Wie sich eine Einbürgerung wirklich anfühlt

Nächtliche Visiten, Befragungen von Nachbarn, komplizierte Fristen: Ausländer, die sich einbürgern lassen wollen, müssen einiges über sich ergehen lassen.

Zeitlos aktuell: Walo Lüönd (links) und Emil Steinberger als Beamte im Film «Die Schweizermacher» (1978).

Zeitlos aktuell: Walo Lüönd (links) und Emil Steinberger als Beamte im Film «Die Schweizermacher» (1978). Bild: «Die Schweizermacher», T&C Film

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Als die Polizisten vor der Tür stehen, ist Elena Rossi gerade bei einer Freundin, einige Häuser weiter. Es ist 21.15 Uhr, die Tür öffnet Elena Rossis Mann, und die Polizisten wollen seine Frau sprechen. Warum, sagen sie nicht: «Das können wir nur mit Ihrer Frau bereden.» Er schickt die Beamten zur Freundin, bei der Elena Rossi zu Besuch ist. Erst dort offenbaren sie, was der Grund für die überfallartige nächtliche Visite ist: «Es geht um Ihre Einbürgerung.» Und sie stellen Fragen. Wie heisst die Hauptstadt der Schweiz? Welche Landessprachen werden in der Schweiz gesprochen? Welche politischen Parteien kennen Sie?

Elena Rossi heisst in Wirklichkeit anders. Weil ihr Einbürgerungsverfahren in einer Gemeinde im Zürcher Oberland noch läuft, will sie anonym bleiben. Die 44-Jährige ist in der Schweiz geboren und hier zur Schule gegangen. Sie arbeitet für einen Arbeitgeberverband, ist politisch interessiert – aber abstimmen kann sie nicht. Sie hat nur den italienischen Pass. Und die Episode mit den Polizisten vor einigen Monaten lässt sie an der hiesigen Einbürgerungspraxis zweifeln. Die Fragen der Beamten beantwortete sie anstandslos, «aber jetzt, mit etwas Abstand, fühle ich mich wie im falschen Film». Ausgerechnet am Abend zuvor hatte SRF die «Schweizermacher» ausgestrahlt, das sarkastische Porträt zweier kleinkarierter Fremdenpolizisten aus dem Jahr 1978. «Vieles», sagt Elena Rossi, «hat sich seither offenbar nicht verändert.»

«Lassen Sie sich mal überraschen»

So wie Elena Rossi erleben viele Ausländer den Einbürgerungsprozess, wie eine breit angelegte Umfrage des TA zeigt. Bernd Schnetzer, auch dieser Name ist geändert, ist gebürtiger Deutscher, Akademiker, er lebt seit bald dreissig Jahren in der Schweiz, sein Berndeutsch ist breit. Als er bei der Stadt Bern das Antragsformular für die Einbürgerung abholte, wollte er wissen, was denn nun auf ihn zukäme und wie der ganze Prozess ablaufen würde. «Lassen Sie sich mal überraschen», beschied ihm die Beamtin, «das werden Sie dann schon sehen.»

Überrascht war Bernd Schnetzer dann tatsächlich. Gefragt wurde er einiges, zum Beispiel, wie er denn den Zustand seiner «ehelichen Beziehung» beschreibe. Wie er aber zur Schweiz stehe, ob er sich mit ihren Werten identifiziere, all die Argumente, die in der Einbürgerungsdebatte von konservativer Seite immer wieder bemüht werden: «Das war mit keinem Wort ein Thema.»

Stattdessen gab es auch bei Bernd Schnetzer einen unangekündigten Besuch – bei einer seiner Nachbarinnen. Von ihr wollte der Beamte wissen, ob sie etwas gegen eine Einbürgerung Schnetzers einzuwenden habe. Eine fragwürdige Praxis, findet Schnetzer, denn als Referenz angegeben hatte er beim Gespräch auf dem Amt zwei andere Personen. «Dass eine Behörde einfach Leute über mich befragt, die nichts mit mir zu tun haben, war schon sehr befremdlich.»

Die Sache mit den Wohnsitzfristen

Seltsame Befragungen, seltsame Besuche: Davon berichten auch andere Leserinnen und Leser, die der «Tages-Anzeiger» nach ihren Erfahrungen im Einbürgerungsverfahren gefragt hat. Ein grosser Frust sind für viele die langen Wohnsitzfristen. Sie bedeuten, dass eine Einbürgerung in vielen Fällen gar nicht erst infrage kommt.

Yannick Meyer-Wildhagen ist in Deutschland geboren und kam im Alter von zwei Jahren in die Schweiz. Nachdem er vor zwei Jahren seine Lehre zum Polygrafen abgeschlossen hatte, wollte er sich einbürgern lassen. Weil er aber vom Elternhaus auf dem Land in eine Wohnung in Winterthur zog, musste er erst einmal die zweijährige Mindestwohndauer abwarten, bevor er ein Gesuch stellen konnte.

Inzwischen ist er über 25 Jahre alt, was bedeutet, dass für ihn nun ein anderes Einbürgerungsverfahren gilt. Die minimale Wohnsitzfrist beträgt jetzt drei Jahre, auch die Kosten für die Einbürgerung sind gestiegen. Im Moment könne er sich das Verfahren gar nicht leisten, sagt er: «Ich arbeite in einem Hilfswerk als Polygraf und studiere nebenbei Industriedesign. Der Lohn ist bescheiden, das Studium teuer.»

Das Einbürgerungsverfahren empfindet Yannick Meyer-Wildhagen als mühsam. Als er kürzlich an einer Kreuzung geblitzt wurde, habe er bereits Angst gehabt: «Das könnte ja eine Strafanzeige nach sich ziehen, und dann kann ich den Schweizer Pass gleich vergessen.» Zum Glück habe sich dann herausgestellt, dass nicht er selber geblitzt worden war, sondern das Auto hinter ihm. Trotzdem: «Durch diese ganzen Schikanen fühle ich mich mittlerweile als Fremder.»

Anderswo ist es noch schwieriger

Von Schikanen sprechen auch andere Ausländer, die schon lange in der Schweiz leben. Jährlich stellen nur 45'000 der rund 800'000 Ausländer, die sich hier einbürgern lassen könnten, überhaupt ein Gesuch. Weil Einbürgerungen vor allem in der Kompetenz der Gemeinden liegen, sind die Anforderungen praktisch überall andere. Nun werden sie weiter erhöht: Der Bund arbeitet derzeit an der Verordnung zum neuen Bürgerrechtsgesetz. Damit steht künftig nur noch Ausländern mit einer Niederlassungsbewilligung (dem C-Ausweis) das Recht zu, den Schweizer Pass zu beantragen. Auch die Anforderungen an die Sprachkenntnisse werden mit dem neuen Gesetz verschärft.

Und doch gibt es auch viele Ausländer, die mit den Schweizer Behörden gute Erfahrungen gemacht haben. Die das Verfahren fair, die Kosten vertretbar finden. Baris Esebali wuchs als Sohn türkischer Eltern im Berneck auf. Bevor er mit 19 Jahren für einige Zeit nach Neuseeland auswanderte, wollte er sich noch in der Schweiz einbürgern lassen – was auch gar kein Problem gewesen sei. Besonders, wenn man es mit Neuseeland vergleiche, wo Baris Esebali einige Jahre später ebenfalls die Staatsbürgerschaft erlangte. «Ich finde es gut, dass Ausländer geprüft werden und gewisse Hürden nehmen müssen, um Schweizer zu werden», sagt er.

Erstellt: 25.05.2016, 07:22 Uhr

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