«Wenn der Fonds scheitert, werden die Betroffenen klagen»

Alle Asbestopfer sollen finanziell und psychologisch unterstützt werden. Doch wenn die Wirtschaft nicht mitzieht, könnte der Fonds scheitern, sagt der Gewerkschafter Luca Cirigliano.

Tödliche Wunderfaser: Asbest war einst weit verbreitet in Industrie und Technik, heute erkranken jedes Jahr rund 120 Personen, weil sie die Faser eingeatmet haben.

Tödliche Wunderfaser: Asbest war einst weit verbreitet in Industrie und Technik, heute erkranken jedes Jahr rund 120 Personen, weil sie die Faser eingeatmet haben. Bild: Keystone

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Asbestopfer sollen rascher und einfacher finanzielle Unterstützung erhalten. Welchen Einfluss hat Geld auf die Situation der Opfer?
Ein Mesotheliom ist ein Todesurteil, es gibt praktisch keine Aussicht auf Heilung. Für Betroffene ist es sehr oft von grosser Bedeutung, den Angehörigen etwas zu hinterlassen. Bisher hatten Arbeitnehmer von asbestverarbeitenden Betrieben angemessene Leistungen erhalten, was ihre Lage etwas akzeptabler machte. Allerdings sind auch viele Angehörige von Mitarbeitern oder Anwohner von Produktionsstätten an einem Mesotheliom erkrankt. Sie hatten bisher keinen Anspruch auf Entschädigungsleistungen – ein grosser Missstand.

Wie gut ist die Lösung, die unter der Leitung von Alt-Bundesrat Moritz Leuenberger nun ausgehandelt wurde?
Es ist ein Kompromiss, und wie bei jedem Kompromiss geht er den einen etwas zu weit, den anderen etwas zu wenig weit. Für die Gewerkschaften war es vor allem wichtig, dass alle Opfer Zugang zu einer Entschädigung erhalten, auch jene, die nicht von der Unfallversicherung entschädigt werden. Jetzt haben alle Opfer Anspruch auf gleich hohe Leistungen. Für viele UVG-Versicherten gab es auch eine Aufstockung der Integritätsentschädigung, einer Form von Genugtuung. Das ist ein grosser Schritt. Der zweite wichtige Aspekt, für den wir gekämpft haben, war ein Care-Service, der wirklich allen offensteht, die Betreuung und Unterstützung im Zusammenhang mit Asbesterkrankungen brauchen. Das gibt es heute nicht.

Warum braucht es einen Care-Service?
Erfahrungen aus dem Ausland zeigen, dass die psychologische Betreuung sehr wichtig ist. In Österreich ist die finanzielle Entschädigung geringer als in der Schweiz, trotzdem fühlen sich die Betroffenen ganzheitlicher versorgt und klagen wohl deshalb weniger. Ausserdem erhalten die Angebote sehr positive Rückmeldungen.

Warum gibt es diese Dienstleistungen auch 27 Jahre nach dem Asbestverbot in der Schweiz noch nicht?
Womöglich spielt genau das frühe Verbot von Asbest in der Schweiz eine Rolle. Dadurch wurde der Druck für weiterführende Lösungen geringer. Einen ähnlichen Effekt hatten die relativ hohen Entschädigungen der Unfallversicherung. In Italien sind Betroffene massiv schlechter gestellt, deshalb sind sie auch viel klagefreudiger.

Bis jetzt gibt es Zusagen für weniger als ein Drittel der benötigten Gelder, zum Teil unter Vorbehalt. Wie gross ist das Risiko, dass die Opfer am Schluss doch leer ausgehen?
Das vorhandene Geld reicht, um zu starten. Aber es reicht nicht, um alle Opfer bis 2025 zu entschädigen. Der Fonds bietet der Wirtschaft Rechtssicherheit vor einer Klagewelle von Asbestopfern, weil die Leistungen an einen Klageverzicht geknüpft sind. Im Gegenzug braucht es jetzt das Bekenntnis der Wirtschaft, das Geld für den Fonds zu äufnen. Es besteht jetzt eine klare Bringschuld der Wirtschaft. Sollte sie sich nun aus der Verantwortung ziehen, wird der Fonds nicht funktionieren.

Einige Unternehmen haben sich nicht mal die Mühe gemacht, auf die Anfrage des Runden Tischs zu antworten, andere haben abgesagt. Wie zuversichtlich sind Sie, dass die verbleibenden 70 Millionen zusammenkommen?
Man kann nicht ausschliessen, dass das Geld nicht zusammenkommt. Ich bin dennoch zuversichtlich. Wenn der Fonds scheitert, dann werden die Betroffenen klagen und das Risiko liegt alleine bei der Wirtschaft. Es wäre ein Affront gegenüber den Opfern und ihren Angehörigen, wenn die Versprechen der Wirtschaft nicht honoriert werden würden – gerade die Reputationsschäden wären dann enorm. Das Interesse an einer Beteiligung ist deshalb relativ gross. Ich erwarte, dass hier die Arbeitgeberverbände das ihre tun. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 19.12.2016, 19:55 Uhr

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Luca Cirigliano ist Zentralsekretär des Schweizerischen Gewerkschaftsbunds und hat diesen beim Runden Tisch vertreten. (Bild: pd)

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