WGs für Flüchtlinge gesucht

Gian Färber und Méline Ulrich schreiben eine Erfolgsgeschichte. Nun zieht ihre Berner Idee Kreise bis nach Zürich und Basel.

Vermitteln Flüchtlinge an WGs: Gian Färber und Méline Ulrich.

Vermitteln Flüchtlinge an WGs: Gian Färber und Méline Ulrich. Bild: Susanne Keller

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Es war im Juni, als sich Noah * erstmals in einer WG umsah. Als einer der Ersten hatte sich der junge Eritreer für das Projekt «Wegeleben» interessiert – er wollte in eine Wohngemeinschaft ziehen, mit Schweizern zusammenwohnen und sein Deutsch verbessern. Doch: Daraus wurde nichts. «Noah hat zwar keine WG gefunden, dafür arbeitet er jetzt mit uns», sagt Gian Färber.

Zusammen mit Méline Ulrich hat er «Wegeleben» gegründet. Ehrenamtlich bringen die beiden Wohngemeinschaften und geflohene Menschen zusammen – mit viel privatem Engagement haben der Berner und die Bernerin eine kleine Erfolgsgeschichte geschrieben.

Vor einem halben Jahr noch versuchten sie, erste Personen in WGs zu platzieren. Die Fortschritte waren gering, kaum jemand kannte ihr Projekt. Dann berichtete diese Zeitung über «Wegeleben, und die Sache nahm Fahrt auf. Heute gibt es verwandte Gruppen in vier Kantonen, zahlreiche WGs haben neue Mitbewohner gefunden – und Noah übersetzt für seine Landsleute die wichtigsten Informationen auf Deutsch.

Auch Ältere machen mit

Mittlerweile besteht das Berner «Wegeleben»-Team aus sieben Leuten. Fünfzehn Wohngemeinschaften sind seit September ­entstanden, bei sieben weiteren steht die Vertragsunterzeichnung kurz bevor. «In der Regel sind es klassische WGs, junge Leute, vorwiegend aus der Stadt Bern, die sich für das Projekt interessieren», sagt Mitinitiant Gian Färber.

«Es gibt aber auch schöne Ausnahmen.» So äusserte ein älteres Paar nach dem Auszug der Kinder den Wunsch, wieder eine WG zu gründen. Früher waren die beiden viel gereist, dann hatten sie viel Zeit den Kindern gewidmet, jetzt wollten sie einen neuen Lebensabschnitt beginnen. «Also versuchten wir, jemanden zu ­finden, der zu ihnen passt», sagt Gian Färber. Das Resultat: Seit Anfang Dezember hat das Paar einen neuen Mitbewohner.

Das Zusammenleben soll die sprachliche und soziale Integration der Geflüchteten fördern. Zugleich will «Wegeleben» die hiesige WG-Kultur bereichern. Dass diese Idee gut ankommt, zeigt die Nachfrage: Neben Bern sind auch in Ostermundigen, Biel, Thun oder Spiez Wohn­gemeinschaften entstanden. Zudem erhielten die Initianten so viele Reaktionen aus anderen Kantonen, dass sie sich zur Expansion entschlossen.

In Freiburg, Zürich, Basel und im Aargau gibt es bereits Ableger des Berner Projekts. Weil «Wegeleben» auf der Idee basiert, alle WGs und Interessierten möglichst persönlich zu treffen und zu vermitteln, hat sich das Projekt in kantonalen Gruppen organisiert. «Dort sind Privatleute ­aktiv, die unsere Grundsätze teilen», sagt Gian Färber und betont: «Die Gruppen funktionieren autonom und sind uns keine Rechenschaft schuldig.»

Es braucht mehr WGs

Dennoch ist klar: «Es braucht mehr WGs, in Bern, aber auch in den anderen Kantonen», sagt ­Gian Färber. Aktuell hätten sie Kontakt mit zwanzig bis dreissig sogenannten Newcomern – jungen Männer und Frauen, meist zwischen 20 und 30, die gerne in WGs leben möchten.

Zu Beginn waren es ausschliesslich anerkannte Flüchtlinge und vorläufig Aufgenommene, die durch das Hilfswerk Caritas vermittelt wurden. Mittlerweile aber hat sich das Projekt herumgesprochen, immer öfters kommen jetzt auch Anfragen von vorläufig aufgenommenen Ausländern oder von Leuten, die sich noch im Asylverfahren befinden. Anders als die Schweizerische Flüchtlingshilfe (siehe Kasten) kann «Wegeleben» auch diese Bewerber platzieren. «Es ist etwas komplizierter für uns, weil wir die Fälle mit den Behörden abklären müssen und zusätzliche Formulare brauchen», sagt Gian Färber. Die Zusammenarbeit mit den zuständigen Stellen funktioniere aber gut.

Vor kurzem wurden die «Wegeleben»-Gründer in eine Berner WG zum Abendessen eingeladen – der Abend verlief entspannt, das Projekt war kein Thema. «Genau so stelle ich mir das vor», sagt Gian Färber. «Man wohnt zusammen, man zahlt zusammen Miete. Es soll keine Trennung geben zwischen sogenannten Gästen und denen, die sie aufnehmen.» Konkrete Rückmeldungen aus den Berner WGs hätten sie bisher kaum erhalten. «Wir werten das als positives Zeichen», sagt Färber.

Aber für ihn ist klar: «Auch bei uns wird es Probleme geben, und Leute werden ausziehen – so läuft es in WGs nun mal.» Bei Fragen steht den Wohngemeinschaften das «Wegeleben»-Team zur Verfügung. «Aber wir wollen uns so wenig einmischen wie möglich», sagt Gian Färber. «Unser Ziel ist, dass die Newcomer als das gesehen werden, was sie sind: als ganz normale Mitbewohner.»

(Berner Zeitung)

Erstellt: 12.01.2016, 06:38 Uhr

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Viel Hilfsbereitschaft, aber wenig Effizienz
Der Schweizerischen Flüchtlingshilfe liegen allein im Kanton Bern 170 Angebote von Privaten vor, die Flüchtlinge aufnehmen möchten. Platziert wurden bislang nur wenige.

Noch immer hinken die Ergebnisse den Erwartungen hinterher: Im Herbst 2012 hatte die Schweizerische Flüchtlingshilfe (SFH) das Projekt Gastfamilien lanciert. Statt in eigenen Wohnungen oder Zentren sollten in die Schweiz geflüchtete Menschen bei Privaten unterkommen. Mehrere Hundert Unterbringungen wolle man so schweizweit realisieren – doch besonders im Kanton Bern hapert es bei der Umsetzung. «Die Situation hat sich leicht verbessert, aber es gibt noch immer einen Engpass», schreibt SFH-Mediensprecher Stefan Frey auf Anfrage.

170 Angebote von potenziellen Gastfamilien im Kanton Bern lägen der Flüchtlingshilfe vor. Doch nur fünf Unterbringungen konnten bislang realisiert werden. Wie ist das möglich in Zeiten, in denen Wohnraum im Asylbereich knapp ist?

Kritik an Kanton
Laut Stefan Frey lasse sich die schleppende Entwicklung teilweise mit den beschränkten Ressourcen der SFH erklären: «Wir müssen aufwendig abklären, welche Gastfamilien sich eignen», schreibt er. «Da sind wir mit unseren Stellenprozenten ziemlich eng drin.» Den eigentlichen Engpass aber sieht Frey bei der Rekrutierung geeigneter Flüchtlingspersonen. Will heissen: Die zuständigen Sozialarbeiter (anerkannte Flüchtlinge) respektive die Asylsozialhilfestellen (Asylsuchende, vorläufige Aufnahme) liefern der SFH zu wenig Interessenten.

Zudem kritisiert Frey die Berner Asylpolitik, welche Asylsuchenden die Teilnahme am SFH-Projekt praktisch untersage und so die Anzahl geeigneter Kandidaten stark einschränke. Tatsächlich hält die Berner Asylsozialhilfeweisung explizit fest, dass keine Asylsuchenden «bei den von der SFH vermittelten Privatpersonen» wohnen dürfen.

«In der Westschweiz hinge­gen ist das möglich, weil die Behörden an einer Lösung interessiert sind und mit Überzeugung dahinterstehen», sagt Stefan Frey. Er verweist auf die Kantone Genf und Waadt, wo die SFH enger mit der Politik zusammenarbeitet und auch Asylsuchende mit langfristiger Perspektive vermitteln darf – im Moment vor allem Syrer, Eritreer, Somalier und Afghanen. Stefan Frey ist überzeugt: «Ein klares Bekenntnis der Regierung könnte die Situation auch in Bern verbessern.»

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