Wenn der Feind des Asylsuchenden übersetzt

Der Bund hat 20 neue Dolmetscher für Eritreer rekrutiert – nach einer strengen Selektion, wie er sagt. Zweifel an ihrer Unabhängigkeit bestehen gleichwohl.

Werden ihre Aussagen immer korrekt übersetzt? Eritreer in Lumino TI. Foto: Keystone

Werden ihre Aussagen immer korrekt übersetzt? Eritreer in Lumino TI. Foto: Keystone

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Immer mehr Menschen aus Eritrea suchen in der Schweiz Zuflucht. Waren es 2005 erst 181 Personen, zählte das Staatssekretariat für Migration (SEM) vergangenes Jahr 6923. Folgen hat dieser markante Anstieg nicht zuletzt für ein Geschäft, in dem qualifiziertes Personal knapp ist: das Dolmetschen. Im Asylanhörungsprozess kommt den Dolmetschern eine Schlüsselrolle zu. Sie arbeiten an jener sensiblen Stelle, an der jedes Wort zählt. Hier, an der Sprachbarriere, entscheidet sich mitunter, ob eritreische Antragsteller Asyl erhalten oder vorübergehend aufgenommen werden (zurückgeschickt werden sie nicht, da ihnen in ihrer Heimat «erfahrungs­gemäss drakonische, willkürliche» Strafen drohen würden, so das SEM).

In den vergangenen zwölf Monaten hat das SEM 20 neue Dolmetscher für Tigrinya, die Amtssprache in Eritrea, rekrutiert. Ihre Zahl ist damit auf 54 angewachsen (+59 Prozent). Wie viel diese Übersetzer kosten, weist das SEM nicht separat aus. Insgesamt wendet es pro Monat 1,2 Millionen Franken für Befragungen und Anhörungen auf, unabhängig davon, welcher Nationalität der Gesuchsteller ist. Trotz der Neurekrutierungen kann das SEM diesen finanziellen Rahmen eigenen Angaben gemäss nach wie vor einhalten.

Folterberichte ignoriert

Unklar bleibt, inwieweit die eritreische Dolmetschergilde unabhängig und neutral ist. Im Ausland haben unlängst mehrere Fälle von politischer Befangenheit für Schlagzeilen gesorgt. In den Niederlanden etwa wurden im vergangenen Sommer drei eritreische Dolmetscher entlassen – sie standen im Verdacht, Spitzel des Regimes in Eritrea zu sein. Im Juli berichteten die Frankfurter Bürgerinitiativen Teachers on the Road und United 4 Eritrea von Fehlübersetzungen. Eine Aktivistin war laut der Zeitung TAZ im Asylanhörungsverfahren eines Flüchtlings dabei. Die Dolmetscherin, so die Aktivistin, habe dabei einfach Teile der Aussagen nicht übersetzt. Etwa, dass der Mann gefoltert worden sei.

Gibt es solche Fälle auch in der Schweiz? Das SEM hat in der Vergangenheit Dolmetscher entlassen – unter anderem auch wegen Befangenheit. Wie viele es waren und ob sich darunter auch Dolmetscher für Eritreer befanden, dazu macht das SEM keine näheren Angaben: «Wir führen keine Statistik über Entlassungen, deren Gründe oder die Nationalität der Betroffenen», sagt Sprecherin Léa Wertheimer. In dieser Absolutheit trifft dies allerdings nicht zu. Noch im Februar schloss der Bundesrat in seiner Antwort auf eine parlamentarische Anfrage aus, dass es je eine Entlassung «aufgrund von Spionagetätigkeiten» gegeben habe. Damit konfrontiert, erklärt das SEM, solche Fälle seien von derart grosser Tragweite, dass sie automatisch registriert würden.

In derselben Antwort räumte der Bundesrat ein, es übersteige die Möglichkeiten des SEM, Spitzel unter Dolmetschern in jedem Fall selbst zu enttarnen. Hingegen reiche ein Verdacht, um die weitere Zusammenarbeit zu überprüfen und nötigenfalls zu beenden. Wo dies möglich sei, greife das SEM zudem auf Dolmetschende zurück, die nicht aus der gleichen Herkunftsregion wie der betreffende Asylsuchende stammten. Der Bundesrat will so das Risiko von Befangenheit zusätzlich minimieren.

Methodik der Prüfung geheim

Das SEM versichert, trotz des konstanten Bedarfs an Dolmetschern punkto Qualität, Neutralität und Unabhängigkeit «keinerlei Kompromisse» einzugehen. Die Anforderungen seien «sehr hoch». Ein sogenanntes Screening soll unter anderem sicherstellen, dass die Bewerber über eine einwandfreie Reputation verfügen. Wie das SEM dabei genau vorgeht, ist unklar: «Zu den Screenings können wir keine weiteren Angaben machen. Wir würden sonst unsere Methoden offenlegen, was die Screenings obsolet machen würden.»

SVP-Politiker zweifeln indes, dass das SEM mit seinen Recherchen durchschlagenden Erfolg hat: Wer im Dienst der eritreischen Regierung stehe und den Auftrag habe, die Diaspora auszuspionieren, werde bestens gefälschte Dokumente und einen getürkten Leumund vorlegen können, sagt Nationalrat Heinz Brand, der 25 Jahre Migrationschef des Kantons Graubünden war. «Diese Papiere auf ihre Echtheit hin zu überprüfen, ist extrem schwierig.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 06.08.2015, 23:02 Uhr

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