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Wie radikal ist die Schweizer Jugend?

Eine Studie untersucht erstmals die Verbreitung politisch extremer Positionen und Verhaltensweisen unter Schülern – und kommt zu einem überraschenden Schluss.

Gewaltbereite Szene: Rund 1000 Rechtsextreme hatten 2005 während einer Störaktion den damaligen Bundespräsidenten Samuel Schmid bei seiner 1.-August-Rede ausgebuht.
Gewaltbereite Szene: Rund 1000 Rechtsextreme hatten 2005 während einer Störaktion den damaligen Bundespräsidenten Samuel Schmid bei seiner 1.-August-Rede ausgebuht.
Sigi Tischler, Keystone

Sommer 2015 im Zürcher Stadtteil Wiedikon: Ein orthodoxer Jude wird von einem 20-köpfigen Neonazi-Mob verfolgt, bespuckt und bedroht. Herbst 2016 im freiburgischen Giffers: Linksautonome Aktivisten schrauben auf mehreren Stockwerken die Wasserhähne auf und überschwemmen das geplante Bundesasylzentrum «Guglera».

Sommer 2001 bis Sommer 2017: Rund 90 Personen reisen gemäss dem Nachrichtendienst des Bundes (NDB) aus der Schweiz aus, um in den Jihad zu ziehen. Wie Recherchen von Redaktion Tamedia aufdeckten, waren mindestens zwölf davon zum Zeitpunkt ihrer Abreise unter 20 Jahren.

Junger Nachwuchs: Das Durchschnittsalter der Schweizer IS-Kämpfer beträgt 26,2 Jahre. Grafik: Michael Rüegg / Redaktion Tamedia
Junger Nachwuchs: Das Durchschnittsalter der Schweizer IS-Kämpfer beträgt 26,2 Jahre. Grafik: Michael Rüegg / Redaktion Tamedia

Forschungsergebnisse aus der Entwicklungspsychologie zeigen, dass sich politisch extreme Positionen oft schon während der Jugend formen. Wie verbreitet diese Positionen unter Schweizer Jugendlichen allerdings sind und welche Faktoren deren Entstehung begünstigen, darüber weiss die Forschung bislang ziemlich wenig zu berichten.

Eine neue Studie der ZHAW soll dieser Wissenslücke nun Abhilfe schaffen, indem anhand eines Online-Fragebogens die politischen Positionen von rund 10'000 Schülern aus den Kantonen Baselland, Genf, Freiburg, Tessin, St. Gallen, Bern, Wallis, Zürich, Luzern und Solothurn erörtert werden. Den Fokus legen die Forscher dabei auf Links-, Rechts- und islamischen Extremismus.

Auf den Spuren der Gewalt

«Wir haben uns bei der Zusammensetzung der untersuchten Gruppe darum bemüht, die unterschiedlichen Sprach- sowie Stadt- und Landregionen der Schweiz abzudecken», erklärt der Projektleiter der Studie, Dirk Baier, auf Anfrage von Redaktion Tamedia. Neben der Extremismus-Ausprägung würden zudem noch Einflussfaktoren wie Erziehungsformen, Ausgrenzungserfahrungen oder Medienkonsum gemessen. Dadurch erhoffen sich die Verfasser der Studie, Rückschlüsse auf die Entstehung extremer Positionen zu erhalten.

«Wir wollen mit unseren Studienergebnissen dazu beitragen, dass die Gewaltbereitschaft in der Gesellschaft reduziert werden kann.»

Dirk Baier, Projektleiter der Studie

Die Forscher haben nun knapp die Hälfte aller Schüler befragt und diese Woche die ersten Zwischenergebnisse bekannt gegeben, welche auf erste Tendenzen rückschliessen lassen:

  • 7 Prozent aller bisher Befragten tendieren zu einer linksextremen Orientierung.
  • 4 Prozent aller bisher Befragten tendieren zu einer rechtsextremen Orientierung.
  • 1 Prozent aller bisher Befragten tendiert zu einem radikalen Islam.
  • 4,5 Prozent aller muslimischen bisher Befragten tendieren zu einem radikalen Islam.

«Generell zeichnet sich ab, dass nur ein sehr kleiner Teil der befragten Personen extremistische Positionen aufweist», bilanziert Baier. Das läge nicht zuletzt auch daran, dass der Extremismus-Begriff in der Studie relativ eng definiert wurde. So genügt eine ausländerfeindliche Einstellung alleine noch nicht, um als rechtsextrem eingestuft zu werden. Nur wer zusätzlich auch die Gewalt gegenüber dem politischen Gegner befürwortet, wird in der Extremismus-Kategorie erfasst.

Hoher Anteil linksextremer Orientierungen

Mit sieben Prozent auffallend hoch ausgefallen ist der Anteil linksextremer Positionen. Insbesondere im Vergleich mit dem Anteil radikalislamischer Positionen von gerade mal einem Prozent. «Hier zeigt sich, dass die Realität nicht immer mit dem Bild übereinstimmt, das von den Medien kommuniziert wird», kommentiert Baier den Unterschied. Während Linksextremismus nur punktuell im Zusammenhang mit Hausbesetzungen und Anti-Globalisierungs-Demos wie etwa anlässlich des G-20-Gipfels öffentlich debattiert würde, so stelle der islamische Extremismus ein medialer Dauerbrenner dar, der nicht selten sogar als Anlass diene, Präventionsmassnahmen umzugestalten.

Dabei seien in der Schweiz radikalislamische Positionen im Vergleich zum Ausland viel weniger weit verbreitet. «Bei uns sind muslimische Jugendliche gut integriert», begründet Baiers Kollege Manzoni gegenüber der Aargauer Zeitung den Unterschied zu anderen Ländern. Dazu trage das Bildungssystem bei. Dieses biete den Jugendlichen gute Chancen, in der Gesellschaft Fuss zu fassen.

Heiligt der Zweck die Mittel? Demonstranten plündern einen Supermarkt im Hamburger Schanzenviertel. Bild: Thomas Lohnes / Getty Images
Heiligt der Zweck die Mittel? Demonstranten plündern einen Supermarkt im Hamburger Schanzenviertel. Bild: Thomas Lohnes / Getty Images

«Linksextremismus ist der etwas sympathischere Extremismus, weil er hehre Ziele verfolgt, die Gesellschaft verbessern will», antwortet Baier auf die Frage, wie er sich den Unterschied zwischen der Verbreitung linksextremer und radikalislamischer Positionen erklärt. Dass auch der Linksextremismus auf Gewalt zurückgreift, werde dabei oftmals einfach ausgeblendet, so der Forscher.

Abschliessende Resultate in neun Monaten

Baier rechnet damit, die Erhebung aller Fragebögen bis in neun Monaten abzuschliessen. «Dann können wir mit der Analyse der Einflussfaktoren beginnen», so Baier. Die Forscher gehen davon aus, dass Erziehungsformen, Ausgrenzungserfahrungen oder auch der Medienkonsum wichtige Antworten auf die Frage liefern, wie und weshalb sich Jugendliche genau radikalisieren. Und damit im besten Fall auch einen Ansatz für künftige Präventionsarbeit.

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