Wer wir sind

Um Flüchtlinge zu integrieren, muss sich Europa über seine Werte klar werden.

In Zürich demonstrierten am Wochenende junge Menschen für mehr Solidarität. Foto: Dominique Meienberg

In Zürich demonstrierten am Wochenende junge Menschen für mehr Solidarität. Foto: Dominique Meienberg

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Ein Septembermärchen wird genannt, was gerade in Deutschland geschieht. Gemeint ist die riesige Solidarität, mit der Flüchtlinge in Deutschland und auch in der Schweiz empfangen werden: Bürger quartieren Flüchtlinge bei sich ein, Freiwillige sammeln Decken und Zelte für die Gestrandeten. Das sind schöne Gesten, aber kaum ein Anfang. Oder wie es die grüne Abgeordnete Katrin Göring-Eckardt formulierte: «Heute müssen wir diesen Menschen ein Winterquartier geben. Aber morgen müssen wir sie an unsere Werte erinnern.»

Die Frage ist nur, welche Werte gemeint sind. Denn diese werden gern zitiert, aber selten benannt. Geht es um Menschenrechte, Religionsfreiheit, Gleichheit? Und was, wenn die miteinander im Widerspruch stehen? Wenn, wie am Wochenende in Frankreich geschehen, radikale Imame darüber referieren, wann es angebracht ist, seine Ehefrau zu verprügeln, und wie man dabei vorgehen muss. Solche Reden fallen zwar unter die Meinungsfreiheit. Für jede Frau, jeden aufgeklärten Mann und jede Gesellschaft, die die Rechte der Frauen ernst nimmt, sind sie ein Affront. Pluralität, das Nebeneinander von Verschiedenem, gehört zu unserem westlichen Selbstverständnis. Aber das darf nicht dazu führen, dass wir uns vor der Verantwortung drücken, Grenzen zu ziehen.

Anpassen sollen sich die andern

Die Mehrheit der gegenwärtigen Flüchtlinge stammt aus dem arabischen Raum. In den vergangenen Jahrzehnten hat der Islam sich dort nicht etwa säkularisiert, sondern sich radikalisiert und einen Backlash erlebt: zurück ins unaufgeklärte Denken, zurück zu patriarchalen gesellschaftlichen Strukturen. Natürlich betrifft das nicht jeden einzelnen Flüchtling – aber genug von ihnen, um sich Sorgen zu machen.

Man muss sich der Menschen annehmen, die zu Fuss nach Europa kommen. Doch es wird nicht einfach werden, diesen traumatisierten, der hiesigen Sprache unkundigen Menschen eine Perspektive in unserer hoch technisierten Leistungsgesellschaft zu bieten. Das ist für niemanden mehr selbstverständlich, weder für die hier Geborenen noch für die Neuankömmlinge. Ganz abgesehen davon, dass viele niederschwellige Jobs in den kommenden Jahren der Digitalisierung zum Opfer fallen werden. Den ganzen Reichtum hier vor Augen zu haben, nicht aber den Schlüssel zur Teilhabe, wird zu Frustrationen führen. Und zu einer verstärkten Hinwendung zum eigenen kulturellen Erbe.

Das Beispiel von Einwanderernationen wie Amerika zeigt, wie erfolgreiche Integration gelingen kann. Dann, wenn die aufnehmende Gesellschaft eine starke Identität mitbringt und die Anpassungsleistungen vor allem von den Zugewanderten fordert. Für uns bedeutet das, dass wir unsere Werte klar benennen und hierarchisieren müssen. Wir müssen deutlich machen, was uns wichtig ist, wovon wir unter keinen Umständen abzurücken bereit sind. Und wir müssen das kommunizieren können. Nicht in schöngeistigen Abhandlungen, sondern in griffigen Slogans, die alle verstehen.

Gegen patriarchales Gedankengut

Wir müssen zeigen, dass wir nicht bereit sind, radikales patriarchales Gedankengut zu dulden. Heutzutage kann niemand mehr ungestraft den Holocaust leugnen. Wer «Neger» sagt, wird geächtet. Wir müssen unmissverständlich zeigen, dass wir auch die Marginalisierung von Frauen nicht dulden. In keiner Hinsicht.

Wir müssen uns, als Gesellschaft, zur Gleichstellung als zentralem Wert westlicher Demokratien bekennen. Und damit ist nicht gemeint, dass man nicht mehr «Fräulein» sagen darf im Restaurant oder sich beim Pinkeln hinsetzt. Das sind nur Schattengefechte. Gemeint ist: Westliche Demokratien sind nicht patriarchal organisiert, Mann und Frau haben gleiche Rechte und analoge Pflichten. Wir müssen dies von den Neuankömmlingen als Preis dafür verlangen, Teil der freien Welt zu sein. Wir akzeptieren keine patriarchalen Parallelgesellschaften. Bei uns gilt das Wort einer Frau gleich viel wie das eines Mannes. Und Frauen nehmen am gesellschaftlichen Leben teil, genau so, wie es Männer tun.

Eine Gesellschaft, die ihre Frauen unterdrückt oder sie ausschliesst, kann langfristig nicht erfolgreich sein. Wer das nicht akzeptiert, hat hier nichts verloren.

Erstellt: 14.09.2015, 19:34 Uhr

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