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Wie ein Paar 24 Stunden auf seinen Corona-Befund wartete

Die beiden aus der Ostschweiz wollten sich nach einem Italien-Aufenthalt testen lassen. Was ihnen widerfahren ist, finden sie «amateurhaft».

Jacqueline Büchi
Odyssee in der Schweiz nach einer Italienreise: Ein Ostschweizer Paar erlebte bange Stunden. Bild: Getty Images
Odyssee in der Schweiz nach einer Italienreise: Ein Ostschweizer Paar erlebte bange Stunden. Bild: Getty Images

«Wir sind gut vorbereitet», sagte Gesundheitsminister Alain Berset, als er diese Woche eine Erhöhung der Kapazitäten für Corona-Tests ankündigte. Zehn Labors in der Schweiz seien in der Lage, insgesamt tausend Tests pro Tag durchzuführen. Auch die Spitäler seien gewappnet: sie könnten nun auch Personen mit schweren respiratorischen Problemen testen.

Ganz anders klingt die Geschichte, die Leser Manuel F.* erzählt. Er und seine Frau Linda* sprechen von einer wahren Odyssee. Eine Geschichte in fünf Akten.

Prolog

Das Wetter war frühlingshaft mild, als Manuel und Linda F. am vergangenen Wochenende durch die Strassen von Verona flanierten. Sie waren am Freitagabend angekommen, machten am Samstag einen Bummel durch die Altstadt, immerhin Unesco-Welterbe. Das Wochenende gipfelte in einem Abendessen bei Bekannten in Legnago. So richtig geniessen konnten das Ehepaar F. das Dinner aber nicht. Bei beiden trat plötzlich ein trockener Reizhusten auf. Angesichts der Schlagzeilen, wonach in der Lombardei wegen des Corona-Virus ganze Dörfer abgeriegelt wurden, beschlossen sie, in die Schweiz zurückzukehren.

1. Akt: Die BAG-Hotline

Auf dem Heimweg beschlich Herr und Frau F. zunehmend ein schlechtes Gefühl, überschlugen sich doch die Nachrichten aus Norditalien, wonach sich das Corona-Virus dort immer rasanter ausbreitete. Auf einem Parkplatz in Chiasso machte das Paar einen Zwischenhalt und wählte die Nummer der BAG-Hotline, um sich zu erkundigen, ob in seinem Fall ein Corona-Test angezeigt wäre. Die Mitarbeiterin beschied Manuel F., er solle einen Hausarzt oder ein Spital anrufen. Dort werde ein Arzt entscheiden, ob ein Test nötig sei.

Manuel F. rief also das Kantonsspital St. Gallen an und schilderte seinen Fall. Eine Mitarbeiterin versprach, sich mit dem zuständigen Infektiologen abzusprechen. Als sie zurückrief, gab sie Entwarnung: Der Zeitabstand zwischen dem Eintreffen in der Lombardei und dem Auftreten des Hustens sei zu kurz. Deshalb sei nicht von einer Infektion auszugehen und ein Test unnötig.

Manuel und Linda F., erleichtert, beschlossen, das schöne Wetter im Tessin zu geniessen und besuchten das Karneval-Fest in Ascona. Anschliessend überquerten sie noch einmal die italienische Grenze und bummelten durch die Städtchen von Cannobbio und Intra, bevor sie nach Hause in die Ostschweiz zurückkehrten.

2. Akt: Noch ein Anlauf

Der Husten wollten auch Tage später einfach nicht abklingen – er wurde im Gegenteil stärker. Linda F. verspürte zudem Atemnot, wenn sie sich körperlich anstrengte. Inzwischen war Donnerstag und das Corona-Virus hatte auch die Schweiz erreicht. Über einen Infizierten im Tessin berichteten die Medien, dass er bereits zwei Tage nach der Ansteckung in Mailand Krankheitssymptome gezeigt habe.

Manuel F. rief deshalb seinen Hausarzt in Wattwil an, dieser verwies ihn an die Notfallversorgungs-Hotline SOS Ärzte. Die Ärztin am anderen Ende der Leitung sah – im Gegensatz zur ersten – durchaus Anlass zur Sorge: Es bestehe das Risiko einer Infektion. Sie empfahl, das Kantonsspital St. Gallen zu kontaktieren.

Gesagt, getan. Allerdings brauchte F. nach eigenen Angaben mehrere Anläufe, bis er mit der zuständigen Stelle verbunden wurde. Einmal sei er auf einer Combox gelandet, dann wieder bei einer Mitarbeiterin, die die Infektiologie ebenfalls nicht erreichen konnte. «Mich beschlich das Gefühl, dass niemand Bescheid wusste, was zu tun war», schildert F. die Situation. Beim Kantonsspital St. Gallen kann man zum konkreten Fall keine Angaben machen. «Wenn sich der Fall so zugetragen hat, war das sicher nicht gut», so ein Sprecher.

Als es dann schliesslich klappte, wurde F. empfohlen, einen Test im nahen Spital Wil zu machen. Eine Mitarbeiterin wies das Ehepaar F. an, gegen 14 Uhr einzutreffen und beim Betreten des Krankenhauses eine Maske zu tragen.

3. Akt: Die WC-Aufregung

Linda und Manuel F. zogen sich Chirurgenmasken über, die sie noch in Italien gekauft hatten, und meldeten sich im Spital Wil am Empfang. Eine Mitarbeiterin händigte dem Paar eine andere Atemschutzmaske aus, mit der Bitte, diese überzuziehen. Die beiden befolgten die Anweisung. «Allerdings war es mir nicht wohl dabei, weil andere Patienten ganz in der Nähe waren.» Das Paar wurde in ein kleines Wartezimmer geführt, in dem es allein war. Die Ärztin komme bald.

Nach einer halben Stunde Wartezeit erkundigte sich Frau F. am angrenzenden Notfall-Empfang, ob sie die Toilette benützen dürfe. Die Empfangsdame bejahte. Als andere Mitarbeiterinnen bemerkten, dass eine Frau mit Atemmaske das WC ansteuerte, brach allerdings Aufregung aus. Nachdem Linda F. die Toilette wieder verliess, klebte jemand ein Papier mit der Aufschrift «gesperrt» an die Toilettentür.

Barbara Anderegg, Leiterin Kommunikation des Spitals Wil, sagt dazu: «Wenn eine Person, bei der Verdacht auf Corona-Virus besteht, die Toilette benutzt hat, so ist es richtig, dass sie nachher gesperrt wird bis sie entsprechend gereinigt wurde.» Ein Maskenwechsel sei auch in Anwesenheit anderer Personen unproblematisch.

4. Akt: Die fehlende Schutzbrille

Wie F. schildert, kam es kurze Zeit später zur Untersuchung: Eine Ärztin mit Schutzmantel und Maske, aber ohne Schutzbrille, habe beiden die Temperatur gemessen und sich Notizen zu den Symptomen gemacht. Eine andere Medizinerin, die ebenfalls lediglich eine normale Korrekturbrille getragen habe, nahm laut F. anschliessend den Abstrich vor, der für die Corona-Diagnose notwendig ist.

«Sie machte bei meiner Frau und mir einen Rachenabstrich mit einem sehr langen Wattestäbchen. Als sie bei mir den Abstrich nahm, musste ich leider mit offenem Mund in die Richtung ihres Gesichts husten, da die Prozedur sehr unangenehm war», so Manuel F. Er befürchte, dass die Mitarbeiterin aufgrund der fehlenden Schutzbrille zu wenig vor einer allfälligen Ansteckung geschützt war.

Spital-Sprecherin Anderegg sagt dazu: «Unsere Weisungen im Umgang mit den Corona-Verdachtsfällen sind deckungsgleich mit den Richtlinien des BAG, die das Tragen einer Schutzbrille vorschreiben. Weil die Ärztin auf den Schutz ihrer eigenen Brille vertraute, hat sie entgegen der generellen Weisung auf die Schutzbrille verzichtet.»

Nach dem Abstrich wurde das Ehepaar F. darüber informiert, die Proben würden am Abend abgeholt, das Spital werde sich am Freitagmorgen melden.

5. Akt: Das lange Warten

Nun hiess es: Warten. Bis die Testresultate vorliegen, sollten Herr und Frau F. ihre Wohnung nicht verlassen und Kontakt zu anderen Menschen vermeiden. Am Freitagmorgen rief Manuel F. gegen halb zehn Uhr das Spital an, um sich nach den Testresultaten zu erkundigen. Man müsse intern nachfragen, so die Antwort. Als das Spital eine halbe Stunde später zurückrief, hiess es, das Labor sei leider überlastet, und das Resultat noch nicht bekannt. Man melde sich am Nachmittag.

«Für mich unverständlich, dass in Zürich nach vier Stunden das Resultat eines Tests feststeht, dies in St. Gallen hingegen so lange dauert», so F. «Wir fühlten uns schlecht informiert und verstanden nicht, dass das Spital uns nicht aktiv über die Entwicklung informiert – immerhin waren wir zu Hause eingesperrt und von der Aussenwelt abgeschnitten und machten uns Sorgen.»

Beim Spital Wil heisst es dazu: «Das Spital erhält die Ergebnisse der Laboranalyse mitgeteilt, sobald diese vorliegen.» Nach Vorliegen der Probe im Labor nehme das Analyseverfahren in der Regel 8 Stunden in Anspruch. «Alle Patienten werden sofort nach Vorliegen des Befunds telefonisch informiert.»

Im Fall des Ehepaars F. verstrichen weitere bange Stunden, am Nachmittag rief Manuel F. nochmals erfolglos beim Spital an. Nach 15 Uhr dann die Entwarnung: Die Testresultate seien negativ.

Für F. bleibt dennoch ein bitterer Nachgeschmack. «Viele Abläufe haben auf mich sehr amateurhaft gewirkt. Ich möchte nicht wissen, was passiert, falls in Zukunft einmal ein noch aggressiveres Virus die Schweiz erreichen sollte.»

Sprecherin Anderegg sagt dazu, die Mitarbeitenden handelten im Umgang mit Corona-Verdachtsfällen strikt nach den Richtlinien des BAG und der Infektiologie des Kantonsspitals. Dass ein Eindruck von Aufregung entstanden sei, erscheine aber nicht abwegig. «Die Notfallstation am Spital Wil wies gestern grundsätzlich ein hohes Patientenaufkommen auf, hinzu kamen erste Verdachtsfälle des Corona-Virus.»

Die Abläufe mit diesen Verdachtsfällen seien bekannt gewesen, aber noch nicht eingespielt. Einige rein praktische Prozesse im Umgang mit Verdachtsfällen seien am Donnerstag nochmals angepasst worden, so würden nun beispielsweise alle Patientinnen und Patienten, die mit entsprechenden Symptomen die Notfallstation aufsuchen, bereits vor der Notfallstation in Empfang genommen.

*Namen von der Redaktion geändert

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