Wie gut muss ein Bundesrat Englisch sprechen?

SVP-Bundesratskandidat Guy Parmelin spricht nur wenig Englisch. Was das für die Verhandlungen mit den Mächtigen dieser Welt bedeutet.

Sein Englisch ist französisch: SVP-Bundesratskandidat Guy Parmelin offenbarte am Dienstag Mängel an seinen Sprachkenntnissen.

Sein Englisch ist französisch: SVP-Bundesratskandidat Guy Parmelin offenbarte am Dienstag Mängel an seinen Sprachkenntnissen. Bild: Peter Klaunzer/Keystone

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«I can English understand, but je préfère répondre en français.» Seit dem gestrigen Interview der SRF-Radiosendung «Echo der Zeit» ist klar: Die wichtigste Sprache der Gegenwart liegt dem SVP-Bundesratskandidaten Guy Parmelin nicht.

Ein Magistrat, der beim ersten Satz auf Englisch strauchelt? Geht das? Es geht. Bundesräte können sich jederzeit von Dolmetschern begleiten lassen. Je exotischer die Sprache ihrer Gesprächspartner, desto eher wird jeder Bundesrat in die Situation geraten, auf diese Unterstützung zurückgreifen zu müssen. Und das ist keineswegs ungewöhnlich: Auch Putin und Obama verhandeln nur mittels Übersetzer.

Auf internationalem Parkett unterwegs

Trotzdem: Der frühere «Tagesschau»-Chef und LdU-Nationalrat Anton Schaller verlangte kürzlich in einem Politblog vom künftigen Bundesrat: «Die Person sollte mehrsprachig, weltoffen und kulturell aufgeschlossen sein; sie muss sich schlicht auf dem internationalen Parkett bewegen können.» Zur Erinnerung: Didier Burkhalters Sprachkenntnisse waren während seines OSZE-Vorsitzes im Fokus, Johann Schneider-Ammann (FDP) verhandelte mit Spitzenpolitikern aus aller Welt an den Treffen der Welthandelsorganisation WTO, Doris Leuthard (CVP) führt die Schweizer Delegation an der Klimakonferenz in Paris an. Dies sind nur einige Beispiele, in denen ein fliessend englisch sprechender Bundesrat näher an seine Gesprächspartner herankommt, als wenn stets ein Übersetzer dazwischensitzt.

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Schaller blickte dabei insbesondere auf die Anforderungen eines Finanzministers. Dieser müsse in der internationalen Wirtschafts- und Finanzwelt bestehen und auf Augenhöhe mit den Mächtigen dieser Welt heikle Verhandlungen führen. Die abtretende Amtsinhaberin Eveline Widmer-Schlumpf spricht ein hölzernes Englisch mit helvetischem Akzent, davon zeugt die Aufnahme eines (abgelesenen) Referats am St. Gallen Symposium im Jahr 2011.

Politische Führungsqualität: Eveline Widmer-Schlumpf referiert auf Englisch über dieses Thema. (Quelle: Youtube/StGallenSymposium)

Doch dem Vernehmen nach führte sie selbst diffizile Auseinandersetzungen auf Englisch, etwa im Mai 2014, als sie mit dem amerikanischen Justizminister Eric Holder über den Steuerstreit mit den USA verhandelte. Auf Anfrage beim Finanzdepartement (EFD) will man zwar kein «sprachliches Anforderungsprofil» eines künftigen Bundesrats formulieren. Trotzdem weist Widmer-Schlumpfs Sprecher darauf hin, dass sich der EFD-Vorsteher regelmässig in einem englischsprachigen Umfeld bewegt: «Der Finanzminister ist zweimal pro Jahr beim IWF-Treffen, und auch sonst tauscht er oder sie sich regelmässig mit Finanzministern anderer Länder aus.» Ausserdem wird die Schweiz nächstes Jahr wieder bei den Treffen der Finanzminister und Notenbankgouverneure im Rahmen der G-20 mit dabei sein. «Eveline Widmer-Schlumpf hat bei diesen Gelegenheiten stets Englisch gesprochen», sagt ihr Sprecher.

Hämische Kommentare nach Maurers Fifa-Rede

Selbstverständlich ist derzeit noch unklar, welches Departement der neue Bundesrat übernehmen wird. So wird etwa darüber spekuliert, dass VBS-Chef Ueli Maurer (SVP) ins Finanzdepartement wechseln möchte und die Armee dem neuen Kollegen übergibt. Das VBS wollte sich auf Anfrage des TA nicht dazu äussern, bei welchen Gelegenheiten der Departementsvorsteher auf englischsprachige Gesprächspartner trifft. Für Ueli Maurer (SVP) war dies etwa bei der geplanten Beschaffung der Gripen-Jets der Fall. Die Unterlagen waren in Englisch verfasst, die Verhandlungen wurden auf Englisch geführt.

Mehrsprachige Anrede: Ueli Maurer begrüsst die Teilnehmer des WEF 2013. (Quelle: SRF)

Wie souverän Maurer in solchen Situationen agiert, war nicht in Erfahrung zu bringen. 2013 hielt er seine Eröffnungsrede am WEF in Englisch – oder besser gesagt: Er las sie vor. Sein Blick haftete auf der Textvorlage, kein Satz war frei gesprochen, Akzent und Melodik liessen nicht auf ein intensives Sprachtraining schliessen. Bei anderen Gelegenheiten zog es Maurer vor, sich simultanübersetzen zu lassen. Als er im Mai dieses Jahres am 65. Fifa-Kongress erneut eine englische Ansprache hielt, hagelte es anschliessend hämische Kommentare. Widmer-Schlumpf und Maurer wurden in Bezug auf ihre Englischkenntnisse einst als «Sorgenkinder» («Berner Zeitung») bezeichnet, ernsthafte Probleme bereite ihnen dieses Manko allerdings nicht.

«Unabdingbar»

Bundesratssprecher André Simonazzi lässt ausrichten, es liege am Parlament, zu entscheiden, welche Qualifikationen ein Kandidat für das Amt des Bundesrats erfüllen muss. Ein Mitglied des Parlaments, das gestern alle drei Kandidaten abgeklopft hat, ist Tiana Angelina Moser, die Fraktionschefin der Grünliberalen Partei. Sie sagt: «In der heutigen Zeit ist es unabdingbar, dass sich ein Bundesrat auf Englisch verständigen kann.» Dies gelte für alle Departemente. Mangelnde Kenntnisse seien zwar kein Ausschlusskriterium, doch sie müssten nach «einer Wahl rasch verbessert werden».

CVP-Nationalrat Gerhard Pfister sagt: «Um überhaupt Bundesrat zu werden, muss man die Landessprachen können. Um dann ein guter Bundesrat zu werden, muss man Englisch können.» Vor allem im EFD und EJPD hält er Englischkenntnisse für hilfreich, da dort globale Themen wie Finanzmarktregulierungen und Migration verhandelt würden.

Die Sprachkompetenz von Bundesräten sei auch eine Generationenfrage, sagt Pfister. Bundespolitiker unter 40 sprächen im Allgemeinen sehr gut Englisch. Dafür werde es eher seltener, dass sie eine oder gar zwei zusätzliche Landessprachen auf sehr gutem Niveau beherrschten. Das sei bedauerlich, sagt Pfister, denn Englisch könne man sich aneignen, wenn es nötig werde. «Aber eine weitere Landessprache zu erwerben, wenn man einmal Bundesrat ist, dazu fehlen Zeit und Motivation.»

Erstellt: 02.12.2015, 16:36 Uhr

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