Wer breitere Strassen baut, erntet noch mehr Verkehr

Doppelstöckige Autobahnen sind die falsche Antwort auf die ungebremst wachsende Mobilität.

Nordring beim Autobahnkreuz Zürich Nord bei Opfikon: Mehr Kapazität auf den Autobahnen löst das Verkehrsproblem nach den Ausfahrten nicht. (Bild: Urs Jaudas)

Nordring beim Autobahnkreuz Zürich Nord bei Opfikon: Mehr Kapazität auf den Autobahnen löst das Verkehrsproblem nach den Ausfahrten nicht. (Bild: Urs Jaudas)

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Der oberste Strassenchef des Bundes verspricht der staugeplagten Bevölkerung freie Fahrt. Das Rezept erinnert allerdings an die Strasseneuphorie des letzten Jahrhunderts: Mit Beton und Tunnelbohrmaschinen schaffen wir Platz für all die Autos und Lastwagen, die in 30 Jahren zusätzlich unterwegs sein werden.

Weil im verbauten Mittelland niemand neue Spuren durch die Landschaft ziehen will, erhöhen wir die Kapazität durch eine zweite Autobahnetage und einen vierten Tunnel. Statt auf drei oder oder vier Fahrbahnen ergiesst sich dann der motorisierte Individualverkehr auf sechs oder acht Spuren vom Baregg Richtung Zürich und auf gleich vielen in die Gegenrichtung.

Eine doppelstöckige Autobahn hört sich an wie eine Utopie, die hoffentlich eine bleibt. Denn die Kosten des von Jürg Röthlisberger skizzierten Ausbaus wären enorm, was er selbst weiss. Er will vor allem den Staugeplagten signalisieren, dass er ihren Ärger versteht.   

Eine doppelstöckige Autobahn hört sich an wie eine Utopie, die hoffentlich eine bleibt. 

Ärgerlich an Röthlisbergers Vision ist aber, dass er keine Alternativen formuliert. Dank Datenautobahnen könnten mehr Leute im Homeoffice arbeiten. Mit automatisiertem Fahren und intelligenter Verkehrslenkung könnte der Verkehr verdichtet werden. Und mit einem durchgehenden Viertelstundentakt der Bahn könnten mehr Menschen das Auto zu Hause lassen.

Es ist richtig, dass viele Auto- und Camionfahrer nicht freiwillig auf den Strassenverkehr setzen, sondern aus ökonomischen und logistischen Gründen. Deshalb hat das Volk im Februar 2017 einer Engpassbeseitigung zugestimmt. Trotzdem kann die Antwort auf den Mobilitätsdrang nicht nur Beton sein.

Gibt es auf den Autobahnen mehr Platz, nimmt dort der Verkehr noch mehr zu, dafür stockt er nach der Ausfahrt, in den Städten und Agglomerationen. Und hier wird der Gegenentwurf zu Röthlisbergers Plan versucht, um Einwohner vom Strassenverkehr zu entlasten: mit Spurreduktionen auf Hauptachsen sowie mehr ÖV-Kapazitäten und Velowegen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 30.07.2018, 06:47 Uhr

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