Wer nicht liest, ist arm dran

Schweizer Schülerinnen und Schüler sind im Fach «Lesen» immer schwächer. Das hat Auswirkungen auf die Gesellschaft. 

Ein Viertel der künftigen Stimmberechtigten wird Abstimmungsunterlagen, Sicherheitsbestimmungen oder Zeitungsartikel nicht verstehen. Foto: Laurent Gillieron (Keystone)

Ein Viertel der künftigen Stimmberechtigten wird Abstimmungsunterlagen, Sicherheitsbestimmungen oder Zeitungsartikel nicht verstehen. Foto: Laurent Gillieron (Keystone)

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Von den «Abgehängten» ist jetzt viel die Rede in soziologischen Untersuchungen und sorgenvollen Leitartikeln. Von denen, die den Anschluss an die Gesellschaft verloren haben – Geringverdiener, die in entvölkerten Landstrichen leben und empfänglich sind für die billigen Parolen populistischer Rattenfänger. Die neuen Ergebnisse der Pisa-Studie – alarmierend nicht nur für die Schweiz, aber auch für sie – dürften die Aufmerksamkeit auf eine andere Art des Abgehängtseins lenken. Sie hat ihre Ursache nicht in Niedriglöhnen oder mangelnder Verkehrsanbindung, sondern in mangelnder Lesekompetenz.

Die Betroffenen sind keine Analphabeten, aber sie sind nicht in der Lage, das Gelesene auch zu verstehen. Sie wissen oft nicht einmal, was ein Text an Informationen enthält – geschweige denn, was der Verfasser für Zwecke damit verfolgt. Und schon gar nicht sind sie in der Lage, sich zu diesem Text zu verhalten, zustimmend oder kritisch. Jeder vierte 15-jährige Schüler in der Schweiz, sagt die neue Pisa-Studie, hat diese Fähigkeiten nicht.

Wer nicht versteht, was er liest, weil er nicht richtig lesen kann, der kann zwischen Fakten, Meinungen oder Fakes nicht unterscheiden.

Also ein Viertel der künftigen Stimmbürger, Arbeitskräfte, Familienväter oder -mütter. Sie werden Abstimmungsunterlagen nicht verstehen, Sicherheitsbestimmungen, Zeitungsartikel, Arbeitsanweisungen. Was für eine Rolle können sie spielen in der Gesellschaft, was für Staatsbürger können das sein? Und was für eine Gesellschaft wird das sein, in der ein beträchtlicher Teil gar nicht versteht, worum es geht?

Wer nicht versteht, was er liest, weil er nicht richtig lesen kann, der kann zwischen Fakten, Meinungen oder Fakes nicht unterscheiden. Dem ist Information, Werbung und Propaganda Jacke wie Hose. Der ist Manipulationen aller Art wehrlos ausgesetzt. Demokratie ist die beste Staatsform, aber auch die anspruchsvollste. Damit sie funktioniert, braucht sie mündige Bürger. Mündigkeit stellt sich durch Bildung und Erfahrung her. Die wichtigste Quelle dafür ist die Lektüre.

Literatur bildet die Persönlichkeit und bereichert sie kontinuierlich, ein Leben lang.

Nicht nur von Sachtexten, wohlgemerkt! Der informierte Mensch ist nur der halbe Mensch. Es ist die Literatur, die ihn aus der eigenen Begrenztheit herausführt. In andere Köpfe, andere Seelen und Gemüter. Die ihn empfänglich macht für das Leid und die Freude, die Sorgen und Interessen anderer Menschen. Perspektivwechsel, Einfühlung, Empathie: Das vermittelt Literatur. Sie bildet die Persönlichkeit und bereichert sie kontinuierlich, ein Leben lang.

Wem dieser Zugang zum Innern anderer Menschen versperrt bleibt, der ist arm dran. Arm an Wissen, arm an Empfindung. Wer nicht lesen kann, der ist wirklich abgehängt. Ein Viertel Abgehängter – das kann sich die Schweiz nicht leisten, nicht politisch, nicht wirtschaftlich, nicht menschlich.  

Erstellt: 03.12.2019, 15:59 Uhr

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