Liess Bruder Klaus nicht einfach seine Frau sitzen?

Regierung und Parlament vieler Kantone machen einen Staatsakt um den Aussteiger Bruder Klaus. Doch was feiern wir da eigentlich?

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Vor 600 Jahren also ist er verschwunden, nicht weit zwar, aber doch definitiv. Er baute sich ein einsames Häuschen, konnte für sich sein, Ruhe haben, denken, beten – das hoffe ich doch – und sich finden. Und den lieben Gott auch. Seine Frau Dorothee lebte weiterhin mit den gemeinsamen 10 (!) Kindern auf dem Bauernbetrieb. Auch wenn die älteren Kinder mithelfen konnten, so war das nicht easy, oder? Heute würde die Kesb eingeschaltet. Man würde nach den Unterhaltszahlungen fragen, das Besuchsrecht regeln. Der Mann käme nicht ungeschoren davon.

Jetzt aber feiern Herr Blocher und Bischof Huonder den Aussteiger, machen Regierung und Parlament vieler Kantone einen Staatsakt und erst recht die Kirche, auf allen Ebenen wird publiziert und Mysterienspiel und . . . Okay, das darf man(n).

Aber, was feiern wir denn da genau? Ich weiss es nicht so recht. Diese glänzenden Augen so vieler Männer, wenn sie von Bruder Klaus reden, machen mich skeptisch. Er war erfolgreich und dann zweifelte er und zog sich zurück. Er hat nachgedacht, so glaube ich, und ein paar wichtige Dinge gemerkt. Wäre das nicht wünschenswert, wenn das die erfolgreichen Männer heute täten? Heute vermisst man die kontemplative Seite im Alltagsstress und bewundert also den, der es vor 600 Jahren geschafft hat.

Hand aufs Herz: Frau Dorothee hat 10 Kinder geboren. Das sind schon mal 10 volle Lebensjahre, wo ihr Körper, ihr Herz, ihre Seele ausgeliehen waren an das Leben; und 10 Geburten, also 10 Mal die Grenzerfahrung zwischen Leben und Tod, der Machbarkeit und dem Wunder der Ewigkeit. Herrgott noch mal – diese Frau hatte eine Spiritualität im Alltag, die niemand, auch ihr Klaus nicht, einholen konnte. Über diese Alltagsspiritualität könnten wir, verehrter Bruder Klaus, wohl lange streiten. Aber, – Sie gestatten – ich besuche lieber Ihre Frau.

Keine Inszenierung, kein Grössenwahn

Ja, Frau Dorothee; Sie sind für mich die Spirituelle. Sie kannten das Lebensgesetz: tun, was zu tun ist, keine Inszenierungen, kein Grössenwahn, kein «ganz besonders», aber täglich, alltäglich. Das Ansinnen Ihres Gatten: Er gehe weg, endgültig und definitiv, er müsse sein Leben leben, seinem Ruf folgen, wie um Himmels willen tönte das denn in Ihren Ohren? Haben Sie ihn angeschrien, ihm eine Szene gemacht oder seine Entscheidung klaglos hingenommen?

Wissen Sie, solche Reden führen Männer auch heute. Sie meinen dann oft «Ich will meine Ruhe haben», «Das ewige Kindergeschrei nervt mich» oder halb seriös «Mein Beruf verlangt volle Konzentration von mir, da haben Windeln und Butterbrote keinen Platz» oder halt feige «Ich suche etwas Neues, Aufregendes, Kribbelndes». War Ihnen das nie eine Frage? Ich bin dafür, Sie zu feiern und Sie zur Patronin aller verlassenen Frauen und Mütter zu erküren.

Aber jetzt feiern wir ihn! Viele instrumentalisieren ihn; sein «Macht den Zaun nicht zu weit» dient für die einen zur Negierung der Realität, für die andern zur Abschottung gegen Menschen in Not. Und nur selten kommt jemand auf die Idee, dieser Satz könnte heute wie damals den Grössenwahnsinn meinen. Wir Reichen fressen die Welt auf, machen Natur und Menschen kaputt. Kaum jemand sagt: Stop, haltet ein, solange es noch geht, teilt, verteilt, einer für alle, alle für einen, seid eine Eid-Genossenschaft und haltet, was ihr in der Verfassung einander versprochen habt!

Liebe Dorothee, wollen wir Frauen im Jubeljahr Ihres Gatten eine Tagsatzung einberufen? Welche Themen setzen wir auf die Traktandenliste, wie wir ja heute sagen? Doch – es ist nicht Ihre Zeit, es ist nicht meine Zeit, es ist leider die Zeit der Marktschreier und der Feilscher, der Lauten und der Hämischen. So schlage ich vor, dass ich Sie einfach zu einem Tee besuche im Flüeli. Wir können auch zusammen schweigen. Das stärkt.

Erstellt: 28.07.2017, 20:59 Uhr

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Monika Stocker

Die Politikerin der Grünen war bis 2008 Zürcher Sozialvorsteherin. Lesung und Diskussion zu Bruder Klaus mit Monika Stocker: 12.15 Uhr, 2. August 2017, Wasserkirche, Zürich

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