Wenn die Züge stillstehen

Das Bahnpersonal macht Druck. Ein starkes Signal – mit einigen Nebenwirkungen.

Seit 2000 ist das Streikrecht in der Schweiz in der Verfassung verankert. Doch wäre ein Streik bei der SBB vorstellbar? Foto: Reto Oeschger

Seit 2000 ist das Streikrecht in der Schweiz in der Verfassung verankert. Doch wäre ein Streik bei der SBB vorstellbar? Foto: Reto Oeschger

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Und schon warnen Politiker vor «Verhältnissen wie in Frankreich». Dabei sind die SBB-Ange­stellten noch weit entfernt von einem Streik mit einem erliegenden Bahnverkehr wie im Königreich Emmanuel Macrons. Gestern Nachmittag protestierten die Eisenbahner zwar vor sechs grossen Schweizer Bahnhöfen. Aber kein einziger SBB-Zug blieb deswegen stehen, kein einziger Pendler musste um seinen Feierabend fürchten.

Es wäre ja auch sehr früh für einen Streik: Noch stecken die Eisenbahnergewerkschaft SEV und die SBB-Spitze mitten in den Verhandlungen über einen neuen Gesamtarbeitsvertrag. Die beiden Parteien haben bis Ende Juni Zeit für eine Einigung. Aber natürlich steigt mit dem nahenden Abschlusstermin der Druck.

Der Eisenbahnerverband setzt dabei selbstverständlich auf alle Mittel, die ihm zur Verfügung stehen: Verhandlungsgeschick, generalstabsmässig geplante Protestaktionen – und Streikdrohungen, die nur halbherzig hinter aufgebrachten Wortmeldungen der Basis versteckt sind.

Frieden vorüber

Sehr zupass kommt der Gewerkschaftsführung dabei die nach wie vor weit verbreitete Illusion einer überwiegend streikfreien Schweiz. Im eidgenössischen Selbstbewusstsein sind «Verhältnisse wie in Frankreich» (oder Italien, Griechenland, Deutschland...) ein Horror.

Tatsächlich aber ist die hohe Zeit des sozialpartnerschaftlichen Friedens längst vorüber. Seit dem Jahr 2000 ist das Streikrecht in der Verfassung verankert – und es wird rege benützt, durchschnittlich sechsmal im Jahr mit durchschnittlich 6300 Beteiligten.

Die Streikdrohung und der Streik selbst gehören also heute in der Schweiz zu den etablierten und erprobten Formen im Ver­handlungspoker zwischen den Patrons und den Angestellten. Wie jede Waffe ist aber auch der Streik nicht allein für die Verhandlungsgegner gefährlich: Die öffentliche Meinung kann sich schnell auch gegen die Streikenden richten – vor allem, wenn es aufs Ganze geht, die Bahn stillsteht und der Feierabend für Tausende von Pendlern verdorben ist.

Erstellt: 18.06.2018, 18:44 Uhr

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