Wie links ist die dritte Ausländer-Generation?

Bald stimmen wir über die erleichterte Einbürgerung von Angehörigen der dritten Generation ab. Eine Studie zeigt, wo sie politisch stehen.

Einbürgerungsfeier: Die dritte Ausländergeneration steht «etwas weiter rechts» als die erste und zweite Generation.

Einbürgerungsfeier: Die dritte Ausländergeneration steht «etwas weiter rechts» als die erste und zweite Generation. Bild: Walter Bieri/Keystone

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Es gibt heute nur noch wenige Dinge, die Politologen nicht genau vermessen haben. Dass Städter anders stimmen als Landschäftler, dass sich die Jungen unterscheiden von den Alten: wissen wir alles längst. Und doch bleibt eine Bevölkerungsgruppe, deren Stimmverhalten eine grosse Unbekannte ist: Es sind die Eingebürgerten, die Kinder und Grosskinder von Einwanderern – die Schweizer mit Migrationshintergrund, wie es auf Wissenschaftsdeutsch heisst.

Diese Gruppe rückt nun in den Fokus, wenn wir am 12. Februar über die erleichterte Einbürgerung von Ausländern der dritten Generation abstimmen. Denn mit der Einbürgerung erhalten diese Leute bekanntlich das Recht, abstimmen und wählen zu gehen – ein Albtraum für manche Politiker im rechten Lager. «Die Linke erhofft sich von den vielen Eingebürgerten viele linke Stimmen», schrieb der frühere SVP-Nationalrat Christoph Mörgeli kürzlich in der «Weltwoche».

Aber stimmt denn das auch? Wenig spricht dafür. Eine erste wissenschaftliche Annäherung dazu hat nun Oliver Strijbis vorgelegt. Der Schweizer ist Professor für Politikwissenschaft an der Universität Carlos III in Madrid. Seine Auswertung, die er auf dem Politologen-Blog «50plus1» veröffentlicht hat, zeigt: Die Angehörigen der dritten Generation vertreten die gleichen politischen Einstellungen wie Schweizer ohne ausländische Grosseltern.

Die meisten wählen Mitte-rechts

Als Grundlage dient Strijbis ein Zusatzmodul zur Mosaich-2015-Umfrage, einer Erhebung des Schweizerischen Nationalfonds, an der knapp 1000 Personen teilgenommen haben. Davon waren 719 Personen Schweizer Bürger, und von ihnen hatten wiederum 114 Personen einen Migrationshintergrund der dritten Generation. Das heisst: Sie haben mindestens einen Grosselternteil, der im Ausland geboren ist. Aussagen über absolute Zahlen sind aufgrund der kleinen Strichproben wenig sinnvoll, wie Strijbis selber schreibt – einige grundsätzliche Aussagen lassen sich aber durchaus machen.

Dazu gehört die politische Selbsteinschätzung der Befragten auf einer Skala von ganz links bis ganz rechts, die in der Umfrage erhoben wurde. «Es zeigt sich, dass sich die dritte Generation im Durchschnitt fast identisch positioniert wie die Personen ohne Migrationshintergrund und damit etwas weiter rechts als die zweite und die erste Generation», sagt Strijbis. Das Muster wiederholt sich, wenn die Teilnehmer nach ihrem Wahlverhalten bei den Nationalratswahlen 2011 gefragt werden. Die Mehrheit der dritten Generation entschied sich dort für Parteien, die Strijbis dem Mitte-rechts-Lager zurechnet, also FDP, CVP, GLP oder BDP – und damit gleich wie die Schweizer ohne Migrationshintergrund. Die Anteile jener, die hingegen links (SP, Grüne) oder rechts (SVP, EDU, Lega) wählten, waren dabei in beiden Gruppen ähnlich gross.

Wie beim Frauenstimmrecht

Interessant ist all dies auch, weil die Eltern und Grosseltern der dritten Generation politisch durchaus anders ticken als Schweizer, die keinen Migrationshintergrund haben. In einer früheren Studie kam Strijbis zum Schluss, dass diese Gruppe vermehrt links wählt. Nicht so sehr wie in anderen Ländern zwar, wo dieser Effekt viel stärker ist – aber halt eben doch. Offenbar gleichen sich jedoch die «neuen» Schweizer in ihrem Stimmverhalten an, je länger sie hier leben.

Manche fühlen sich bei der Debatte um eingebürgerte Ausländer denn auch ans Frauenstimmrecht erinnert. Gegen dessen Einführung wehrten sich viele Gegner mit dem Argument einer «Wyber­herrschaft», die ausbreche, wenn auch die Frauen mitstimmten. Eingetroffen ist sie bis heute nicht.

Erstellt: 07.12.2016, 08:23 Uhr

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