Schule machte. Auch der Stellvertreter Christi kommt irgendwann an seine menschlichen Grenzen. (...) Redlicherweise muss man sagen, dass von dem früheren Kardinal Ratzinger nicht ernsthaft ein Strukturwandel zu erwarten war. (...) Benedikt XVI. hat das Kardinalskollegium in den vergangenen Jahren vor allem um solche Bischöfe erweitert, die auf seiner Linie liegen. Angesichts der Herausforderungen der Gegenwart hat der scheidende Papst seine Kirche kaum vorangebracht.

«Der Bund»: Riesige Überraschung

Der Rücktritt Papst Benedikts ist eine riesige Überraschung. Und doch haben die Hellsichtigen unter den Vatikankennern eigentlich damit gerechnet. (...) Offenbar haben auch die andauernden Krisen und Pannen seines fast achtjährigen Pontifikats, der Missbrauchsfall vor allem, dem bald 86-jährigen Benedikt mehr zugesetzt, als man gemeinhin annahm. (...) Dass er nun selber zur Einsicht gelangt, mit zunehmendem Alter das anspruchsvolle Amt nicht mehr ausfüllen zu können, ist ihm hoch anzurechnen. (...)

Doch auf einen Neuerer zu hoffen, der diese heissen Eisen aufgreift, frischen Wind bringt und den Reformstau löst, wäre vermessen. Benedikt XVI. hat sein Haus bestellt und dafür gesorgt, dass die römisch-katholische Kirche eine konservative Institution nach eigenen Gesetzen bleibt, die sich an der säkularen Gesellschaft reibt.

«Berner Zeitung»: Unrecht beim Namen genannt

Benedikt XVI. hat mit seinem Amtsverzicht wahr gemacht, was er vor Jahren schon einmal als Möglichkeit in den Raum gestellt hatte: So, wie er immer wieder vor dem Missbrauch geistlicher Macht gewarnt hat, so hat er jetzt die Konsequenz aus der Einsicht gezogen, dass er die ihm verliehene Macht nicht mehr in der gebotenen Weise ausüben zu können glaubt. (...)

Und auch darin zeigen sich die Grösse wie die Grenzen dieses Mannes: Wie keiner seiner Vorgänger hat er das Unrecht beim Namen genannt und den Opfern in die Augen gesehen. Doch ob die Strukturen wirken, die er im Vatikan geschaffen hat, um sexuelle Gewalt in der Kirche zu ahnden und neuer Gewalt vorzubeugen, wird sich erst weisen müssen. (...) Der nächste Papst dürfte um eine Reform des Vatikans an Haupt und Gliedern nicht mehr herumkommen.

«Neue Luzerner Zeitung»: Turbo wird nicht gezündet

Ein Papst tritt zurück. (...) Nicht nur weil es bisher so selten geschah, ist es ein mutiger Schritt von Benedikt XVI. Die Einsicht, dass das schwere Amt nun seine Kräfte übersteigt, ist ihm hoch anzurechnen. Und dass er zugibt, sich den Veränderungen der Welt, die auch die Kirche nicht ignorieren kann, nicht mehr gewachsen zu fühlen. (...)

Viele hoffen nun, dass es endlich vorangeht mit Fragen wie dem Zugang der Frauen zu den kirchlichen Ämtern, dem Zölibat oder dem Umgang mit der Sexualität. (...) Zu hoffen aber, dass nun der Turbo gezündet wird, wäre illusorisch. Eine Kirche braucht für ihre Glaubwürdigkeit auch eine gewisse Konstanz. (...) Zu hoffen ist, dass der neue Papst die Kirche in die heutige Welt zurückbringt und dabei deren kulturelle Vielfalt berücksichtigt.

«Südostschweiz»: Missbrauchsskandal an Kräften gezehrt

Für seinen in der Moderne einzigartigen Entscheid, am 28. Februar das Papstamt niederzulegen, ist Benedikt XVI. aller Respekt zu zollen, zumal er seinen Rücktritt mit seinen schwindenden körperlichen und geistigen Kräften begründet. (...)

Auf der Suche nach tieferliegenden Gründen für die Rücktrittsankündigung kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass der Missbrauchsskandal und die Vatileaks-Affäre dem fast 86-jährigen Papst die letzten Kräfte geraubt haben. Dabei wollte Papst Benedikt die katholische Kirche in seinem Pontifikat auf ein festes Fundament stellen und gestärkt in das neue Jahrtausend führen. Daraus ist nichts geworden. Im Gegenteil. (...) Unter ihm hat der Vatikan beharrlich dringend nötige Reformen in der römisch-katholischen Kirche blockiert.

«Walliser Bote»: Reformen waren seine Sache nicht

Wenn etwas je unbestritten war bei Joseph Ratzinger, so seine intellektuelle Leistungsfähigkeit. Bis heute zählt der 85-jährige Papst zu den tiefgründigsten und geradlinigsten Geisteswissenschaftern. Seine etwas aus dem Zeitgeist gefallene Disziplin, die Religion, machte ihn freilich öffentlich angreifbar – bis hin zum allgemeinen Gespött.

Benedikt XVI. wurde als wertkonservativ und rückwärtsgewandt wahrgenommen. Reformen waren seine Sache nicht. Ob und wie diese in der katholischen Kirche anzugehen wären, darüber wird selbst unter Klerikern trefflich gestritten. (...) Dagegen steht, dass sich der katholische Glaube, dass sich die Amtskirche bewegen muss. (...) Papst Benedikt XVI. konnte nicht anders handeln, als er es tat. (...) Wissend um die erlahmenden Kräfte, blieb so der Rücktritt bei noch klarem Verstand die einzige Möglichkeit.

«Landbote»: Hinterlässt zahlreiche Baustellen

Es ist ein Rücktritt aus Müdigkeit – und vielleicht auch ein wenig aus Frustration: Das vergangene Jahr war für die katholische Kirche und den Vatikan ein besonders schwieriges gewesen. Die Vatileaks-Affäre hatte nicht nur Machtkämpfe in der Kurie offenbart, sondern auch gezeigt, dass die Bemühungen Benedikts um mehr Transparenz und saubere Geschäfte nicht nur in der Kurie, sondern auch in der skandalumwitterten Vatikan-Bank IOR auf starke Widerstände stiessen. (...)

So hinterlässt Benedikt XVI. zahlreiche Baustellen: die Reform der Kurie, das Verhältnis zu den Protestanten, die Frage des Zölibats, der Frauenordination und damit des Priestermangels. Daneben wird Joseph Ratzinger als der begnadete Redner und Theologe in Erinnerung bleiben, der den Gläubigen in einfachen und verständlichen Sätzen die fundamentalen Glaubenswahrheiten des Katholizismus vermitteln konnte.

«Basler Zeitung»: Rücktritt macht Kirche gewöhnlich

Für die katholische Christenheit ist Benedikts Entscheidung keine gute Nachricht: Dass der römische Oberhirte einfach zurücktritt, so wie ein Bundesrat oder der CEO eines Grosskonzerns, macht die Weltkirche ein wenig gewöhnlicher. Doch gerade ihre Traditionen sind es, die den Zauber der römischen Kirche ausmachen, auch die umstrittenen, die von vermeintlich aufgeklärten Geistern so wütend kritisiert werden: eine Organisation, die eben nicht ganz von dieser Welt ist.

Gewiss, dass sich ein 85-Jähriger zur Ruhe setzen will, ist aller Ehren wert. Lautstarke Kritik ist daher nicht angebracht, wohl aber leise Wehmut: Der unaufhaltsame Prozess, den der Soziologe Max Weber als «Entzauberung der Welt» bezeichnet hat, macht auch vor dem Vatikan nicht halt.

SDA/chk

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