Zum Hauptinhalt springen

Wem gehört die Zukunft?

Länger arbeiten, weniger Rente, neue Finanzierungsmodelle: Die Altersvorsorge ist ein zentrales Problem der modernen Gesellschaft. Wenn wir einen Generationenkrieg vermeiden wollen, müssen wir umdenken.

Unlösbare Probleme und Widersprüche in der Altersvorsorge: Pensionierter Mann (Archivbild).
Unlösbare Probleme und Widersprüche in der Altersvorsorge: Pensionierter Mann (Archivbild).
Keystone

Diskussionen über die Altersvorsorge sind zu einem Ritual geworden. Der Innenminister lässt eine neue Reform ausarbeiten, Details gelangen mehr oder weniger zufällig an die Öffentlichkeit, Gewerkschaften und Sozialdemoraten heulen auf, Unternehmer und Freisinnige fordern tiefere Renten und längere Arbeitszeiten – und am Ende scheitert die Reform an der Urne. Auch die jüngsten Reformbemühungen von Bundesrat Alain Berset folgen bisher diesem Schema, und es fällt schwer, nicht in Zynismus zu verfallen. Unter den aktuellen Rahmenbedingungen ist es praktisch unmöglich geworden, die Altersvorsorge zu reformieren. Leider wird es auch bald unmöglich sein, sie zu finanzieren.

Globalisierung und technischer Fortschritt haben die Arbeitswelt in den letzten 30 Jahren umgekrempelt. Weltweit herrscht ein riesiges Überangebot an Arbeitskräften. Das betrifft keineswegs mehr nur ungelernte Hilfskräfte. «Ein Rekord – sieben Millionen chinesischer Studenten werden dieses Jahr an Hochschulen und Universitäten ihr Diplom erhalten», meldet beispielsweise aktuell die «New York Times». «Aber ihre Aussichten, auch einen Job zu bekommen, sind düster.» Das gilt für ein Land, das nach wie vor ein Wirtschaftswachstum von über sieben Prozent des Bruttoinlandprodukts (BIP) vorweisen kann.

Neue Verhältnisse auf dem Arbeitsmarkt

Die Globalisierung ist nicht das einzige Problem. Das Internet und die digitale Revolution zerstören mehr Arbeitsplätze, als sie neue schaffen. Das zeigen die Resultate von neuen Studien, erstellt von renommierten Ökonomen wie Erik Brynjolfson und Adrew McAfee oder Beraterfirmen wie McKinsey. Die Fortschritte auf dem Gebiet der Software und der künstlichen Intelligenz nehmen rasant zu und sorgen für neue Verhältnisse auf dem Arbeitsmarkt. In seinem Buch «Who Owns the Future?» beschreibt Jaron Lanier die möglichen Folgen: «Vielleicht wird die Technologie alles, was wir zum Leben brauchen, so billig machen, dass sich niemand mehr Sorgen machen muss über Geld, Jobs, ungleiche Einkommen und die Altersvorsorge. Ich habe jedoch starke Zweifel daran. Stattdessen ist es wahrscheinlich, dass wir in eine Periode von neuer Massenarbeitslosigkeit und sozialem Chaos eintreten werden.» Lanier weiss, wovon er spricht. Er gehört zu den Pionieren der virtuellen Realität, hat verschiedene Start-up-Unternehmen gegründet und ist heute unter anderem als Berater bei Microsoft tätig.

Die neuen Bedingungen auf den Arbeitsmärkten schaffen Verhältnisse, die nicht nachhaltig sein können. Einerseits gibt es einen wachsenden Überfluss an jungen, auch gut ausgebildeten Arbeitskräften, die immer weniger verdienen. Sie müssen die gut ausgestatteten Renten der ins Pensionsalter kommenden Babyboomer finanzieren. Das schreit geradezu nach einem zukünftigen Generationenkrieg. Aber auch bei den Älteren gibt es Verlierer. Wer nach 50 seinen Arbeitsplatz verliert, hat wenig Chancen, einen gleichwertigen zu finden. Menschen, die dieses Schicksal erleiden, sehen daher auch ihre Altersvorsorge gefährdet. Die Gefahr von Altersarmut nimmt zu, und die Forderung, bis 70 zu arbeiten, klingt nach der x-ten Ablehnung eines Bewerbungsschreibens nur noch zynisch.

Unlösbare Probleme

Eine gesunde Gesellschaft beruht auf einem gesunden Mittelstand. Das gilt auch für die Altersvorsorge. Nur ein breiter Mittelstand kann auch eine immer älter werdende Gesellschaft unterstützen. Dieser Mittelstand gerät in Bedrängnis. Lanier kommt zu folgendem Schluss: «Es ist schmerzhaft für mich, es zuzugeben, aber wir könnten es überleben, wenn wir nur den Mittelstand der Musiker, Journalisten und Fotografen zerstören. Was wir jedoch nicht überleben werden, ist die Zerstörung des Mittelstandes im Transportwesen, im Handwerk, im Energiesektor, in Verwaltung, Bildung und Gesundheit.»

Die aktuelle Entwicklung auf den Arbeitsmärkten ist paradox: Ein immer besser ausgebildeter Mittelstand verdient immer schlechter und produziert immer billigere Güter. Allmählich jedoch stösst diese Gratis-Kultur an ihre Grenzen. Die unlösbaren Probleme und Widersprüche der Altersvorsorge sprechen eine deutliche Sprache.

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch