Wenn die Stimme junger Bürger doppelt zählt

Die Zürcher SP-Regierungsrätin Jacqueline Fehr macht sich Sorgen, weil Junge regelmässig von Alten überstimmt werden. Sie schlägt vor, die Stimmen junger Bürger stärker zu gewichten.

Jacqueline Fehr engagiert sich auf viele Arten für Junge: Hier spielt sie mit Schulkindern «Deck auf! Ein Berufespiel», bei dem es auch um Rollenbilder und Gleichberechtigung geht. Foto: Keystone

Jacqueline Fehr engagiert sich auf viele Arten für Junge: Hier spielt sie mit Schulkindern «Deck auf! Ein Berufespiel», bei dem es auch um Rollenbilder und Gleichberechtigung geht. Foto: Keystone

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Nach der Brexit-Abstimmung ging die Klage wieder los, weil die Alten die Jungen überstimmt hätten. Was ist denn so schlimm daran?
Die Jungen, also die 18- bis 40-Jährigen, müssen grundsätzlich viel länger mit diesem Entscheid leben. Dazu kommt, dass sie sich demografisch zunehmend in einer Minderheit befinden.

Die Jungen, also die 18- bis 40-Jährigen, müssen grundsätzlich viel länger mit diesem Entscheid leben.

Hand aufs Herz: Der wichtigste Grund, warum die jungen Briten in der EU bleiben wollen, sind wohl die Studentenaustauschprogramme.
Das sehe ich ganz anders. Auch wenn ich mit jungen Schweizern und Schweizerinnen spreche, stelle ich fest, dass sie sich in der Mehrheit offene Grenzen und Austausch wünschen – unabhängig davon, ob sie an einem Austauschprogramm teilnehmen können. Sie fühlen sich fit und bereit, die Chancen eines offenen Europas zu ergreifen.

Ältere Menschen sind grundsätzlich lebenserfahrener und ernsthafter – ihre Stimme kann doch in unserer hyperventilierenden Zeit nicht schaden?
Ältere Bevölkerungsgruppen stimmen gestützt auf viel Lebenserfahrung ab. Junge lassen sich von Zielen und Hoffnungen leiten. Beides ist gleichwertig.

Trotzdem haben Sie auf Facebook den Jungparteien vorgeschlagen, eine Initiative für ein gewichtetes Stimmrecht zugunsten der Jungen zu lancieren. Warum?
Ich habe nur eine Frage gestellt, um die Diskussion anzustossen. Mein Vorschlag ist, dass 18- bis 40-Jährige zwei Stimmen, 40-bis 65-Jährige 1,5 Stimmen und über 65-Jährige 1 Stimme erhalten.

Das wäre eine Diskriminierung der Alten.
Es gibt auch gewichtige Gründe dagegen. Ich würde mich beispielsweise damit schwertun, weil die Wahlgleichheit «One man, one vote» nicht mehr gewährleistet wäre. Das ist ein heiliges Prinzip der Demokratie. Deshalb wäre es nicht meine Lieblingslösung.

Ältere Bevölkerungsgruppen stimmen gestützt auf viel Lebenserfahrung ab. Junge lassen sich von Zielen und Hoffnungen leiten.

Gibt es andere Wege, um einen angemessenen Einfluss der jungen Generation sicherzustellen?
In Österreich oder im Kanton Glarus zum Beispiel wurde das Stimmrechtsalter auf 16 Jahre gesenkt. Der Verwaltungsratspräsident der Swiss Re, Walter Kielholz, setzt sich für ein Stimmrecht für Ausländer ein, weil der Anteil der jungen Wähler in der Schweiz zu gering ist, um zukunftsfähige Entscheide durchzusetzen. Es gibt aber auch ganz naheliegende wie einfache Lösungen: Die Grosseltern sollten vor Abstimmungen vermehrt mit ihren Enkeln reden, damit sie deren Anliegen kennen und nachvollziehen können.

Hätten Sie sich auch in die Debatte eingeschaltet, wenn die Briten für einen Verbleib in Europa gestimmt hätten?
Das Problem besteht unabhängig von einer bestimmten Abstimmung respektive dem Resultat. Auf der Gemeindeebene kann es ebenfalls passieren, dass die älteren Generationen beispielsweise über schulische Anliegen gegen den Willen der direkt betroffenen Eltern entscheiden können.

Jegliche Reformen sind nur schon chancenlos, weil die Älteren sich vehement dagegen wehren werden.
Ja, aber wenn die Debatte schon dazu führen würde, dass sich die Älteren öfter mit den Jungen vor Abstimmungen austauschen, wäre schon viel erreicht. Schauen Sie sich nur einmal das EU-Förderprogramm für Forschung und Innovation, Horizon 2020, an. Vielen älteren Menschen ist dies kein Begriff. Es ist als Folge der Masseneinwanderungsinitiative nun stark gefährdet. Mein Wunsch: Die Schweiz soll nicht nur ängstlich schützen, was sie hat, sondern sie soll sich von den Jungen immer wieder einen Schubs in Richtung Zukunftsfähigkeit geben lassen.

Die Schweiz soll nicht nur ängstlich schützen, was sie hat, sondern sie soll sich von den Jungen immer wieder einen Schubs geben lassen.

In Neuenburg und Genf konnten Personen mit Schweizer Wohnsitz erstmals an einer nationalen Wahl per Mausklick teilnehmen – trotzdem stieg die Stimmbeteiligung unter den Jungen nicht. Wäre das Verständnis für die Jungen nicht grösser, wenn sie etwas fleissiger ihr Stimmrecht wahrnehmen würden?
Es war schon immer so, dass die jüngeren Generationen weniger fleissig wählen gingen. Das war auch bei den heutigen Älteren so, als sie jung waren. Da dürfen die Alten nicht mit dem Finger auf die Jungen zeigen. Die jungen Menschen jeder Generation sind mit der Ausbildung, Familie und Berufstätigkeit absorbiert, sodass die Politik zweitrangig ist.

Entscheidend ist das Elternhaus: Wer in einer unpolitischen Familie aufwächst, geht auch später kaum stimmen. Müsste nicht der Staatskundeunterricht stärker in der Volksschule gewichtet werden?
Der staatskundliche Unterricht in Bezug auf Stimmen und Wählen muss unbedingt ausgebaut werden. Da hat die Schweiz ein ganz komisches Verständnis: Wir sind zwar unglaublich stolz auf unsere Demokratie, wollen aber gleichzeitig nicht die Demokratie lehren. Das ist in Ländern wie Schweden anders. Vor nationalen Abstimmungen gibt es schon auf Kindergartenstufe Projektwochen, in denen der Abstimmungsprozess durchgespielt wird.

Wie wärs mit einer Stimmpflicht wie im Kanton Schaffhausen?
Nein, als liberale Person halte ich nichts davon.

Erstellt: 28.06.2016, 16:46 Uhr

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