Wer steigt beim Arbeitskollegen ins Auto?

Carpooling soll die Strassen entlasten. Die «Vorbilder» vom Bundesamt für Strassen machen die Probe aufs Exempel.

Weniger Stau dank Fahrgemeinschaften. Tönt gut, stösst aber auf wenig Resonanz. Symbolbild: Getty

Weniger Stau dank Fahrgemeinschaften. Tönt gut, stösst aber auf wenig Resonanz. Symbolbild: Getty

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Gerade mal 1,1 Personen sitzen während der Spitzenzeiten durchschnittlich in einem Auto. Auch deshalb sind die Strassen regelmässig verstopft. Gelingt es, die freien Plätze in den Personenwagen wenigstens teilweise mithilfe von Fahrgemeinschaften zu besetzen, käme es zu weniger Staus.

Das Bundesamt für Strassen (Astra) hat darin ein «grosses Potenzial» erkannt. Und es wollte mit gutem Beispiel vorangehen. «Schliesslich sind wir Mobilitätsentwickler», sagt Astra-Sprecher Thomas Rohrbach. Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die nahe beieinanderwohnen, sollten sich verabreden und gemeinsam zur Arbeit fahren.

Carpooling nennt sich dies auf Neudeutsch. Eine Smartphone-App und das Intranet stellen die Kommunikation sicher, sodass die Auto fahrenden Angestellten auch zueinanderfinden.

Umfrage

Würden Sie für die Fahrt zur Arbeit eine Fahrgemeinschaft bilden?






Nicht nur jene des Astra. Ins Pilotprojekt miteinbezogen sind auch die übrigen Bundesangestellten, die im bernischen Ittigen arbeiten – etwa jene der Bundesämter für Umwelt, Energie, Raumplanung, Zivilluftfahrt und Verkehr. Insgesamt könnten rund 1600 Mitarbeitende teilnehmen.

Man habe eine «Vorbildfunktion», schrieb das Departement für Umwelt, Verkehr, Energie und Kommunikation (Uvek) kurz vor der der Lancierung des Pilotprojekts im Herbst 2017. Viele Angestellte hätten eine Affinität zum Thema, wodurch sie sich womöglich leichter für Carpooling motivieren liessen, hoffte das federführende Astra. Es blieb bei der Hoffnung. Auch wenn der auf zwei Jahre angelegte Test noch nicht definitiv ausgewertet ist, zeigt sich schon jetzt: Ein Erfolg sieht anders aus. Die Nachfrage nach Mitfahrgelegenheiten sei «nicht überbordet», weiss Astra-Sprecher Rohrbach.

Zwar versuchte der Bund, seine Angestellten zu einem Umdenken zu bewegen. Etwa mit einem Stehlunch, bei welchem sich die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter über die Amtsgrenzen hinweg hätten kennen lernen sollen. Auf diese Weise wollte das Uvek Hemmschwellen abbauen. Denn wen man kennt, lässt man eher im Auto mitfahren. Auch dieser Lunch brachte aber wenig. «Die meisten Angestellten kommen ohnehin mit dem öffentlichen Verkehr», sagt Rohrbach. Denn Ittigen ist von Bern her gut erschlossen. Während der Pendlerzeiten fährt alle 7,5 Minuten ein Zug.

Teilpensen helfen nicht

Kommt hinzu, dass das Uvek flexible Arbeitszeiten kennt. Vorgeschrieben ist lediglich eine Jahresarbeitszeit. Wer noch schnell einen Bericht fertigstellen will, kann dies aber schlecht tun, wenn ein Mitfahrer wartet, der seinerseits das Kind in der Krippe abholen muss. Auch Teilzeitpensen helfen bei Fahrgemeinschaften nicht. Man will ja nicht für jeden Wochentag eine separate Fahrgelegenheit organisieren. «Auf dem Papier ist Car­pooling einfacher als in der Praxis», fasst Astra-Sprecher Rohrbach zusammen.

Möglicherweise bräuchte es grössere (finanzielle) Anreize. Der einzige Ansporn des Uvek liegt aber darin, dass in der Nähe des Eingangs zwei Parkplätze für Carpooler reserviert sind – mal abgesehen davon, dass man es den Angestellten mit der App besonders einfach macht, sich zu Mitfahrgemeinschaften zusammenzuschliessen.

Technisch hat der Test laut Thomas Rohrbach durchaus funktioniert. Nur die Nachfrage nach der App liess zu wünschen übrig. Dem stünden freilich auch keine hohen Kosten gegenüber, relativiert der Astra-Sprecher. «Keine 10'000 Franken» habe das Projekt gekostet – für die Lizenz der eingekauften Software, für den Stehlunch und für den Bildschirm im Foyer, auf dem man die Fahrangebote sieht.

«Nur 0,3 Prozent der Mitarbeitenden haben tatsächlich eine Car­pooling-Fahrt unternommen.»Schlussbericht Swiss Re

Rohrbach kann sich gut vorstellen, dass man die App im Herbst – nach Ablauf des vorerst zweijährigen Tests – weiterlaufen lässt. Weniger wahrscheinlich ist dagegen ein Ausdehnen des Projekts auf die gesamte Bundesverwaltung. Denn in der Berner Innenstadt kann sich Carpooling wohl noch schlechter durchsetzen als in der Vorortgemeinde Ittigen.

Nicht erfüllt hat sich auch die Hoffnung, die Privatwirtschaft könnte dem Vorbild des Uvek folgen und ebenfalls auf Car­pooling setzen. Zwar führte auch der Rückversicherer Swiss Re ein entsprechendes Pilotprojekt durch. Die Bilanz fiel freilich ebenso ernüchternd aus. «Nur 0,3 Prozent der Mitarbeitenden haben tatsächlich eine Car­pooling-Fahrt unternommen», heisst es im Schlussbericht des Rückversicherers.

Dies legt den Schluss nahe, dass sich Carpooling für die kleinräumige Schweiz nur bedingt eignet. Zum einen fehlt es an weiten Pendlerdistanzen, zum andern ist der öffentliche Verkehr sehr gut ausgebaut. Kommt hinzu, dass die Löhne in der Schweiz relativ hoch sind, weshalb sich viele ein eigenes Auto leisten können. All dies lässt Carpooling wenig attraktiv erscheinen – selbst für sensibilisierte Beamte.

Erstellt: 30.06.2019, 19:40 Uhr

Artikel zum Thema

Städter wollen mehr Velonetze und weniger Lärm

Trotz einer zufriedenstellenden Verkehrssituation wünscht sich die Stadtbevölkerung Verbesserungen. Mehr...

Fremde in meinem Auto? Nein danke!

Die Emotionen der Schweizer Autobesitzer vermiesen dem Carsharing-Anbieter Sharoo das Geschäft – erst 1800 Fahrzeuge sind registriert. Mehr...

Gratis-Parkplätze an Autobahnen gegen den Stau

Der Bund soll Fahrgemeinschaften fördern: Wie die SVP das Stauproblem lösen will. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Kommentare

Paid Post

Die Schweiz zum halben Preis entdecken

Exklusiv und nur für kurze Zeit: Mobility-Testabo für 43 Franken inkl. gratis Hotelcard!

Die Welt in Bildern

Mit Augenringen: Kinder präsentieren in der Shougang-Eishockey-Arena Bing Dwen Dwen das Maskottchen der Winterspiele 2022 in Peking. (17. September 2019)
(Bild: Xinyu Cui/Getty Images) Mehr...