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Wenn Staatsmänner küssen

Bussi-Bussi-Diplomatie: Der politische Kuss auf höchster Ebene ist heute Pflicht – und schon auf dem Weg zum leeren Ritual.

Simonetta Sommaruga und EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker am Montag in Brüssel. Foto: Olivier Hoslet (EPA, Keystone)
Simonetta Sommaruga und EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker am Montag in Brüssel. Foto: Olivier Hoslet (EPA, Keystone)

Für Simonetta Sommaruga kam die Kussattacke Jean-Claude Junckers offenbar überraschend. Dabei ist Juncker ein Wiederholungstäter; unvergessen etwa der filmreife Vom-Winde-verweht-Schmatz, den er 2012 IWF-Chefin Christine Lagarde verabreichte.

Kussforscher, sogenannte Philematologen, und Kenner der Gipfel­diplomatie wissen längst: Der politische Kuss ist in Europa kein Kavaliersdelikt und keine Sensation mehr, sondern fast schon Pflicht. Angela Merkel etwa geht, obwohl Emotionen und plumpen Annäherungsversuchen eher abhold, selten ungeküsst nach Hause. Renzi, Rutte, Obama, ja selbst Putin (in guten Zeiten) und natürlich Freund Juncker: Alle wollen sie abbusseln, und nicht immer ist es so schön wie in Neuseeland beim Nasenkuss oder kürzlich in Paris, als sie an Präsident Hollandes Schulter sogar die Augen schloss. Merkel verabscheute die Bussi-Bussi-Faxen Berlusconis und war sicher nicht unangenehm berührt, als sich der ungarische Premier Orban beim Staatsbesuch am Montag mit formvollendetem Handkuss begnügte.

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