Was machen Sie denn mit dem Kind?

Die Schweiz bleibt rückständig: Frauen traut man keine Führungsaufgaben zu, Männern keine Familienarbeit.

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Der Bundesrat will die alternierende Obhut nicht zum Regelfall machen. Das schreibt er in seinem Bericht über das Betreuungsmodell, bei dem die Kinder nach einer Trennung abwechslungsweise bei Vater und Mutter wohnen, mit beiden den Alltag leben. Heute ist es so, dass die Kinder meistens bei der Mutter wohnen und den Vater nur besuchsweise sehen. Zwar wolle das Parlament die alternierende Obhut fördern, schreibt der Bundesrat, weshalb diese im neuen Unterhaltsrecht ausdrücklich erwähnt sei. Doch das Modell zum Standard zu erheben, wie dies Frankreich und Belgien gemacht haben, erscheine nicht opportun. Bei der Suche nach der richtigen Lösung müsse stets das Kindswohl der Massstab sein. Zudem würde es der liberalen Grundhaltung des schweizerischen Familienrechts zuwiderlaufen, wenn ein bestimmtes Betreuungsmodell im Zivilgesetzbuch favorisiert würde.

Der Bundesrat liefert damit gleichsam die besten Argumente für eine Verankerung der alternierenden Obhut als Regelfall. Denn es sind immer nur die strittigen Fälle, in denen ein Gericht über die Kinderbetreuung entscheiden muss. Der weitaus grösste Teil der Eltern einigt sich zum Glück aussergerichtlich. Bei denjenigen, die das nicht können, kommt es zu einem Machtkampf, bei dem es meistens um Geld und verletzte Gefühle geht. Das Wort «Kindswohl» ist hier eine inflationär gebrauchte Floskel, die den eigenen Ansprüchen Nachdruck verleihen und den eigenen Interessen zum Durchbruch verhelfen soll. Dem Kindswohl dient es am ehesten, wenn die Eltern sich verständigen. Wenn sie das nicht schaffen, sondern einander bekämpfen, dann ist dem Kindswohl am zweitbesten gedient, wenn das Gesetz die Kampfmittel entschärft und im Streitfall die Zuständigkeit Vater und Mutter zu gleichen Teilen auferlegt: Sorgerecht, Unterhalt und Betreuung. Ausnahmen sollen die Regel bestätigen, etwa im Fall von Krankheit oder Gewalttätigkeit.

Radikale Gleichstellung

Die heutige Lösung ist scheinheilig. Mit Verweis auf das Kindswohl werden die Kinder meistens der Mutter zugesprochen, der Unterhalt wird vom Vater bestritten. Dies nicht nur dann, wenn die Eltern schon während der Beziehung ein konservatives Familienmodell gelebt haben. Sondern selbst in Fällen, in denen Väter während Jahren Teilzeit gearbeitet und zu einem grossen Teil ihrer Zeit die Kinder betreut haben.

Der Blick in gerichtliche Verhandlungsprotokolle zeigt, wie schwierig es für Väter ist, nach einer Trennung gegen den Willen der Mutter an der Kinderbetreuung teilzuhaben. Sie müssen sich erklären, sie müssen beweisen, dass sie auch tatsächlich in der Lage sind, auf die Kinder zu schauen. «Was machen Sie denn mit den Kindern?», werden sie zum Beispiel gefragt, oder: «Wie wollen Sie das mit den Kindern machen, bei dieser Aufgabenlast?» Müttern werden solche Fragen nie gestellt.

Dieselbe Situation haben wir in der Wirtschaft, einfach spiegelverkehrt. Im Erwerbsleben haben es Frauen schwerer als Männer. Je höher die Hierarchiestufe, desto mehr müssen sich Frauen erklären und beweisen, desto schwerer wiegen ihre Fehler. Mit radikalen Gleichstellungsmassnahmen könnte man das ändern, in der Familienpolitik wie in der Wirtschaft. Doch die Schweiz macht lieber kleine Schritte. Richtwerte von 20 oder 30 Prozent Frauenanteil in Führungsgremien, als Empfehlung an die betroffenen Firmen. Ein Signal setzen, dass man die alternierende Obhut gut findet. Aber mehr nicht. Damit überstürzen wir nichts. Sorgen aber dafür, dass die Schweiz rückständig bleibt.

Erstellt: 10.12.2017, 22:35 Uhr

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