Wie sicher ist Beznau I?

Das Atomkraftwerk weist im Reaktordruckbehälter Schwachstellen auf. Bei anderen Schweizer Meilern ist dieses Herzstück der Anlage nicht vollständig oder seit über 30 Jahren nicht mehr geprüft worden.

Die Betreiberin Axpo hält die Sicherheit für gegeben: Reaktorgebäude des Atomkraftwerks Beznau. Foto: Arnd Wiegmann (Reuters)

Die Betreiberin Axpo hält die Sicherheit für gegeben: Reaktorgebäude des Atomkraftwerks Beznau. Foto: Arnd Wiegmann (Reuters)

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Beznau I ist mit 46 Jahren das älteste Atomkraftwerk der Welt. Nun hat eine ­Ultraschallkontrolle «an einigen Stellen» «Unregelmässigkeiten» im Grundmaterial des Reaktordruckbehälters, den Stahlwänden also, zutage gefördert, wie die Beznau-Betreiberin Axpo vorgestern mitteilte. Dieser Behälter, rund 10 Meter hoch und 3,5 Meter breit, ist das Herzstück des Reaktors. Hier lagern die hoch radioaktiven Brennelemente, hier läuft die nukleare Kettenreaktion ab. Leckt der Behälter, droht radioaktive Strahlung in die Umgebung zu entweichen. Die Umweltorganisation Greenpeace spricht deshalb von einem besorgniserregenden Fund. «Es ist das erste Mal, dass hierzulande in den Stahlwänden Schwachstellen entdeckt worden sind», sagt Greenpeace-Experte Florian Kasser.

Die Axpo hingegen sieht keinen Grund zur Beunruhigung: Es handle sich nicht um Risse, sondern eventuell um Luft­einschlüsse, Materialveränderungen oder Verunreinigungen. Die Sicherheit der Anlage hält der Energiekonzern für gewährleistet. Die Schwachstellen seien wohl bei der Herstellung des Druckbehälters in den 60er-Jahren entstanden, mit dem Alter der Anlage hätten sie nichts zu tun, so die Axpo. Erst mo­dernste Ultraschallmessungen hätten es ermöglicht, sie zu orten.

Die Axpo analysiert nun ihren Fund auf Geheiss der Atomaufsichtsbehörde des Bundes (Ensi). Der Meiler dürfe erst wieder ans Netz, wenn die Sicherheit nachgewiesen sei, stellt das Ensi klar. Beznau I befindet sich in der Jahresrevision und ist somit ohnehin ausser Betrieb. Mit der Wiederaufnahme rechnet die Axpo Ende Oktober. Sie kündigt an, die Anlage nicht wieder hochzufahren, sollten sich wider Erwarten Zweifel an einem sicheren Betrieb ergeben. Nicht infrage kommt für den Stromkonzern der Bau eines Ersatzmeilers: Man plane die Zukunft ohne Ersatz-Kernkraftwerke.

Kaum Weltpremiere in Beznau

Offen lässt die Axpo die Frage, ob sie den Druckbehälter gegebenenfalls austauschen würde. Dies wäre eine Weltpremiere – und zudem sehr teuer, weil es sich um ein Kernstück der Anlage handelt. Dieselben Messungen wie bei Beznau I sind bei Beznau II geplant – ab Mitte August. Greenpeace indes fordert, Beznau II sei sicherheitshalber sofort abzuschalten. Doch die Axpo winkt ab.

Der Fund in Beznau I wirft die Frage auf, wie es in den anderen Schweizer AKW um die Qualität der Reaktordruckbehälter steht. Aufschlussreich ist ein Blick nach Belgien. Dort, in den AKW Doel 3 und Tihange 2, entdeckten Experten im Sommer 2012 zahlreiche Materialfehler. Daraufhin entschied die belgische Atomaufsichtsbehörde letztes Jahr, die Meiler seien abzuschalten. Als Reaktion darauf empfahl einige Monate später die Wenra, das Netzwerk der europäischen Atomaufsichtsbehörden, eine Überprüfung aller Atommeiler in Europa.

Das Ensi forderte in der Folge die Betreiber der AKW Beznau und Gösgen auf, das Grundmaterial der Reaktordruckbehälter zu prüfen. Geschehen sollte dies im Rahmen der periodisch stattfindenden Wiederholungsprüfung. Aufs Tempo drückte das Ensi also nicht – weil es keine Hinweise sah, «die eine sofortige Überprüfung gerechtfertigt hätten». Die Testresultate liegen denn auch erst seit knapp zwei Wochen vor. Das Ensi resümiert, die Prüfungen hätten den «guten Zustand» des Druckbehälters im AKW Gösgen bestätigt. Auf Anfrage erklären die Betreiber, es handle sich um erweiterte Stichproben, die 30 Prozent des Druckbehälters umfasst hätten und somit repräsentativ seien.

Im AKW Mühleberg erfolgte die Überprüfung bereits im Sommer 2012. Laut Ensi sind dabei keine Unregelmässigkeiten aufgetaucht. Allerdings untersuchten die Experten auch hier bloss ein «repräsentatives Prüfvolumen». «Wenn herstellungsbedingte Fehler auftreten, dann treten diese grossflächig auf», wendet jedoch Tobias Fässler ein, Sprecher der BKW, welche Mühleberg betreibt. «Sie hätten demzufolge im untersuchten Ausschnitt auftreten müssen.» Dies betonen auch die Gösgen-Betreiber.

«Trügerische Resultate»

Greenpeace-Experte Kasser indes zweifelt diese Schlussfolgerung an: Der Fall Beznau zeige, dass Schwachstellen nur an einigen Stellen auftreten könnten. «Bloss Teile des Druckbehälters zu überprüfen, ist nicht repräsentativ und bringt trügerische Resultate.» Dies gilt laut Kasser selbst für Beznau I. Denn vollständig untersucht wurden laut Ensi nur jene Ringe im Druckbehälter, «die am stärksten beansprucht werden», sowie die restlichen Teile – «soweit zugänglich».

Anders liegt der Fall beim AKW Leibstadt. Laut den Betreibern ist das Grundmaterial des Reaktordruckbehälters bislang einmal vollumfänglich geprüft worden: bei der Herstellung. Seit der Inbetriebnahme 1984 indes nicht mehr. Greenpeace kritisiert dies und verlangt nun in allen fünf AKW eine lückenlose Überprüfung der Stahlwände in den Druckbehältern. Das Ensi weist diese Forderung jedoch zurück.

Erstellt: 17.07.2015, 21:43 Uhr

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