Wer bezahlt für den Giftmüll von La Pila?

Bei Freiburg sickerten jahrzehntelang hochgiftige Stoffe in die Saane. Die Verursacher könnten ungeschoren davonkommen. Jetzt wächst der Widerstand.

Erst vor etwas mehr als zehn Jahren begann man die Mülldeponie zu untersuchen: Probebohrungen in La Pila am 28. April 2008. Foto: Hans Ulrich Schaad

Erst vor etwas mehr als zehn Jahren begann man die Mülldeponie zu untersuchen: Probebohrungen in La Pila am 28. April 2008. Foto: Hans Ulrich Schaad

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Die Sonne ist ein Schwert. Aber ­Narcisse Niclass ist die Hitze egal. In seinen Händen blitzt ein Aluminiumstück auf, vielleicht 50 Zentimeter lang. Der Rentner drischt damit aufs Gestrüpp ein und arbeitet sich langsam ins Unterholz vor. Auf seinem Gesicht perlt der Schweiss.

Was unter den Brombeerstauden und Waldreben zum Vorschein kommt, ist zunächst gewöhnlicher Hausmüll. Porzellanscherben. Bauschutt. ­Plastikstücke. Aber dann zeigt Niclass plötzlich auf dunkle, metallisch schimmernde Plättchen von der Grösse eines Zweifränklers. «Da! Sehen Sie! Der Hügel ist voll davon.»

Der Hügel heisst La Pila und liegt westlich von Freiburg in einer Flussbiegung der Saane, mitten in einem Auenschutzgebiet von nationaler Bedeutung. Zugleich ist der Hügel eine der grössten Altlastendeponien der Schweiz. Ab 1952 diente dieses Gelände den Freiburgern als Müllhalde. Alles wurde hier entsorgt. 20 Meter hoch türmt sich der Abfall ­heute auf. Das Volumen der Deponie wird auf 200'000 Kubikmeter geschätzt. Aber der Müllberg ist gut getarnt. Nach der Schliessung von La Pila im Jahr 1975 wurde das Gelände mit Erde überschüttet. Erst wuchs Gras. Dann Wald. Und niemand sprach mehr darüber.

«Schon der Name ist tabu»

«Man wollte nicht», sagt Niclass, der lange in Freiburg gelebt hat und sich heute von einem Vorort aus immer wieder mal mit den politischen Würdenträgern anlegt. «Schweigen und vergessen. Das war die Devise der Politiker und der Industriellen.» Er fährt mit seinem Daumen über die Metallplättchen. Sie stammen von Batteriestäben des Westschweizer Herstellers Leclanché. Für Niclass beweisen sie, wie die lokale Industrie ihre giftigen Abfälle und ihre überschüssige Produktion rücksichtslos ans Ufer der Saane gekippt hat. Insbesondere Condensateurs Fribourg, ein Hersteller von Hochleistungskondensatoren, habe sich schuldig gemacht, sagt der ­Rentner. «Aber kein Politiker wagt es, dies an­zusprechen. Schon der Name ist tabu. Con! Den! Sa! Teurs!»

«Schweigen und vergessen war die Devise»: Regierungskritiker Narcisse Niclass. Foto: Raphael Moser

Die Aufarbeitung von La Pila ­startete tatsächlich erst Anfang der Nullerjahre. Damals begannen die ­Kantonsbehörden, den Boden zu untersuchen. Rasch stiessen sie auf hochgiftige Stoffe. Insbe­sondere sogenannte PCB, also dioxin­ähnliche Verbindungen, die von der ­Industrie genutzt wurden und praktisch unzerstörbar sind. Sie reichern sich im Körper von Tieren und Menschen an und schädigen das Immunsystem, das zentrale Nervensystem, die Haut, die Leber, die Atemwege und die Nieren. Zudem sind sie krebserregend. Wegen seiner toxischen Wirkung hat der Bundesrat 1986 ein PCB-Totalverbot ­ausgesprochen für die Schweiz.

Doch aus La Pila sickerte das Gift ungehindert in die Saane. 2007 ­untersuchte der Kanton Freiburg, wie stark das PCB die Fische im Fluss belastete. Die festgestellte Kontamination war so alarmierend, dass die Kantonsregierung für ein 40 Kilometer langes Teilstück der ­Saane ein Fischereiverbot verfügte. Weiter flussabwärts warnte auch der Kanton Bern vor dem Verzehr von Fischen aus der Saane sowie aus gewissen Abschnitten der Aare.

Eisenplatten sollen verhindern, dass PCB aus der Deponie austritt. Foto: Raphael Moser

Gleichzeitig leitete der Freiburger Staatsrat Sofortmassnahmen zur Sicherung der Deponie ein und begann, eine Sanierung zu planen. Zwei Dinge waren schnell klar: Erstens, das PCB stammte mit grosser Wahrscheinlichkeit von den Tausenden Kondensatoren, die die Forscher in La Pila ausgegraben hatten. Zweitens, eine Sanierung würde bis zu 250 Millionen Franken kosten. Wobei für den Bund eine Beteiligung von bis zu 100 Millionen Franken anfallen würde.

Doch dann wurde es ein zweites Mal ruhig um La Pila. Eine Frage blieb unbeantwortet: Wäre es nicht an den Verursachern der Verschmutzung, für die Sanierungskosten aufzukommen? So, wie es auch das Umweltschutzgesetz vorsieht?

Als sich vor wenigen Wochen das Kantonsparlament mit der Pila-Sanierung befasste und die Frage nach den Verantwortlichen erneut kaum thematisiert wurde, platzte Narcisse Niclass der Kragen. Er wandte sich mit einem Leserbrief an die Öffentlichkeit. Dreissig Jahre lang hätten die Freiburger Politiker von dem Problem bei La Pila gewusst, schrieb er. Doch niemand habe etwas unternommen, um die wahren Verursacher der Verschmutzung zur Rechenschaft zu ziehen. «In diesem Land gilt die Regel: Je grösser die Schweinerei, desto grösser die Chance, dass man von der Politik in Ruhe gelassen wird.»

Niclass steht jetzt zwischen einer jungen Buche und riesigen ­Metallplatten, die wie Fossilien aus dem Boden ragen und ein Eindringen des PCB in die ­Saane und ins Grundwasser verhindern ­sollen. «Die Leute sind erwacht», sagt der Rentner. Alle paar Tage ­melden sich Zeit­zeugen, Aktivisten und Politiker bei ihm. Auf Facebook hat sich eine ­Gruppe gebildet mit dem Namen «Wer wird für La Pila bezahlen?». Es erscheinen ­immer neue Leserbriefe. Auch im Kantonsparlament wächst der Druck.

Es droht ein Kampf vor Gericht

Jean-François Steiert seufzt. Der SP-Politiker ist seit 2017 Umweltdirektor im Kanton Freiburg und damit zuständig für die Sanierung von La Pila. «Der Vorwurf, wir würden Unternehmen schützen, die das PCB in La Pila verursacht haben, ist völlig aus der Luft gegriffen», sagt er. Dann zählt er eine Reihe von Studien und Gutachten auf, die der Regierungsrat in Auftrag gegeben hat, um die Verantwortlichen von La Pila zu eruieren und an den Sanierungskosten zu beteiligen. «Noch können wir diese Fragen nicht abschliessend beantworten. Sie sind hochkomplex», sagt Steiert. «Und unsere Entscheide müssen so ­solid sein, dass sie auch vor Gericht bestehen.» Es sei nämlich nicht ausgeschlossen, dass die Verursacher eine Kostenbeteiligung juristisch anfechten würden. «Mir ist es lieber, wir machen jetzt gründliche Arbeit, als dass wir in fünf Jahren vor Bundesgericht unter­liegen und wieder von vorn beginnen müssen», sagt Steiert.

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Nebst der wissenschaftlichen und ­juristischen Grundlagenarbeit sei der Kanton Freiburg auch ganz konkret aktiv geworden. «Wir haben bei möglichen Verursachern Massnahmen getroffen, um Aktiven zu sichern.» Mit anderen Worten: Steiert hat Schritte veranlasst, um zu verhindern, dass Unternehmen sich ihrer Verantwortung entziehen, etwa durch eine Reorganisation oder einen Umzug.

Näher will sich der SP-Politiker dazu nicht äussern. Weder zur Frage, bei welchen Unternehmen der Kanton Freiburg interveniert hat. Noch, in welchem Umfang Vermögen gesichert wurden. «Der Fahrplan ist, dass wir Ende Jahr die Verantwortlichkeiten für die Deponie festlegen und die Kostenverteilung für die Sanierung bestimmen», sagt Jean-François Steiert.

Narcisse Niclass bleibt skeptisch. Das jahrelange Zögern der kantonalen Behörden habe womöglich zur Folge, dass es keine Verantwortlichen mehr gebe. «Condensateurs Fribourg hat ­inzwischen mehrfach den Besitzer gewechselt.» Heute befinde sich der Unternehmenssitz in Zürich. Da sei es sehr fraglich, ob überhaupt noch Geld zu holen sei. «Es würde mich nicht wundern, wenn die Rechnung schliesslich am Steuerzahler hängen bleibt.»

Erstellt: 08.08.2019, 07:54 Uhr

In Zahlen

31 Tonnen
Diese Menge an hochgiftigem PCB befindet sich gemäss Schätzungen in der Freiburger Deponie La Pila. Der dioxin­ähnliche Stoff lagert sich im Körperfett ein und ist stark gesundheitsschädigend.

20 Meter
So hoch türmt sich der Abfallberg auf. Das Volumen der Deponie La Pila wird auf 200000 Kubikmeter geschätzt, das entspricht einem Würfel mit einer ­Kantenlänge von fast 60 Metern.

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