Parmelin sucht dringend 100 Cyberkrieger

Der Verteidigungsminister schafft Jobs, um Bedrohungen aus dem Internet zu bekämpfen. Fragt sich nur: Wie findet er diese Spezialisten?

Das Verteidigungsdepartement will für die Cyberabwehr verstärkt mit Hochschulen kooperieren. Foto: Christian Beutler (Keystone)

Das Verteidigungsdepartement will für die Cyberabwehr verstärkt mit Hochschulen kooperieren. Foto: Christian Beutler (Keystone)

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Die Idee ist fast so alt wie das Internet selbst: Die Schweizer Armee soll eine eigene Truppe von Cyberkriegern unterhalten. Nun hat die Idee eine wichtige Hürde genommen. Im Juni unterzeichnete Verteidigungsminister Guy Parmelin (SVP) die Umsetzung des Aktionsplans Cyber Defense. Das Massnahmenbündel hat zum Ziel, das Verteidigungsdepartement (VBS) als Kompetenzpool für Cyberabwehr zu etablieren und die Zusammenarbeit mit Hochschulen und weiteren Partnern zu intensivieren. Parmelin ordnete die Schaffung von «zusätzlichen 100 Stellen» für den Bereich Cyber an, wie es beim VBS heisst. Zudem wertete der SVP-Bundesrat den Bereich Cyberabwehr im VBS auf. Der bisherige Cyberchef der Armee, Gérald Vernez, hat bereits damit begonnen, eine neue Abteilung mit Experten aufzubauen. Sie untersteht direkt dem Generalsekretariat von Guy Parmelin. Cyber – das ist jetzt also Chefsache im VBS.

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Wurde aber auch Zeit, sagen viele unter der Bundeshauskuppel. Erst zwei Monate ist es her, dass Bundespräsidentin Doris Leuthard im Parlament einräumen musste, «dass das Thema Cybersicherheit vielleicht eine Zeit lang unterschätzt oder zumindest nicht im Gesamtbundesrat eingehend diskutiert wurde». Nach dem gravierenden Datenklau bei der bundeseigenen Rüstungsschmiede Ruag und weiteren Vorfällen seien diese Fehler erkannt. Die Verwaltung arbeite derzeit eine neue Strategie für den Schutz kritischer Infrastrukturen aus, so Leuthard.

Skeptische Sicherheitspolitiker

Dennoch begegnen Sicherheitspolitiker den jüngsten Massnahmen des Bundes mit Skepsis. «Seit Jahren heisst es im VBS, man wolle jetzt sofort loslegen. Aber wirklich passiert ist kaum etwas», sagt Marcel Dobler, St. Galler FDP-Nationalrat und Präsident von ICT-Switzerland, dem Dachverband der Informatik- und Telecombranche. «Der Handlungsbedarf ist riesig. Die Armee verfügt heute weder über das Know-how noch über die Ressourcen, um dem Verfassungsauftrag im Cyberraum nachzukommen.» Mit anderen Worten: Bisher kann die Armee das Land und die Bevölkerung nur ungenügend vor Cyberattacken schützen.

Beunruhigt ist auch Claude Janiak, der als Mitglied der Geschäftsprüfungsdelegation und Präsident der Geschäftsprüfungs-Subkommission für die VBS-Aufsicht einen einzigartigen Einblick in vertrauliche Sicherheitsbelange hat. «Cyberattacken auf die Departemente sind praktisch alltäglich geworden. Trotzdem wird das Thema Cyber Security beim Bund noch immer unterschätzt. Man ist auf dem besten Weg, es zu verschlafen», sagt Ständerat Janiak (SP, BL).

Video: Auch Deutschland rüstet sich gegen den Cyberkrieg

Start zum Cyber-Kommando in Bonn mit 260 Soldaten. Bis 2021 sollen weitere 13'500 Soldaten und 1500 zivile Mitarbeiter dazukommen.

Dabei, so die Ansicht vieler Experten, fehlte es beim Bund bisher nicht nur an Ressourcen. Eine grosse Herausforderung ergibt sich etwa daraus, dass das Thema Cybersicherheit so weitläufig ist. Aspekte der zivilen und militärischen Abwehr müssen laufend aufeinander abgestimmt werden. Bisher dominierte in der Verwaltung aber ein Silodenken – jedes Departement schaute vorrangig auf sich selbst. Dies hat unlängst eine unabhängige Evaluation der Cyberstrategie des Bundes ergeben. Hier setzt nun ein Vorstoss von Joachim Eder (FDP, ZG) an. Er verlangt die Bündelung der Ressourcen in einem Cyber-Security-Kompetenzzentrum für die ganze Verwaltung. Dieses soll eng mit der Wissenschaft und der Wirtschaft kooperieren und explizit auch befugt sein, anderen Departementen dreinzureden. «Es braucht endlich eine angemessene Organisation und Koordination», sagt Eder. Fast die Hälfte der Ständeräte hat seine Motion unterzeichnet.

Ein weiteres Problem ist der Fachkräftemangel. Mit dem Entscheid, 100 Cyberspezialisten einzustellen, begibt sich das VBS in direkte Konkurrenz zu attraktiven Arbeitgebern wie Google. Diese locken bereits Studienabgänger mit spannenden Jobs und lukrativen Löhnen. Da kann die Armee mit ihrem angestaubten Image und ihren unflexiblen Arbeitsbedingungen schlecht mithalten. Es sei schon fraglich, ob der Bund die Fachkräfte für den Schutz vor Cyberrisiken finde, sagte kürzlich auch Doris Leuthard. «Denn sehr oft werden in der Privatwirtschaft weit höhere Saläre bezahlt, als in der Bundesverwaltung möglich sind.»

Dobler kennt das Problem. Prinzipiell hätte das VBS durchaus gute Chancen auf dem Jobmarkt, glaubt der Digitec-Gründer. «Es kann eine sehr spannende Arbeit sein: Als Cybercrack bei der Armee kommt man mit spannenden Fällen in Berührung, die für Zivilisten unzugänglich sind.» Das Problem sei, dass das VBS und die Armee bisher zu wenig gemacht hätten, um an die hellen Köpfe heranzukommen. Dabei gehe es nicht nur um konkurrenzfähige Anstellungsbedingungen wie Löhne und Arbeitszeiten. «Die Zusammenarbeit mit der Wissenschaft und den Hochschulen ist noch sehr bescheiden, auch ETH und EPFL bieten noch keine umfassenden Cyber-Defense-Lehrgänge. Der Rüstungsbeschaffer Armasuisse bietet zwar Praktikumsplätze für Talente, tut sich aber schwer damit, sie längerfristig zu binden.»

Wie gross die Rekrutierungsschwierigkeiten im IT-Bereich sind, will das VBS auf Anfrage nicht näher erörtern. Einen besseren Zugang zu Talenten verspricht man sich aus Kooperationen mit Hochschulen: Mehrere Initiativen würden zurzeit geprüft, und erste Studiengänge im Bereich Cyber Defense sollten in den nächsten Jahren folgen, heisst es dazu beim VBS.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 06.08.2017, 20:51 Uhr

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