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Welschlandjahr reloaded

Warum junge Romands und Deutschschweizer ein Jahr im anderen Landesteil verbringen sollten.

Ein junger Mann geht an die Wäsche: Matthias Schoch in der Komödie «Jeune Homme». Foto: TC Film/Keystone
Ein junger Mann geht an die Wäsche: Matthias Schoch in der Komödie «Jeune Homme». Foto: TC Film/Keystone

Sebastian Zollweger ist 18 Jahre alt, wohnt bei seinen Eltern in der Ostschweiz und findet das Dorfleben langweilig. Auf ein Inserat hin fährt er nach Genf und bewirbt sich bei einem vermögenden Paar als Au-pair. Er soll kochen, putzen, bügeln und vor allem auf das Baby aufpassen. Dass Sebastian ein Mann ist, gefällt der Frau des Hauses, weil ihr Gatte dauernd junge Frauen anmacht. Ausserdem gefällt Sebastian dem Baby; es hat die anderen Au-pairs zurückgewiesen, ist mit dem jungen St. Galler aber sofort einverstanden. Seine Eltern wünschen ihm viel Glück, seine Schwester schenkt ihm das «Kamasutra». Beides kann er gut gebrauchen.

So beginnt «Jeune Homme», der grossartige Film von Christoph Schaub von 2005 mit Matthias Schoch in der Hauptrolle. Schaub war durch einen wahren Fall eines jungen Deutschschweizers inspiriert worden, der als männliches Au-pair ein Welschlandjahr absolviert hatte.

Zweisprachiges Lamento

Zurzeit streiten wir wieder um das Frühfranzösisch, der Thurgau will es abschaffen, die Welschen werden wütend, Bundesrat Alain Berset möchte eingreifen. Das zweisprachige Lamento dauert nun schon seit Jahrzehnten, und man kann es nicht mehr hören. Warum probieren wir nicht etwas anderes? Was wäre, wenn wir das Welsch­landjahr reloaden würden? Und es, wenn wir schon daran sind, auf beide Landesteile ausweiteten? Junge aus der Deutschschweiz verbringen ein Jahr in der Romandie, junge Welsche ein Jahr in der Deutschschweiz. Just an idea.

Bevor jetzt die entmutigenden, also praktischen und finanziellen Bremsargumente laut werden: Un peux de patience, s’il-vous-plaît. Just relax for a moment. Oder in unserem vierten nationalen Idiom: Sentite, per favore.

Halten wir fest: Die Welschen nehmen zwar jahrelang Deutschunterricht, aber wer öfter mit ihnen zu tun hat, hört vielen von ihnen die Panik schon an, bevor sie ihren ersten deutschen Satz ausstossen, was in ihrem Fall natürlich heisst: auf Hochdeutsch. Unsere Dialekte verstehen sie nicht, sie mögen sie auch nicht. Und was nützt es ihnen, Heinrich von Kleists «Der zerbrochene Krug» gelesen zu haben, aber Züri West und den Weg zum Bahnhof kaum zu verstehen? An der Expo.02, dem letzten grossen kulturverbindenden Projekt der Schweiz, konnten am Schluss fast alle Deutschschweizer sehr gut Französisch und fast keine Welschen besser Deutsch.

Auch die Jungen aus der Deutschschweiz quälen sich jahrelang mit einer Sprache ab, die mindestens so schwer zu lernen ist wie das Deutsche. Grammatik, Orthografie, Syntax, Aussprache, Vokabular, un future qui est plus que parfait: grauenvoll. Darum möchte auch der Kanton Thurgau, dass seine Schülerinnen und Schüler zuerst das leichtere Englisch lernen. Und sparen das Französische für später auf. Das alarmiert und verärgert welsche Politiker, aber die Thurgauer haben in einer Frage recht: Eine Sprache zu verordnen, ohne dass sie sich anwenden lässt, macht das Lernen noch schwerer, weil die Motivation fehlt.

Babykompatible Männer

Ob es ein ganzes Jahr sein muss, liesse sich diskutieren. Ob es für Kinder angebracht ist, die erst einmal unsere Landessprachen lernen müssten, müsste man ebenfalls anschauen, vielleicht ginge es für sie später. Finanziert würde das Jahr entweder wie früher auch, also durch Haushaltsarbeit bei einer Gastfamilie. Babykompatible, kochkompetente, bügelfeste Männer, das würde den Frauen sicher gefallen. Man könnte sich das Austauschjahr auch während der Schule, im Studium oder während der Lehre vorstellen. Vielleicht liessen sich auch Rekrutenschule und Wiederholungskurse bei anderssprachigen Truppen absolvieren. Und ja, vielleicht müsste der Staat eine solche Anstrengung subventionieren.

Sowieso kennen die Schweizer ihr Land zu schlecht: 14 Prozent der Deutschschweizer waren noch nie in der Romandie, 15 Prozent Welsche fanden kein einziges Mal den umgekehrten Weg. Wer in Zürich lebt, am Lac Léman, am Bodensee, in Basel oder Lausanne, La Chaux-de-Fonds oder in Appenzell, denkt bei solchen Zahlen unweigerlich dasselbe: Wenn die wüssten, was sie verpassen.

Das «Kamasutra» versteht man übrigens auch ohne Worte.

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