«Es sind genau diese Fragen, die mir fehlen werden»

Didier Burkhalter gibt zum Abschied ein Interview – schriftlich. Er sagt, worauf er besonders stolz ist, welche Menschen ihn am meisten beeindruckt haben und was er jetzt machen will.

«Manchmal denke ich, dass mein Kopf und mein Herz explodieren, weil so viele Erinnerungen darin gespeichert sind»: Didier Burkhalter über seine Zeit als Aussenminister.

«Manchmal denke ich, dass mein Kopf und mein Herz explodieren, weil so viele Erinnerungen darin gespeichert sind»: Didier Burkhalter über seine Zeit als Aussenminister. Bild: Adrian Moser

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Wo, glauben Sie, wird die Schweiz europapolitisch in zwei oder drei Jahren stehen? Haben wir bis dann ein Rahmenabkommen?
Noch vor einigen Jahren galt der bilaterale Weg als Sackgasse. Heute wird er als Königsweg bezeichnet. Er ist weder das eine noch das andere, sondern ein steiniger Weg, den wir für die kommende Generation bereiten können. Wenn wir es schaffen, ihn instandzuhalten und das Positive daraus mitzunehmen. Der Bundesrat arbeitet seit Jahren dafür. Der bilaterale Weg wird in zwei, drei Jahren erneuert werden. Bis dahin ist das heutige Ergebnis das beste, um die Souveränität des Landes auf diesem Weg zu sichern.

Fühlten Sie sich in Ihrer Europapolitik von Ihren Kolleginnen und Kollegen stets gestützt, im aussenpolitischen Ausschuss wie auch im Gesamtbundesrat?
Der Bundesrat ist eine Kollegialbehörde, deren Hauptziel es nicht ist, eine Person zu stützen. Die Mitglieder des Bundesrats müssen gemeinsam herausfinden, welche Lösung die beste ist für das Land. Das gilt im Speziellen für die Aussenpolitik, am allermeisten in der Europapolitik. Darum haben wir uns immer bemüht, und dafür bin ich meinen Kollegen dankbar. Auch jenen, deren Positionen manchmal Lichtjahre von meinen entfernt schienen.

Sie haben sich stets für die Entwicklungshilfe eingesetzt. Was sagen Sie zu den wiederholten Versuchen im Parlament – auch aus Ihrer eigenen Partei –, die Entwicklungshilfe zu kürzen?
Ich danke dem Parlament und der Schweizer Bevölkerung für die Solidarität gegenüber der Welt. Ich bin auch stolz auf unsere Verfassung, die uns ein starkes Engagement für Frieden, Demokratie, Menschenrechte, Umwelt und gegen Armut abverlangt. Ganz sicher bringt dieses Engagement auch uns mehr Sicherheit und Wohlstand. Konstruktive Kritik, die vom Parlament und auch von der FDP kommt, ist eine Gelegenheit, mit dieser Position zu überzeugen. Und ehrlich gesagt – ich mache das mit Freude.

Video: Standing Ovation zum Abschied

Das Parlament verabschiedete den Bundesrat mit langem Applaus.

Dass Sie diese Fragen nur schriftlich beantworten, hat eine gewisse Symbolik: Viele hatten den Eindruck, dass Sie gerade in der Europapolitik zu wenig den Dialog mit der Öffentlichkeit suchten. Fehlte Ihnen die Lust an der Debatte?
Nein. Ich mochte die vielen Diskussionen in der Schweiz und in der Welt. Allerdings finde ich, dass man die Institutionen respektieren sollte, die sich seit Jahrzehnten bewährt haben. Eine öffentliche Debatte über ein Verhandlungsmandat, das derzeit läuft und in der Verantwortung des Bundesrats ist, macht keinen Sinn. Aber es stimmt: Ich überlege gerne und schreibe in Ruhe, wenn mir Fragen für eine Zeitung wie die Ihre gestellt werden.

Sie wurden spätestens nach dem Rücktritt Eveline Widmer-Schlumpfs in bürgerlichen Kreisen regelmässig als Grund dafür genannt, warum der Bundesrat eine zu wenig bürgerliche Politik mache. Wie sehr nervt und schmerzt Sie das?
Das nervt mich nicht. Dafür braucht es viel mehr! Ich habe immer gesagt, es sei fundamental für die Glaubwürdigkeit des Bundesrats, dass seine Mitglieder unabhängig agieren können. Man muss als Bundesrat unermüdlich, vorurteilslos und resistent gegenüber Druckversuchen die beste Lösung für das Land und die Bevölkerung suchen. Das haben wir gemacht, in welcher Zusammensetzung auch immer. Zudem: Was wird mir zur Last gelegt? Dass ich mich für Lohngleichheit zwischen Mann und Frau eingesetzt habe? Das ist vielmehr ein Kompliment, würde ich sagen.

An welche konkrete Begegnung aus Ihrer Zeit im Bundesrat werden Sie noch lange zurückdenken?
Da gibt es Tausende. Manchmal denke ich, dass mein Kopf und mein Herz explodieren, weil so viele Erinnerungen darin gespeichert sind. Wenn ich eine Begegnung hervorheben möchte, dann jene mit einem kleinen Mädchen in einem Spital in Mariupol, einige Kilometer von der ukrainischen Grenze entfernt. Man kannte weder seinen Namen noch sein exaktes Alter. Das Mädchen wurde ausgesetzt, und man hatte es zum Glück gefunden und aufgenommen. Sein Blick sagte mehr als tausend Worte.

Welcher Politiker hat Sie am meisten beeindruckt, und warum?
Viele Menschen haben mich beeindruckt. Die meisten von ihnen waren nicht politisch engagiert. Sie waren mit schrecklichen Prüfungen konfrontiert, welche die globalen Konflikte mit sich bringen. Oft waren es Kinder oder junge Frauen. Manchmal Familien. Viele Menschen sind erstaunlich mutig und unerschrocken. So habe ich einmal mit einer etwa 20-jährigen Frau gesprochen, die fünf Kinder hat und soeben einen Teil ihres Landes zu Fuss zurückgelegt hatte, um ein Elendsviertel zu erreichen. Ich habe Heranwachsende gesehen, die alles dafür gemacht haben, um eine Ausbildung absolvieren zu können. Ich habe junge Flüchtlinge getroffen, deren Eltern und Grosseltern ebenfalls Flüchtlinge waren und die nach drei Generationen Elend nur eines wollten: um ihre Rechte kämpfen. In den ärmsten Gegenden der Welt habe ich Kinder von drei oder vier Jahren gesehen, die einen Blick hatten wie Erwachsene.

Ihr Kontaktbuch mit Handynummern wichtiger Leute sei ziemlich dick, hört man immer wieder. Wen werden Sie auch zukünftig öfter anrufen?
Das weiss ich noch nicht. Was ich weiss: Diese Kontakte, und kilometerlange SMS eines schweizerischen Aussenministers, können manchmal mithelfen, in der Welt Brücken zu bauen.

Welches war der Höhepunkt Ihrer Amtszeit? Und was der Tiefpunkt?
Einen Tiefpunkt habe ich nie gespürt. Auch wenn es mir nicht immer gleich gut ging. Ich weiss, dass ich enormes Glück hatte, ein Jahr von wahnsinniger Geschwindigkeit, riesigem Einsatz und grossen Aufgaben bewältigen zu können. Es war das Jahr 2014 mit der doppelten OSZE-Präsidentschaft. Dank dieser konnten wir uns konkret für den Frieden einsetzen.

Was werden Sie vermissen? Und was nicht?
Ich sage Ihnen dasselbe wie einem anderen Journalisten, dem ich lachend geantwortet habe: Es sind genau diese Fragen, die mir fehlen werden. Nein, im Ernst: Solche Fragen stelle ich mir nie. Für mich ist das Leben ein Buch, dessen Seiten man immer weiter umblättert, um neue Geschichten zu lesen.

Wird das Bundesratsamt Ihre letzte politische Tätigkeit bleiben?
Ja.

Übersetzung aus dem Französischen: Claudia Blumer

Erstellt: 20.10.2017, 15:03 Uhr

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