Und plötzlich sind alle Blicke auf ein Dorf im Mittelthurgau gerichtet

Bussnang war ein kleines Bauerndorf – bis Peter Spuhler kam. Inzwischen wird von hier aus die Welt mit Zügen beliefert. Was macht das mit den Menschen und der Gemeinde?

Stadler Rail Hauptsitz im thurgauischen Dorf Bussnang.

Stadler Rail Hauptsitz im thurgauischen Dorf Bussnang. Bild: Reto Oeschger

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Der Gemeindepräsident ist strategisch günstig an der grössten Kreuzung des Ortes platziert. Vom Pult aus sieht er jedes Fahrzeug, das durch sein Dorf fährt, und es lohnt sich für ihn, ab und zu den Blick von der Arbeit zu heben: Da fuhren schon die Jungfraujochbahn vorbei, der Glacier Express, der Rocky Mountaineer Train oder die Zahnradbahn, die in Rio de Janeiro Touristen zur Christus-Statue hinaufbefördert. Eines Tages war sogar die Himmelstreppe am Gemeindehaus von Bussnang vorbeigeglitten, die goldene Bahn, die zum österreichischen Wallfahrtsort Mariazell aufsteigt.

Kann nicht sein? Doch. Ruedi Zbinden ist Präsident der «Gemeinde mit Zug», ein Slogan, den er selber erfunden hat. «Da weiss jeder, dass es sich um Bussnang handelt. Bussnang, Stadler Rail», sagt er. Im Gemeindepräsidenten scheint noch der frühere Gewerbler durch, er ist breitschultrig, trägt Schnauz, wirkt bodenständig. Und er weiss, wie er seine Gemeinde ins beste Licht rückt – gerade vor drei Wochen, als Stadler Rail an die Börse ging, war er einmal mehr in allen Medien präsent.

Wenn die neuesten Wagen von Stadler Rail frisch lackiert in die Montagehalle zurückgefahren werden, kommt es vor dem Gemeindehaus zum Manöver – die Kreuzung ist für die sperrige Fracht viel zu eng. «Wer hätte gedacht, dass aus dem kleinen Ingenieurbüro, das sich 1962 im Dorf niederliess, ein Weltkonzern wird?» fragt Zbinden.

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In der riesigen Halle bohrt und pfeift und surrt es. Wagen steht an Wagen, SBB neben Greater Anglia, UK, neben Regionalverkehr Bern-Solothurn. Dutzende von Blaugewandeten laufen um die Wagen, schleifen Metall, steigen über Leitern in die Wagen, verdrahten Schaltanlagen, montieren Sessel.

Vor den Hallen stehen zwei Männer, ein grosser schmaler und ein kleinerer kräftiger. Sie sind das Gedächtnis von Bussnang – das Langzeitgedächtnis. Hubert Haag, früher Grundbuchverwalter, ist 77, Willi Ausderau, Landwirt und Dorfchronist, 87. «Kein Mensch hätte gedacht, dass Stadler so gross wird», sagt Haag. Er schaut so ungläubig auf die Hallen, als sähe er sie zum ersten Mal. Dabei ist er im Nachbarhaus aufgewachsen. Er war 20, als Ernst Stadler hier, wo die Bauern Trauben, Zuckerrüben und Kälber in Güterwagen luden, eine Montagehalle mit Gleisanschluss baute.

Ruedi Zbinden: Gemeindepräsident von Bussnang. Foto: Reto Oeschger

Von seinem Elternhaus aus sah Hubert Haag, wie daraus ein Weltkonzern wuchs: Erst baute Stadler nur ein Bürogebäude und eine Villa für seine Familie. Dann aber zog das Geschäft an: Immer, wenn ein Grossauftrag hereinkam, wurde gebaut. Erst die Geleise entlang, dann um die Villa herum und schliesslich in die Höhe. Damit das Unternehmen weiter wachsen konnte, wurde eine Strasse verlegt, dann aber stand es an den Geleisen an. «Hätten sie weitergebaut, wäre ihnen der Zug durch die Bude gefahren», sagt Haag trocken. Immerhin wäre es der eigene gewesen – die Thurbos, die hier verkehren, wurden von Stadler gebaut.

Der Zug fährt durch

Heute kann man Stadler nicht mehr verfehlen. Wer mit dem Zug anreist, sieht erst die Montagehallen, dann das Bahnhäuschen. Wer mit dem Auto kommt, wird an jeder Kreuzung zu Stadler verwiesen. Und kehrt der Gemeindepräsident aus den Ferien zurück, sieht er die Montagehallen schon vom Flugzeug aus.

Dumpf dröhnt es vor dem Bahnhäuschen. Zwei Männer im Anzug und Rollkoffer an der Hand stellen sich an Gleis. «It’s a quiet place here», sagt der ältere, ein Engländer. Er hört Vögel pfeifen, Kuhglocken läuten, und über die Brücke über ihm donnert ein Traktor vorbei. «It’s handy», sagt sein Begleiter. Der Engländer: «I didn’t expect that.»

Wer hier wegwill, der muss den Zug per Knopfdruck stoppen, sonst fährt er durch. Weshalb sollten hier Auswärtige aussteigen? Das bedeutendste Baudenkmal ist der Ganggelisteig, die einzige Veranstaltung das Einachserrennen, die einzige Persönlichkeit, die das Dorf laut Wikipedia hervorgebracht hat: Ernst Stadler (1908–1981), Ingenieur, Unternehmer, Gründer Stadler Fahrzeuge AG.

«Natürlich ist man stolz!»

Im Dorfkern hat es keinen Bäcker mehr, keinen Metzger, nicht einmal einen Volg. Die einzige Versorgungsstation ist der Selecta-Automat am Bahnhof. Die 2300 Bussliger sind auf 18 Dörfer und Weiler verteilt, auf einen grossen Flickenteppich aus Äckern und Wiesen. Die beiden Kirchen im Dorfkern läuten jeweils vereint den Sonntag ein, wohl damit es alle hören.

Riese Stadler und das Dorf sind zwei Welten, und sie vermengen sich kaum. Mittags rauchen Männer in Blau vor den Montagehallen, ein paar Hundert Meter weiter in der Blumenau sieht man aber keinen. «Als Stadler noch keine Kantine hatte, assen manche hier», sagt Wirtin Karin Dostal. Heute sieht sie die Arbeiter wie viele im Dorf nur noch vor dem Haus im Stau stehen. Dennoch: «Die Leute sind sehr mit Stadler verbunden. Es heisst: Ich komme von Busslig, dort, wo Stadler ist.»

«Natürlich ist man stolz! Nicht wahr, Willi?», fragt Hubert Haag vor der Montagehalle. Viel habe das Dorf nicht zum Erfolg von Stadler beigetragen. «Wir haben ihm aber nie Steine in den Weg gelegt.» Seit 20 Jahren sei kein Jahr vergangen, in dem nicht gebaut worden sei, und entsprechend befand die versammelte Gemeinde oft über Einzonungen, Umzonungen oder über eine Strassenverlegung. «Nie hat es Einsprachen gegeben», sagt Haag. Und Ausderau: «Man wäre ja blöd gewesen.»

Willi Ausderau: Der Dorfchronist und Bauer ist 87 Jahre alt. Foto: Reto Oeschger

Wie aber kam dieses Dorf zu einem Weltkonzern? Möglicherweise ist Haag der Einzige, der es noch weiss: «Mein Vater war Grundbuchverwalter und Präsident der Raiffeisenbank. So bekam er früh Wind davon, dass ein Herr Stadler aus Zürich ein Stück Land mit Gleisanschluss sucht.» Die damalige Mittel-Thurgau-Bahn hatte eines – jenes vor Haags Haustür. So gelangte Haag senior an den Bahndirektor und sagte: «Du, Toni, ich hätte da einen Interessenten.»

Dank Stadler Rail ist Bussnang mehr als ein Bauerndorf. «Stadler trägt unseren Namen in die Welt hinaus, Busslig wird in einem Zug mit London oder Rio de Janeiro genannt», sagt Ruedi Zbinden. Es ist unverkennbar, wie gern er Präsident dieser Gemeinde ist – und wie sehr er es geniesst, wenn hier wieder grosser Bahnhof ist. Wenn sich Bundesräte und Konzernchefs einfinden und Leute, die von «wer weiss woher» kommen, um den neusten Zug zu sehen.

«Das Dorf fiebert mit Stadler wie mit einer Sportmannschaft mit», sagt Zbinden. Es freut sich, wenn in der Zeitung steht, dass Stadler einen 80-Millionen-Auftrag aus Kanada erhält. Und verfiel umgekehrt in einen Schockzustand, als die Nationalbank 2015 den Euromindestkurs aufgab. Und man fragte sich: Was heisst das für uns?

Wer hat im Dorf das Sagen?

Bevor Stadler zum Höhenflug ansetzte, war Bussnang eine Härtefallgemeinde. Sie war tief verschuldet und hatte den zweithöchsten Steuerfuss im Kanton. Heute ist er noch halb so hoch wie 2004. Wie viel Steuern Stadler zahlt, darf der Gemeindepräsident nicht sagen. Nur: Die juristischen Personen – und das ist vor allem Stadler – kommen für ein Drittel der Erträge auf. So fragt sich: Wer hat im Dorf das Sagen, Stadler oder Zbinden? Der hört die Frage nicht zum ersten Mal: «Natürlich der Gemeinderat und ich.» Stadler habe nie versucht, seine Position auszuspielen. Klar, manchmal bekomme er schon zu hören: «Wenn Stadler ruft, geht alles schnell.» Aber die Leute von Stadler seien es gewohnt zu planen und lieferten perfekte Unterlagen ab.

Muss die Gemeinde Angst haben, dass Stadler eines Tages wegzieht? «Unser Unternehmen lässt sich nicht einfach umpflanzen», sagt Sprecherin Marina Winder. Es sei auf Bussnanger Boden organisch gewachsen, und heute seien alle Abläufe optimiert.

So vertraut das Dorf auf Stadler und insbesondere auf Verwaltungsratspräsident Peter Spuhler. Auf den früheren Grenadier-Kadi sei Verlass, sagt Zbinden. Der könne seine Leute motivieren und schrecke vor keiner Aufgabe zurück: Gaht nöd, gits nöd. Die Bussliger dankten es ihm, indem sie Spuhler zu ihrem Ehrenbürger machten.


Video: Hier präsentierte der Stadler-Rail-Chef seinen Highspeed-Zug

Ahnte noch nichts von den Schwierigkeiten: Peter Spuler stellte im Mai 2018 stolz den neuen Zug vor.


Erstellt: 01.05.2019, 22:56 Uhr

Ein Einwohner, ein Job

Stadler Rail und Bussnang sind zwei fast gleich grosse Welten: Das Dorf zählt 2300 Einwohner, das Unternehmen, das hier ein Werk und den Holdingsitz hat, beschäftigt rund 1800 Personen. Weltweit sind es 8500. Es findet hier nicht nur Ingenieure, sondern laut Stadler dank der Berufslehre auch «top ausgebildete» Fachmitarbeiter. Sie seien wichtig, denn die Spezialanfertigungen erforderten nach wie vor viel Handarbeit. (jho)

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