Wer sich integriert – und wer sich isoliert

«Ich fühle mich als Schweizer»: Wie gut Jugendliche integriert sind und welche Rolle ihre Herkunft spielt, zeigt eine Befragung.

Identifikation mit der Schweiz: Fans leiden im Sommer mit der Nati Foto: Keystone

Identifikation mit der Schweiz: Fans leiden im Sommer mit der Nati Foto: Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Die Idee entstand letzten Sommer. Mit einem simplen Torjubel hatten Xherdan Shaqiri und Granit Xhaka eine schweizweite Debatte ausgelöst. «Diese war geprägt von Emotionen. Wie so oft, wenn es um die Integration geht», sagt Dirk Baier, Leiter des Instituts für Delinquenz und Kriminalprävention an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften. «Wir haben uns gefragt, wie man das Thema stattdessen sachlich angehen kann.»

Mittlerweile ist «Doppeladler» das Schweizer Wort des Jahres. Und Baier hat mit einem Team von Forschern eine Studie ausgearbeitet. «Die Resultate bergen ein gewisses Risiko», sagt der Professor, selbst aus Deutschland zugewandert. Man habe die Integration auf eine einzige Zahl heruntergebrochen, um nach Herkunftsland vergleichen zu können. «Da besteht die Gefahr, dass die Resultate politisch instrumentalisiert werden, um Stimmung gegen gewisse Gruppen zu machen.»

Gut 8300 Teenager wurden ­befragt, die meisten 17 oder 18 Jahre alt. Je nach Migrationshintergrund fielen ihre Antworten sehr unterschiedlich aus, wie der entsprechende Integrations-index zeigt. Die höchsten Wertungen erzielten Österreich (83) und Deutschland (80). Deutlich niedriger fielen die Quoten für die Türkei und Serbien aus (60). Dahinter folgte die Gruppe «arabische Länder und Nordafrika» (59). Die tiefsten Zahlen wiesen der Kosovo (57) und Mazedonien (55) auf.

Türken und Mazedonier oft ohne Freunde aus der Schweiz

Der Index entstand aus drei Kriterien. Einerseits sollten die Teenager angeben, ob mindestens einer ihrer fünf besten Freunde Schweizer ist. Dies traf für 96 Prozent der Österreicher zu, aber nur für 57 Prozent der Befragten mit Wurzeln in der Türkei und in Mazedonien. Genauso floss die Frage nach der Identifikation in die Wertung. 88 Prozent der Österreicher fühlten sich ganz oder immerhin teilweise als Schweizer. Portugal erreichte mit 55 Prozent den tiefsten Wert.

Schliesslich war auch die Bildung entscheidend für den Index. Deutschland erreichte die besten Werte, weil 43 Prozent der Befragten ein Gymnasium besuchen. Am unteren Ende befanden sich Teenager mit Wurzeln in Mazedonien und im Kosovo, von ihnen waren 7 Prozent an der Kanti.

«Gerade auch das Kriterium der Bildung zeigt, warum man die Studie kritisch einschätzen muss», sagt Nina Gilgen, Integrationsdelegierte des Kantons Zürich. «Jemand, der das Gymnasium besucht, kann genauso gut integriert sein wie ­jemand in der Berufsschule.» Es sei methodisch fragwürdig, mit nur drei wenig ausdifferenzierten Kriterien eine Rangliste entlang der Nationalitäten zu erstellen. «Dafür ist die Integration ein zu komplexer Prozess», sagt Gilgen.

Dirk Baier hätte gern weitere Faktoren einberechnet. «Wir haben auch gefragt, wer einen Verein besucht», sagt er. Ein Kriterium, das bei Einbürgerungsverfahren oft abgefragt wird. In den Index flossen die Resultate aber nicht ein. Weil es auch viele Vereine gibt, etwa im sportlichen Bereich, die sich spezifisch an eine einzelne ethnische Gruppe richten. «Was für die Integration eher negativ ist», sagt Baier.

Dieser Zusammenhang ergab sich auch bei der Religion. Die Forscher glichen alle Antworten nach diesem Kriterium ab. Es zeigte sich, dass konfessionslose Jugendliche meist mehr Punkte auf dem Integrationsindex aufweisen als solche, die einer Kirche angehören. «Religion und Religiosität erweist sich eher als hemmender denn als förderlicher Faktor», schreiben die Autoren. «Dies gilt für Christen ebenso wie für Muslime.»

Xhezmi Tairi, Mitgründer und Präsident des albanischen Vereins zur Förderung von Integration, machte die gleiche Erfahrung. «Viele Migranten, die in die Schweiz kommen, suchen Halt und finden diesen in der Moschee oder in lokalen Vereinen. Weil sie dort Landsleute finden, die ihre Probleme verstehen und ihre Sprache sprechen.» Die Integration fördere das nicht. «Weil so kein Austausch mit der einheimischen Bevölkerung entsteht.»

Tairi nimmt beide Seiten in die Verantwortung. «Migranten müssen aktiver sein, sich zum Beispiel beim Lernen der Landessprachen weiterbilden. Ohne diese kann man sich gar nicht integrieren.» Von den Schweizern fordert er Fairness. «Ich lebe seit 22 Jahren hier, bin eingebürgert, zahle Steuern, arbeite und halte mich an die Gesetze. Trotzdem höre ich immer wieder, ich sei kein Eidgenosse», sagt Tairi. Gerade jüngere Migranten würden solche Aussagen verletzen. «Sie führen dazu, dass sie lieber unter sich bleiben.»

«Integration istkeine Einbahnstrasse»

Die Studie bestätigt dies. 13 Prozent aller Teenager mit Migrationshintergrund nehmen ihre Gruppe als diskriminiert wahr. Auf überdurchschnittlich hohe Werte kommen Befragte aus dem Balkan. Jene also, die laut Index schlecht integriert sind. Konkret gefragt wurden die Teilnehmer zudem, ob ihre Landsleute unter sich heiraten und auch grundsätzlich stärker unter sich bleiben sollten. Jeder dritte Kosovare und Mazedonier stimmte zu. Aber auch 11 Prozent der Schweizer befürworteten diese Abschottung, ein Wert im Mittelfeld. «Es zeigt sich deutlich, dass Inte­gration keine Einbahnstrasse ist», sagt Dirk Baier. «Es braucht Offenheit von beiden Seiten.»

Aber auch jene der Eltern. Sie haben einen enormen Einfluss, wie die Umfrage ergab. Dort hiess es zum Beispiel: «Meine Eltern möchten, dass ich jemanden heirate, der die gleiche Nationalität hat wie sie.» Bejaht wurde dies vor allem von Teenagern, die auch selbst der Meinung sind, dass Landsleute unter sich heiraten sollten.

Genau solche Zusammenhänge wollte Baier finden. «Als Hinweis dafür, wo die Integrations­förderung ansetzen könnte.» Die Ergebnisse stimmen ihn für die Zukunft positiv. «Sie zeigen klar, dass Zeit hilft. Dass jene Jugendlichen besser integriert sind, die schon länger in der Schweiz leben.» Schliesslich räumt die Studie mit einem alten Vorurteil auf. «Fehlende Integration stellt kein Risikofaktor für delinquentes Verhalten dar», schreiben die Autoren. Zwar gaben Jugendliche mit Migrationshintergrund häufiger an, Gewalt anzuwenden. Beim Rauschtrinken, bei Ladendiebstählen oder beim Cannabiskonsum lagen aber die Schweizer vorn.

Hier die ganze Studie von Dirk Baier und seinen Kollegen lesen.

Erstellt: 13.01.2019, 07:28 Uhr

Artikel zum Thema

«Unser Ziel war, zu überleben. Elf Jahre, zehn Monate lang»

Jeder zweite Geflüchtete in der Schweiz ist traumatisiert. Mehmet Özgül erzählt, wie er zurück in die Normalität fand. Mehr...

Schlüsselfiguren der Integration

Analyse Bei der Ausbildung von Imamen könnte Bern eine Vorreiterrolle einnehmen. Mehr...

«Der Doppeladler war ein Grund, warum wir nicht weiterkamen»

Interview Die Auslandprofis Granit Xhaka und Lia Wälti erklären das Fussballjahr 2018. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Blog

Blogs

Geldblog Schlechter Zeitpunkt für grosse Investitionen

Sweet Home Trost aus der Pfanne

Die Welt in Bildern

Logenplätze: Die Bewohner der nepalesischen Ortschaft Bode verfolgen den Nil-Barahi-Maskentanz von ihren Fenstern aus. Während des jährlichen Fests verkleiden sich Tänzer als Gottheiten und ziehen durch die Strassen. (20. August 2019)
(Bild: Navesh Chitrakar) Mehr...