Für die Mehrheit der Schweizer ist das Kondom ein Lusttöter

Die neue «LoveLife»-Kampagne fokussiert auf das Kondom. In 30 Jahren haben sich die Botschaft und die Bildsprache stark verändert.

Die neue Präventionskampagne soll die Freude am Sex mit dem selbstverständlichen Gebrauch des Kondoms fördern: Eins der Sujets von der 2019 Edition. Foto: PD

Die neue Präventionskampagne soll die Freude am Sex mit dem selbstverständlichen Gebrauch des Kondoms fördern: Eins der Sujets von der 2019 Edition. Foto: PD

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Zwei Hände, die ein Kondom aufreissen – dieses Bild wird ab heute auf den Bildschirmen der Schweiz flimmern und von den Werbeplakaten grüssen. «Auf gehts» heisst der Slogan der neuen Präventionskampagne des Bundesamts für Gesundheit (BAG). Sie soll die Freude am Sex mit dem selbstverständlichen Gebrauch des Kondoms fördern.

Weg von «Stop Aids»

Seit 1987 läuft die nationale Kampagne gegen HIV und andere Geschlechtskrankheiten. Am Anfang stand das Schreckgespenst Aids im Vordergrund. Das hat sich verändert. Aus «Stop Aids» wurde «Love Life». HIV hat an Aktualität und Bedrohlichkeit verloren. Im vergangenen Jahr gab es in der Schweiz laut Zahlen der Aids-Hilfe noch 425 neue HIV-Diagnosen – ein historisches Tief.

Das neue Präventionsziel ist sicherer Sex. Das BAG sagt, dass die HIV-Prävention nur dann anhalte, wenn die sexuell aktive Bevölkerung regelmässig für Safer Sex sensibilisiert werde. Mal waren Geschlechtskrankheiten im Mittelpunkt der Kampagnen, mal die Freude am Sex. «Eine offene und positive Tonalität begünstigt die HIV-Prävention», antwortete der Bundesrat auf eine Interpellation. Abschreckung könne zu einer Diskriminierung der Betroffenen führen.

Klagen bis vor Bundesgericht

Stark umstritten war die Präventionskampagne im Jahr 2014. Hetero- und homosexuelle Paare, die in echt zusammen sind, zeigten sich sehr freizügig auf den Plakaten. SVP-Nationalrat Erich von Siebenthal forderte, die Verbreitung der «pornografischen» Videos und Fotos zu stoppen. Eine Gruppe von Klägern ging gegen die Sujets bis vor Bundesgericht.

Der Bundesrat befand, dass die Darstellungen Selbstbestimmung und Verantwortung vermittelten. Das Bundesgericht urteilte, dass Kinder und Jugendliche durch die Kampagne nicht stärkeren sexualisierten Einflüssen ausgesetzt werden, als sie es ohnehin schon sind. Roger Staub vom Bundesamt für Gesundheit sagte damals zur NZZ: «Wenn man immer die gleiche Botschaft erzählt, muss die Verpackung variieren.» Für zwei Millionen Franken Budget wolle man natürlich Aufmerksamkeit generieren.

Im Vergleich zur Kampagne von 2014 sind die Sujets der vergangenen Jahre dennoch softer geworden: Ein Plakat der Skandalkampagne von 2014. Foto: PD

Das BAG schreibt, es müsse der Kampagne gelingen, für ein vermeintlich bekanntes Thema zu sensibilisieren und sich in einem zunehmend sexualisierten Werbeumfeld geschickt zu positionieren. Mit positiven Provokationen schaffe die Kampagne Emotionalität. Im Vergleich zur Kampagne von 2014 sind die Sujets der vergangenen Jahre dennoch softer geworden. Dieses Jahr sind sie geradezu brav.

Viele brauchen es, viele sind inkonsequent

Vier von fünf Schweizerinnen und Schweizer haben bereits einmal ein Kondom verwendet. Rund die Hälfte der Befragten benützt es bei neuen oder gelegentlichen Sexualkontakten immer. Das zeigt eine Studie, die das BAG in Auftrag gegeben hat. Die Forschungsstelle Sotomo hat dafür 1019 Personen zwischen 16 und 60 Jahren in einer Onlineumfrage befragt.

Die Love Life Kampagne von 2016 zum Thema Partnerwechsel, aufgenommen am Zürcher Central. Foto: Keystone

Beim Sex mit Kondom kommt den Schweizern zuerst der Schutz vor HIV und anderen sexuell übertragbaren Krankheiten in den Sinn. 52 Prozent der Befragten sagen aber auch, dass ein Kondom die Lust einschränke, besonders Männer zwischen 23 und 40 Jahren. Das Kondom als Lusttöter ist auch ein wichtiger Faktor dafür, dass ein Teil der Befragten das Kondom nicht konsequent verwendet.

Einfacher in der Handhabung als das Kondom empfinden Schweizerinnen und Schweizer die Antibabypille. Sie schützt im Vergleich zum Kondom aber nicht vor sexuell übertragbaren Krankheiten.

Beim Sex mit Kondom kommt den Schweizern zuerst der Schutz vor HIV und anderen sexuell übertragbaren Krankheiten in den Sinn.: Sujet der neuen Kampagne. Foto: PD

Erstellt: 04.11.2019, 10:36 Uhr

Artikel zum Thema

«Love Life»-Kampagne kommt vor Bundesgericht

Die 35 Kinder und Jugendlichen, die sich gegen die «Love Life»-Kampagne des Bundes gewehrt hatten, geben nicht auf. Mehr...

Plötzlich HIV-positiv

Er hat sich bei der Aids-Prävention engagiert. Nun hat sich der Basler Kolumnist -minu selber mit HIV angesteckt. Mehr...

Wen wir in Werbungen sehen – und wen nicht

In Grossbritannien modelt eine junge Frau mit Downsyndrom für Make-up. Schweizer Werbefachleute sind skeptisch. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Kommentare

Paid Post

Verstehen Sie Ihre Arztrechnungen?

Sie wollen wissen, was genau auf Ihrer Arztrechnung steht? Kein Problem – lassen Sie es sich einfach im Kundenportal des Gesundheitsversicherers Atupri übersetzen.

Die Welt in Bildern

Fast wie auf der Titanic: Ein Liebespaar betrachtet die untergehende Sonne im untergehenden Venedig (17. November 2019).
(Bild: Luca Bruno) Mehr...