Die Angst vor 5G beschäftigt nicht nur Esoteriker

Wie gefährlich ist die neue Mobilfunktechnik tatsächlich? Das Unbehagen hat die Politik erreicht.

In der Schweiz wächst der Widerstand gegen die 5G-Technologie.

In der Schweiz wächst der Widerstand gegen die 5G-Technologie. Bild: Reuters

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Widerstand gegen den neuen Mobilfunkstandard 5G schien bis vor kurzem vor allem eine Sache der Technikhasser und Esoteriker. Ihre Plakate («Stoppt die 5G-Diktatur») und angebliche ­Enthüllungsgeschichten im Internet («Wegen 5G-Test in Den Haag: Hunderte Zugvögel fallen tot vom Himmel!») sprechen die Sprache der Verschwörungstheoretiker. Natürlich, da sind auch die Quartiervereine und Anwohnerinnen und Anwohner, die sich gegen neue Handyantennen auf ihren Hausdächern wehren. Doch die gab es immer schon, auch bei früheren Mobilfunkneuerungen – bei 3G wie 4G.

Dieses Mal ist es anders. Diese Woche hat das Unbehagen mit der 5G-Technologie eine neue, politische Intensität erreicht. In Genf hat der CVP-Kantonsrat und Hausarzt Bertrand Buchs das Parlament in einer für dringlich erklärten Motion für ein 5G-Moratorium begeistert. Man wisse nicht, was die elektromagnetischen Strahlen der 5G-Antennen bewirkten, warb Buchs für seine Motion, gerade die Gehirne von Kindern reagierten sensibel.

Video: Chancen und Risiken von 5G

In Genf wurden erste Antennen gebaut. Es handelt sich aber erst um Testmodule. Video: SDA

Zwei Drittel der Parlamentarierinnen und Parlamentarier sehen das wie er. Sie stimmten der Motion zu, halten die Regierung also zu einem kantonalen Moratorium an. Konkret soll ein im Sommer erscheinender Bericht zu den Auswirkungen von 5G des Bundes­amtes für Umwelt (Bafu) abgewartet werden. Der zuständige Staatsrat Antonio ­Hodgers (Grüne) will das Moratorium vorerst noch nicht verhängen. Er sagt, auf seinem Pult lägen keine Gesuche für Antennenaufbauten. Und lägen solche eines Tages vor, seien die Verfahren sehr lang.

Auch in der Waadt wird ein 5G-Moratorium geprüft. Die entsprechende ­Resolution hat der Anwalt Raphaël ­Mahaim eingereicht. Er sagt, er kenne Dutzende Fälle von Bürgern, die in ­Gemeinden gegen Baubewilligungen für 5G-Antennen opponieren. Die Leute seien besorgt, sagt er. Sie befürchteten negative Auswirkungen auf ihre Gesundheit. Verlässliche wissenschaftliche Studien lägen aber keine vor. «Derweil liefern sich die Firmen Kleinkriege, wer wo wie viele Antennen ­errichten darf.» Der 35-Jährige sitzt für die Grünen im Kantonsrat. Seine ­Resolution fordert ein «Moratorium für die Installation von 5G-Antennen», das Parlament stimmte am Dienstag mit grosser Mehrheit zu. Nun ist der Staatsrat am Zug.

Bis Ende 2019 ist 5G überall

Solche politische Bremsmanöver ärgern die Telecombranche. Sie will nicht warten, sondern vorwärtsmachen. Bis Ende 2019 sollen 90 Prozent der Bevölkerung Zugriff auf das neue, schnelle 5G-Mobilfunknetz haben, erklärte die Swisscom an einem Medientermin diese Woche. Erste 5G-Smartphones sollen ab Mai im Verkauf sein. Das neue Netz soll privaten Nutzern sekundenschnelle Downloads ermöglichen, vor allem aber auch Maschinen und Geräte via Internet vernetzen. Schlaue Haushaltsgeräte, untereinander kommunizierende Autos, Telemedizin: Hier beginnt das viel beschworene Internet der Dinge.

Gesundheitliche Folgen? Keine. «In den letzten 40 Jahren wurden über 30'000 Studien zum Thema durchgeführt. Dabei konnte man keine Korrelation zur gesundheitlichen Schädigung feststellen», sagte Swisscom-Chef Urs Schaeppi diese Woche.

Wer will eine neue Antenne auf dem Dach (wie hier in Genf)? Foto: Leandre Duggan (Keystone)

Das sehen die Leute in Saanen BE anders. Gegen die 5G-Aufrüstung einer Swisscom-Antenne in der Allmistrasse haben sie Einsprache eingereicht. In Schwarzenburg BE sorgt sich der ­Leiter des örtlichen Alters- und Pflegeheims «Ar Sunnsyte» wegen einer ­geplanten Salt-Antenne um die Gesundheit der Heimbewohner und Mitarbeitenden. Auch in Unterseen BE, Ostermundigen BE, Niederrohrdorf AG und Valbella GR wird protestiert und verhindert. «Für Provider wird es schwerer – eigentlich wird im Moment jedes neue Antennenvorhaben mit Einsprachen belegt», sagt René Müller vom Amt für Natur und Umwelt Graubünden. In Alpnach NW kämpft die IG Strahlungsfreier Kirchturm gegen eine 5G-Anlage der Swisscom – in der Stadt Zürich gelangten ­Anwohner des Enge-Quartiers an den Gemeinderat. Noch fehlen in der Deutschschweiz kantonale Politvorstösse wie in der Romandie. Doch was die Bevölkerung so umtreibt, kann Volksvertretern nicht egal sein.

Gelockerte Grenzwerte

Das zeigt auch die Debatte um die Strahlungsgrenzwerte auf nationaler Ebene. Weil die bestehenden, im europäischen Vergleich eher tiefen Schweizer Grenzwerte für nicht ionisierende Strahlung (NIS) laut der Telecombranche den Auf- und Ausbau des 5G-Netzes behindern, fordert sie eine Lockerung der Bestimmungen. Bisher erfolglos: Vor einem Jahr scheiterte eine Motion zur Anhebung der Strahlungsgrenzwerte knapp im Ständerat. Dass die Branche im Vorfeld gewarnt hatte, ohne höhere Grenzwerte brauche es vielleicht 15'000 neue Handyantennen, um das 5G-Netz betreiben zu können, beeindruckte die Mehrheit der kleinen Kammer nicht. «Solange die Auswirkungen auf die ­Gesundheit von Mensch und Tier noch nicht geklärt sind, wäre es fahrlässig, die Grenzwerte zu erhöhen», sagte die Thurgauer CVP-Ständerätin Brigitte Häberli-Koller.

Land ohne Elektrosmog?

Die Bevölkerung sorgt sich beim Thema 5G vor allem um die gesundheitlichen Folgen der Strahlung. Auch der Präsident des Bauernverbands ist skeptisch: Jeder Landwirt müsse selber entscheiden, ob er so eine Antenne wolle, sagt Markus Ritter der Zeitung «Schweizer Bauer». Er selbst möchte keine 5G-Antenne bei Wohnhaus und Stall.

Es gibt auch andere Bedenken. Der selten unter Esoterikverdacht stehende Hauseigentümerverband (HEV) ist gegen eine Lockerung der Strahlungsgrenzwerte von Mobilfunkanlagen, weil er eine Wertminderung von Liegenschaften fürchtet. In einem Positionspapier schreibt der HEV von «psychologischen Auswirkungen». Sieht man die 5G-Antenne vom Küchenfenster aus, mindert das den Wert der Küche.

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Letztlich geht es um gesellschaftliche Fragen: Ist es nötig, dass der Kühlschrank selbstständig neue Milch beim Onlineshop des Grossverteilers bestellen kann? Müssen wir in Tram und Stau ultraschnell Videos streamen können? Sollten wir uns nicht vermehrt auf die reale Welt um uns herum konzentrieren, statt noch mehr Lebensbereiche mit dem Handy zu regeln? Für Befürworter der Technologie sind solche Einwände hoffnungslos zukunftsfeindliche, romantische Gedanken. Sie verbreiten Zuversicht. Die Elektrifizierung und der Strassenverkehr hätten sich auch gegen Skepsis und Verbote durchsetzen müssen. Hat sich gelohnt. Oder?

Erstellt: 11.04.2019, 21:12 Uhr

Die Wissenschaft findet keine erhöhten Risiken

Eigentlich sollte der Mobilfunkstandard 5G weniger Strahlung als die Vorgängernetze produzieren: Die Daten sind kompakter verpackt, und die Antennen strahlen fokussierter, was Nichtnutzer deutlich weniger belastet. In Gebäuden ist die Belastung ebenfalls tiefer, weil die kürzeren 5G-Wellen von den Mauern aufgehalten werden. Die Vorteile gelten jedoch nur bei gleichbleibender Datenmenge. Mit 5G dürfte diese sicher stärker zunehmen als ohne.

Unter dem Strich wird dann also doch eine höhere Strahlenbelastung durch Antennen resultieren. Doch schadet der neue Standard unserer Gesundheit? «Es gibt keine Indizien dafür, dass 5G stärkere oder andere Auswirkungen hat als bisherige Netze», sagt Martin Röösli, Experte für Mobilfunk am Tropen- und Public-Health-Institut in Basel. Für die bisherige Mobilfunknutzung finden sich nur wenig Hinweise auf mögliche Risiken. Auch ein Krebsverdacht konnte nicht erhärtet werden.

5G funktioniert im Mikrowellenbereich, in welchem auch Küchengeräte das Essen erhitzen. Bei künftigen Netzen werden noch kürzere Wellenlängen zum Einsatz kommen. Ohnehin sind aber beim Mobilfunk die Energien viel tiefer: «Der Wärmeeffekt von 5G ist sehr klein und für uns nicht wahrnehmbar», so Röösli, der auch die Expertengruppe «Nicht ionisierende Strahlung» des Bundes leitet. Er hält ein 5G-Moratorium nicht für angebracht, solange die Grenzwerte eingehalten werden. Der Grund: 5G, das derzeit ausgebaut wird, verwendet noch ähnliche Frequenzen wie die bisherigen Netze.

Felix Straumann

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