Über 2000 Kinder gehen nicht in die Schule

Die Zahl der Eltern, die ihre Kinder zu Hause unterrichten, hat sich mehr als verdoppelt. Jetzt reagiert die Politik.

Janet Stücklin unterrichtet ihre Kinder Eleonora, Joseph, Vivienne und Daniel (von links) selber – unter anderem im Wohnzimmer. Foto: Reto Oeschger

Janet Stücklin unterrichtet ihre Kinder Eleonora, Joseph, Vivienne und Daniel (von links) selber – unter anderem im Wohnzimmer. Foto: Reto Oeschger

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Vier Kinder stehen aufgereiht auf der Treppe vor einem kleinen Lebensmittelladen in Emmenbrücke LU. Sie strecken artig auf, sie rechnen fleissig mit, sie helfen einander. 10 Franken haben sie zu viert zur Verfügung, damit dürfen sie ein Dessert kaufen. Schoggi? ­Guetsli? Kuchen? Die Kinder müssen Preise vergleichen und sich einigen. Die Frau, die ihnen diese Aufgabe stellt, ist ihre Mutter. Es ist der einzige Moment im Verlauf des ganzen Vormittags, in dem sie wie eine Lehrerin wirkt.

Zu Hause im Wohnzimmer der Familie ist das anders. Dort ist Janet Stücklin vor allem Mutter. Daniel (5) spielt Klavier, Joseph (8) liest, Vivienne (7) übt Gymnastik, und Eleonora (3) machts ihr nach. Es gibt kein Sofa und keinen Fernseher bei den Stücklins, aber Lese-, Musik-, Bastel- und Büroecken. Keines der Kinder hat je eine Schule besucht. Mutter Janet, studierte Mathematikerin und Musikerin, unterrichtet sie seit vier Jahren daheim.

Wie die Kinder der Stücklins werden über 2000 Schüler in der Schweiz zu Hause unterrichtet. Diese überraschend hohe Zahl ist das Ergebnis einer Umfrage dieser Zeitung in allen Kantonen. Gemessen an der Gesamtschülerzahl liegen die Werte zwar noch im Promillebereich. Doch die absoluten Zahlen sind in den letzten Jahren explodiert.

Motion fordert nationale Regeln

Besonders viele sogenannte Homeschooler gibt es in der Waadt (650 Schüler), in Bern (576), im Aargau (246) und in Zürich (240). In diesen Kantonen haben sich die Zahlen allein in den letzten fünf Jahren verdoppelt bis verdreifacht. Unterrichtet werden diese Kinder meist von ihren Eltern, die manchmal ausgebildete Lehrer sind, meistens aber nicht. Es gibt aber auch zehn Kantone, in denen kein einziges Kind zu Hause unterrichtet wird – meist weil die Behörden dies nicht wollen.

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Diese Entwicklung ruft jetzt die Politik auf den Plan: SP-Nationalrat Adrian Wüthrich reicht diese Woche im Parlament eine Motion ein, in der er nationale Regeln fordert. Der Berner Bildungspolitiker ist besorgt, weil sich in einigen Kantonen Heimunterricht-Hochburgen bildeten: «Wegen der vergleichsweise laschen Vorgaben findet zum Beispiel ein regelrechter Homeschooling-­Tourismus in den Kanton Bern statt. Der Bund muss jetzt eingreifen.»

Mitverantwortlich für den Boom ist der Aargauer Willi Villiger, Präsident des Vereins Bildung zu Hause. Als dieser vor 20 Jahren gegründet wurde, war Homeschooling eine Randerscheinung. «Die wenigen Familien, die damals ihre Kinder zu Hause unterrichtet haben, stammten primär aus evangelikalen Freikirchen», sagt Villiger, selber Oberstufenlehrer in der Volksschule. Inzwischen seien die Homeschooler aber so zahlreich geworden, dass fromme Christen nur noch eine Minderheit darstellten.

Für die Selbstbestimmung

Villiger unterscheidet heute drei Motive: Eine erste Gruppe von Eltern ist mit dem Leistungsniveau der örtlichen Schule nicht zufrieden. Eine zweite Gruppe wird unfreiwillig zu Heimlehrern, weil ihr Kind in der Schule psychische oder gar gesundheitliche Probleme entwickelt. Die dritte Gruppe seien junge Eltern, die sich ihr Familienleben «nicht von aussen bestimmen lassen, sondern aktiv gestalten und ihre Ideale verwirklichen möchten», sagt Viliger. Im Grunde sei Homeschooling auch ein Symptom der Postmoderne, eine Konsequenz der Individualisierung.

Bei den Stücklins spielten mehrere Faktoren eine Rolle: Mutter Janet ist in den USA aufgewachsen und wurde selber zu Hause unterrichtet. Zudem legt die Familie Wert darauf, dass die Kinder zweisprachig aufwachsen. Und sie will eine eigene Familienkultur pflegen, in der das Lernen fliessend und stressfrei in den Alltag integriert ist. Zu dieser Kultur gehört auch eine Verbundenheit mit dem christlichen Glauben.

Für solche Argumente haben viele Kantone kein Verständnis. Elf Bildungsdirektionen zeigen sich in der Umfrage besorgt wegen der sozialen Integration. «Beim Privatunterricht bestehen klare Nachteile, da die Volksschule neben den fachlichen auch soziale Kompetenzen vermitteln soll – das geht in einer Gruppe besser als im Einzelunterricht», heisst es in Luzern, Stücklins Wohnkanton. Für die Schwyzer Behörden ist die Integration in den Klassenverband «oberste Prämisse, um den Sozialkompetenzen gerecht zu werden».

Mit der «Erziehung zur Gemeinschaftsfähigkeit» argumentiert auch der Kanton St. Gallen, wenn er gegen Home­schooler vorgeht. Eine Familie wurde zunächst von ihrer Gemeinde mit 1000 Franken gebüsst, weil sie ein Kind nicht in den Kindergarten schickte. Dann wurden beide Elternteile im Juli 2017 gerichtlich zu je 2500 Franken Busse verurteilt. Nach der Ankündigung der Gemeinde, diese Sanktionen halbjährlich zu wiederholen, zog die Ehefrau mit den zwei Kindern nach Österreich.

Weg aus Basel

Andere Familien ziehen um in Kantone, in denen die Regeln lascher sind. Ein Lehrerpaar beantragte in Basel-Stadt, seine vier Kinder ein Jahr lang selber zu unterrichten. Weil das nicht bewilligt wurde, zog die Familie in den Kanton Bern, wo sie nun Homeschooling im dritten Jahr macht. «Wir haben einen neuen Lebensstil entdeckt», erzählt die Mutter begeistert. Die Familie könne ihr Leben selbstbestimmter gestalten und mehr zusammen sein. Das Basler Erziehungsdepartement bestätigt, dass es solche Erfahrungen «restriktiv» bewilligt, das heisst: fast nie. Schüler müssten «Austausch mit Gleichaltrigen» haben, so das Departement.

Janet Stücklin kennt diese Argumente. «Wir achten darauf, dass unsere Kinder ausreichend mit den Nachbarskindern spielen und Hobbys pflegen», sagt sie. Dass das Leben nicht aus Zuckerwatte bestehe, lernten die Kinder zum Beispiel in Auseinandersetzungen auf dem Spielplatz.

Gemäss Carsten Quesel, Professor für Bildungssoziologie an der Fachhochschule Nordwestschweiz, gibt es keine Belege für eine «soziale Verarmung» der Kinder – allerdings sei das Thema in der Schweiz bislang kaum erforscht. Die Gefahr der radikalen Abschottung sei «eher klein», auch der Verein Bildung zu Hause unterstütze die Vernetzung mit der Umwelt, sagt Quesel. Es könne aber Eltern geben, die diesem nicht beiträten und sich dem Dialog verweigerten.

Wegen des Bildungsniveaus äussern die Kantone hingegen kaum Bedenken. Die Zürcher Bildungsdirektion hält fest, die grosse Mehrheit der privat unterrichteten Kinder erbringe «gute schulische Leistungen». Auch Willi Villigers eigenen Kindern scheint der Anschluss an die Bildungswelt ausserhalb des Elternhauses keine Mühe zu bereiten: Sieben haben eine akademische Laufbahn eingeschlagen, einer macht eine Lehre, zwei werden noch zu Hause unterrichtet.

Strengere Regeln

Trotzdem: Die rasante Zunahme des Homeschoolings alarmiert nun auch einzelne Kantone. Jüngst hat der Aargau seine Anforderungen leicht verschärft: Unterrichtende Eltern müssen neu im Minimum eine Berufslehre oder eine Matur vorweisen. Die Waadt will die Kontrolle über die Homeschooler erhöhen, auch Neuenburg erwägt strengere Regeln. Umgekehrt überprüfen auch restriktive Kantone ihre Regeln – etwa Schaffhausen. Nationalrat Wüthrich will die Bildungshoheit der Kantone nun beschneiden. Das hält er für gerechtfertigt, weil die sehr unterschiedlichen Anforderungen «für Verwirrung sorgen». Zudem könnten die Vorgaben durch einen Kantonswechsel leicht umgangen werden. Nationale Mindestanforderungen, sagt Wüthrich, seien einfach nötig – etwa ein Lehrerdiplom oder regelmässige Kontrollen durch das Schulinspektorat.

Bei den Stücklins stiess die Inspektorin auf eine Lernatmosphäre, die mit klassischer Schule wenig gemein hat. Mutter Janet setzt weder auf Lektionen noch Prüfungen. Vielmehr integriert sie das Lernen in den Alltag. Die beiden Älteren lösen zudem zweimal pro Tag kurze Aufgaben und Arbeitsblätter. «Bei uns gibt es wenig Zwang. Wir geben den Kindern viel Zeit für ihre Interessen, setzen aber Mithilfe im Haushalt voraus», sagt sie. Die Kinder der Stücklins wissen nicht, wie es sich anfühlt, vier Lektionen am Pult zu sitzen. Aber sie wissen, wie man einen Teig auswallt oder sich selber zum Klavierspielen motiviert.

(Redaktion Tamedia)

Erstellt: 17.03.2019, 21:26 Uhr

Vom Laisser-faire bis zum Verbot

Die Kantone regeln die Zulassung zum Heimunterricht höchst unterschiedlich. Während die Waadt keinerlei Mindestvoraussetzungen kennt, ist Homeschooling im Tessin faktisch verboten. In Bern müssen die Eltern die Unterrichtsziele der Volksschule erreichen und sich von einer «pädagogisch ausgebildeten Person» begleiten lassen. In Zürich und anderen Kantonen ist spätestens nach einem Jahr Heimunterricht ein Lehrerpatent erforderlich. Das gilt auch für Luzern, wo aber seit kurzem «im Ausnahmefall» auch ein Studium reicht. In Basel-Stadt und weiteren Kantonen ist Privatunterricht laut Gesetz zwar möglich, wird aber in der Praxis fast nie bewilligt. (rbi/hä)

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