Wenn Papa sich verweigert

Getrennt lebende Väter haben das Recht, aber auch die Pflicht, ihre Kinder auf Besuch zu nehmen. Doch es gibt Väter, die das ablehnen.

Wenn Trennungsväter sich nicht um ihre Kinder kümmern wollen, wird es schwierig.

Wenn Trennungsväter sich nicht um ihre Kinder kümmern wollen, wird es schwierig.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Der Fall ist jetzt bei der Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde (Kesb). Der 14-jährige Louis wohnt bei seiner Mutter, der Vater ist vor einigen Monaten ausgezogen. Es stellt sich die Frage: Wie oft sehen sich Louis und sein Vater? Die Mutter möchte, dass der Sohn bei beiden Eltern etwa gleich viel Zeit verbringt. Alternierende Obhut heisst dieses neuere Modell. Der Vater lehnt das ab. Er brauche die Ressourcen für einen Neuanfang, sagt er. Ein paar wenige Wochen Ferien mit dem Sohn genügen ihm, und Besuchswochenenden gern – aber nur spontan.

Ein gängiges Besuchszeitenreglement sähe zum Beispiel so aus: Das Kind verbringt jedes zweite Wochenende und jeden Mittwoch beim Vater, zudem einige Wochen Ferien pro Jahr. Viele Trennungsväter leiden darunter, dass sie ihre Kinder weniger sehen als zuvor im gemeinsamen Haushalt, und sie müssen mehr Besuchszeit gerichtlich erkämpfen. Doch was, wenn der Vater gar nicht will?

Das komme gelegentlich vor, sagt Charlotte Christener, Präsidentin der Kesb Bern. Diese Fälle seien anspruchsvoll. «Wenn sich jemand nicht für sein Kind interessiert, ist es zwar rechtlich möglich, aber praktisch schwierig, ihm die Ausübung des Besuchsrechts aufzubrummen.» Der umgekehrte Fall, eine Mutter zur Herausgabe des Kindes zu bewegen, sei einfacher.

Andere Prioritäten

Völlig machtlos ist die Behörde jedoch nicht. Eltern und Kinder haben laut Zivilgesetzbuch ge­genseitig Anspruch auf «angemessenen persönlichen Verkehr», also regelmässigen Kontakt. Wenn dieser nicht statt­findet, können die Behörden einschreiten; den Vater ermahnen oder ihm Weisungen erteilen, auch unter Strafandrohung.

Ob sich das bewährt, hänge stark vom Fall ab, sagt Charlotte Christener. «Wenn der Vater überhaupt nie richtigen Kontakt zu seinem Kind pflegte, vielleicht auch nie mit ihm zusammengelebt hat, bringt es wenig, ihn zu verpflichten.» Anders gelagert seien Beispiele, in denen Väter ihr Besuchspflichtrecht zu locker nehmen und keine verbindlichen Besuchszeiten wollen, weil sie andere Prioritäten haben, etwa eine neue Partnerin.

Schlechtes Gewissen

Das sagt auch Ruedi Winet, Leiter der Kesb Pfäffikon ZH. «Es gibt Väter, die haben nie gelernt, mit ihren Kindern zu reden. In solchen Fällen nützen rechtliche Schritte nichts.» Mütter, deren Ex-Partner sich nicht oder zu wenig um die Kinder kümmerten, gelangten immer wieder an die Kesb, sagt Winet. Noch häufiger seien allerdings Fälle, in denen sich Väter über mangelnden Kontakt zu den Kindern beklagten. «Das zweite Problem ist ganz klar weiter verbreitet.» Selten habe er es auch mit Müttern zu tun, die das Kind nicht bei sich wollten.

Wenn Väter ihre Besuchspflicht nicht wahrnehmen und die Mutter deswegen an die Kesb gelangt, dann spricht die Behörde mit allen Beteiligten. «Wir müssen herausfinden, wo das Problem ist», sagt Ruedi Winet. Manchmal seien es gegenseitige Erwartungen oder mangelhafte Kommunikation. Zuweilen sei die neue Freundin des Vaters der Grund, die mit den Kindern ihres Partners nichts zu tun haben will. «Manche Väter haben ein schlechtes Gewissen den Kindern gegenüber. Bei diesen Vätern ist die Bereitschaft grundsätzlich da.»

Finanzielle Folgen

Die Mutter von Louis ärgert sich. «Der Mann ist gegangen, er will ein neues Leben. Ich habe die ganze Verantwortung für unseren Sohn. Warum ist eigentlich so klar, dass das Kind bei der Mutter wohnt?» Es geht ihr ums Prinzip. Sie will nicht allein für die Betreuung zuständig sein.

Wenn Väter ihr Besuchsrecht nicht ausüben, hat das unter Umständen Konsequenzen. So hat das Bundesgericht vor Jahren entschieden, dass einem Vater, der seine Kinder aus Trotz nicht sehen wollte, das Besuchsrecht später zu Recht verweigert wurde. Der Mann hatte die alternierende Obhut verlangt und dann, weil ihm diese verwehrt wurde, auf das Besuchsrecht ganz verzichtet. Als er es sich anders überlegte, war es zu spät.

Auch finanzielle Folgen sind möglich: «Das Besuchsrecht ist nicht nur ein Recht, sondern ein Pflichtrecht», sagt der Zürcher Scheidungsanwalt Renzo Guzzi. Die Verletzung dieser Pflicht habe – abgesehen von einer möglichen Aufhebung des Besuchsrechts – auch zur Folge, dass der andere Elternteil höhere Betreuungskosten geltend machen kann, «nämlich für jene Tage, an denen die Mutter das Kind betreuen musste und dadurch höhere Kosten hatte». Rechtsanwalt Andreas Egli sagt: Allenfalls könne das Gericht die Unterhaltsbeiträge für das Kind erhöhen oder dem Vater das Sorgerecht entziehen. Nur: Letzteres werde wohl die Väter, von denen hier die Rede ist, kaum belasten.

Erstellt: 07.01.2019, 22:22 Uhr

Artikel zum Thema

Kinder brauchen beide Eltern

Gastbeitrag Wenn geschiedene Eltern sich bei der Betreuung abwechseln, profitieren die Kinder. Politiker und Gerichte sollten das berücksichtigen. Mehr...

Am Ende sind die Kinder doch bei der Mutter

Ein Vater hat während der Beziehung seine Kinder an zwei Tagen pro Woche betreut. Das darf er nach einem Gerichtsurteil nun nicht mehr. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Blog

Kommentare

Paid Post

Wie zahlen sich Investitionen in Analytics und KI aus?

Analytics und künstliche Intelligenz (KI) stehen bei vielen Unternehmen oben auf der Agenda. Das bedeutet aber nicht, dass die Investitionen auch zu einem geschäftlichen Mehrwert führen.

Die Welt in Bildern

Feuerschweif: Eine Spezialeinheit demonstriert am Indian Navy Day in Mumbai ihr Können. (4. Dezember 2019)
(Bild: Francis Mascarenhas) Mehr...