«Eines Tages kamen Typen vom russischen Geheimdienst»

Der Genfer Anwalt Matthew P. dachte, sein Klient unterstütze Terroristen, und schaltete die Geheimdienste ein. Dann lief die Sache aus dem Ruder.

Sturm über Genf: Anwalt Matthew P. kam als Vertreter eines russischen Ölhändlers unter Druck. Foto: Martial Trezzini (Keystone)

Sturm über Genf: Anwalt Matthew P. kam als Vertreter eines russischen Ölhändlers unter Druck. Foto: Martial Trezzini (Keystone)

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Die Geschichte von Matthew P. liest sich wie das Drehbuch eines Thrillers. Doch die Geschichte hat sich real zugetragen, in der Schweiz. Rollen spielten: Ein russischer Ölhändler, britische und russische Geheimdienste und ein einstmals angesehener Wahlgenfer Akademiker, Anwalt und Vater zweier Kleinkinder: Matthew P. Dieser manövrierte sich in diesem bizarren Fall in schwere Nöte. Seine Klienten verklagten ihn. Dadurch geriet er ins Visier der Genfer Justiz, landete in Untersuchungshaft, setzte sich nach Deutschland ab und wartet nun in einem Gefängnis auf seine Ausschaffung in die Schweiz.

Der Genfer Staatsanwalt Stéphane Grodecki wirft ihm ein Bündel von Delikten vor: Verleumdung, versuchte Erpressung, versuchte Nötigung, Ungehorsam gegen amtliche Verfügungen und die Verletzung des Anwaltsgeheimnisses. Am 29. Mai 2018 um 14.17 Uhr liess Grodecki P. verhaften. Polizisten brachten den knapp 40-Jährigen dorthin, wo Anwälte normalerweise ihre Klienten besuchen: ins Untersuchungsgefängnis Champ-Dollon.

Dann tauchte der Anwalt unter

«Der Moment war ein Schock. Ein Stromstoss. Ich kann nicht sagen, dass das Gefängnis eine Wohltat war. Aber es half mir, in die Realität zurückzufinden», sagte P. bei einer Einvernahme zwei Wochen nach seiner Verhaftung. Staatsanwalt Grodecki lockerte die Haftbedingungen. P. durfte nach Hause, aber musste sich regelmässig auf einem Polizeiposten präsentieren und sollte mit einer Psychiaterin seine Situation aufarbeiten.

Das ging einige Monate lang gut. Doch dann tauchte P. bei der Polizei nicht mehr auf. Die Staatsanwaltschaft schrieb ihn weltweit zur Fahndung aus. In Deutschland wurde er vor wenigen Wochen verhaftet. «Matthew P. sitzt in Ausschaffungshaft. Das Auslieferungsverfahren ist in Gang», bestätigt der Sprecher der Genfer Justiz, Marc Guéniat.

«Und was hat Murat S. getan? Er hat sie in mein Büro geschickt.»Matthew P.

Matthew P., gebürtiger Brite,betrieb in Genf eine eigene Anwaltskanzlei. Sein Spezialgebiet: internationales Recht. In den Genfer Medien trat er als politischer Analyst auf.

Zu seinen Klienten zählte ein kuwaitischer Scheich. Sein wichtigster Auftraggeber aber war Murat S., ein russischer Ölhändler, der von Genf aus seine Geschäfte führt. Dieser Mann wurde für P. zu einem Problem. Der Anwalt will gemäss eigenen Aussagen realisiert haben, dass sein Klient diverse Gesellschaften besass, die nicht auf seinen Namen lauteten und mit denen er Urkundenfälschung betrieb. Murat S. habe seine Kunden nicht bezahlt, während er als Anwalt die Aufgabe hatte, die Kunden abzuwimmeln. Ihn hätten manchmal Panikattacken ereilt, sagte der Anwalt gemäss den Untersuchungsakten.

Matthew P. schilderte ein Erlebnis. «Eines Tages sind Typen des russischen Militärgeheimdiensts (GRU) nach Genf gekommen, um Murat S. umzubringen – und was hat S. getan? Er hat sie in mein Büro geschickt. Als sie da waren, haben sie GRU auf einen Zettel geschrieben.» Was wollten die Männer? Blufften sie, oder arbeiteten sie tatsächlich für den Geheimdienst? Die Untersuchungsakten lassen nur einen Schluss zu: Die Episode hatte für Matthew P. keine gravierenden Folgen. Doch er litt daran, dass er für seinen Klienten Tag und Nacht arbeiten musste. Einmal «in der Sache gefangen», habe er sich nicht mehr befreien können.

Am 9. August 2017 beschloss P., dem Russen für seinen Arbeitsaufwand einen Zahlungsbefehl über 700'000 Franken zu schicken. Frühere hohe Rechnungen seien ihm anstandslos bezahlt worden, erinnerte sich P. Doch diese Rechnung war zu hoch. Das war ihm bewusst. Kleinere Klienten hätten ihn nicht mehr bezahlt, und er habe das Geld gebraucht, um sich in seiner Berufskarriere neu zu orientieren, sagte er.

Bald wird Matthew P. erneut hier sitzen: Das Genfer Untersuchungsgefängnis Champ-Dollon. Foto: Salvatore Di Nolfi (Keystone)

Um den Druck auf Murat S. zusätzlich zu erhöhen, gab er ab 2017 Informationen über dessen Geschäfte dem britischen Geheimdienst MI5, dem amerikanischen Secret Service und der Europäischen Union weiter. Inzwischen war der Anwalt zur Überzeugung gelangt, sein Klient unterstütze Terroristen, weil er Ölgeschäfte in Afghanistan tätigte.

Parallel ging seine Ehe in die Brüche. Er trank zu viel Alkohol. Halt gaben ihm seine Kinder und eine neue Partnerin. Im Rückblick sagt er: «Ich habe die Situation schlecht bewältigt.» Gleichwohl rechtfertigte er seinen Entscheid, das Berufsgeheimnis verletzt und die Geheimdienste eingeschaltet zu haben. Für einzelne Dossiers habe die englische Gesetzgebung gegolten, gemäss der das Anwaltsgeheimnis Kriminellen keinen Schutz biete.

Murat S. sah das anders. Der Ölhändler reichte eine Strafanzeige gegen seinen Anwalt ein. Damit konnte er nicht verhindern, dass er im Visier der Geheimdienste blieb. Darüber, dass gegen Murat S. selbst ein Strafverfahren läuft, ist nichts bekannt.

Herausragender Akademiker

Bei den von der Genfer Staatsanwaltschaft erhobenen Vorwürfen rückt in den Hintergrund, dass Matthew P. einen herausragenden akademischen Lebenslauf hat: Sein Philosophiestudium in Cambridge, sein Jus-Studium in London und sein Doktorat an der Universität in Chicago beendete er mit Auszeichnungen. Er war für die UNO und die Weltbank tätig und zog als Vortragsreisender durch die Welt.

Doch der Anwaltsberuf gefiel ihm immer weniger und irgendwann gar nicht mehr. Dem Staatsanwalt eröffnete er: «Ich hasse es, mit dem Gesetz zu arbeiten. Als Anwalt merkte ich, dass ich nicht für dieses Milieu bestimmt bin. Meine wahre Leidenschaft, das ist der Weltfriede. Ich möchte gerne als Assistent von UNO-Generalsekretär António Guterres arbeiten.» Doch dann setzte er sich ins Ausland ab. Nun muss er wohl damit rechnen, in die Schweiz ausgeliefert zu werden, erneut in Untersuchungshaft zu landen und schliesslich vor Gericht gestellt zu werden.

Erstellt: 04.10.2019, 12:20 Uhr

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