Wie Sie weiterhin Geld aus Ihrer Pensionskasse bekommen

Der Bundesrat will den Kapitalbezug einschränken, aber nicht überall. Was gilt es künftig zu beachten? Wir beantworten die wichtigsten Fragen.

Kapitalbezug fürs Auswandern ist immer noch möglich: Menschen auf der thailändischen Insel Ko Phi Phi (Archiv).

Kapitalbezug fürs Auswandern ist immer noch möglich: Menschen auf der thailändischen Insel Ko Phi Phi (Archiv). Bild: EPA/Keystone

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Der SP-Bundesrat sorgt aktuell mit Schlagzeilen wie «Berset will Kapitalbezug einschränken» für viel Aufregung landesweit. Er möchte verhindern, dass Rentner ihr Vermögen aus der zweiten Säule zweckentfremden und danach Unterstützung brauchen. Das Problem ist die Finanzierung der Ergänzungsleistungen (EL), die IV- und AHV-Rentnern mit einer ungenügenden Vorsorge unter die Arme greifen. Zwischen 1998 und 2014 stiegen die Ausgaben dafür von 2 auf 4,7 Milliarden Franken. Bis 2030 rechnet Berset mit einer Zunahme auf 6,6 Milliarden.

Da viele Leser nun verunsichert sind, ob und wie sie sich künftig Alterskapital aus der beruflichen Vorsorge (BVG) auszahlen lassen können, erkundigte sich der TA bei zwei Pensionskassenexperten. Es wird weiterhin zwei Möglichkeiten geben, Vorsorgegelder aus der zweiten Säule als Kapital zu beziehen. Nämlich: Auswandern und Wohneigentum zur Selbstnutzung. Kapitalbezug bei der Pensionierung sowie für die Gründung einer eigenen Firma sollen hingegen stark eingeschränkt oder gar verunmöglicht werden.

Für Immobilien darf das Geld aus der Pensionskasse weiter eingesetzt werden – wenn es keine Ferienwohnung ist (Wohnungen in Benglen). Foto: Keystone

Kapitalvorbezug beim Auswandern und Wohneigentum: keine Änderungen vorgesehen. Bei der Auswanderung gilt auch künftig die bisherige Regel. Innerhalb der EU und der Efta-Länder – also im Prinzip im gesamten Europa – kann man sich nur den überobligatorischen Teil seines Pensionskassenkapitals auszahlen lassen. Hier haben Gutverdiener einen Vorteil: Der BVG-Lohn ist zwischen 21'150 und 84'600 Franken versichert, wer deutlich mehr verdient, kann entsprechend viel Geld im überobligatorischen Teil anhäufen.

Den Rest muss der Auswanderer auf einem Freizügigkeitskonto parkieren. Hier ist wichtig zu wissen, dass einmal in eine Freizügigkeitseinrichtung eingezahlte Vorsorgegelder bei seiner Pensionierung nur als Kapital bezogen werden können. In dieser Beziehung hat Berset aber keine Änderungen vorgesehen.

Es gibt aber weiterhin einen Trick: Beim Kauf von Wohneigentum im Ausland zur Selbstnutzung darf wie in der Schweiz auch auf den obligatorischen BVG-Teil zurückgegriffen werden. «Für selbst bewohnte Immobilien kann jemand, der beispielsweise nach Deutschland zieht, das gesamte Pensionskassenkapital beziehen», sagt Stefan Thurnherr, Versicherungsexperte und Mitglied der Gruppengeschäftsleitung vom VZ Vermögenszentrum. Einzige Einschränkung: Ab 50 kann man entweder das Kapital beziehen, das bis zum Alter von 50 Jahren in der Pensionskasse angehäuft wurde, oder die Hälfte des aktuellen Gesamtkapitals – bezugsberechtigt ist der höhere Betrag. Dies gilt analog zur Schweiz. Thurnherr: «Was natürlich nicht geht, ist der Kauf einer Ferienwohnung.»

Ob Brasilien, Kanada oder Thailand – wer in ein Land ausserhalb der EU auswandert, darf heute die gesamten Pensionskassengelder frühzeitig beziehen. Hier ist ebenfalls keine Änderung vorgesehen. «Allerdings verlangen die Pensionskassen Nachweise, dass die Auswanderung auch tatsächlich erfolgt ist: also eine Abmeldebestätigung der Wohnortgemeinde, Aufenthaltsbewilligung, Mietvertrag oder beispielsweise die Stromrechnung», sagt Josef Zopp, Verfasser zahlreicher PK-Studien und Partner bei der Finanzberatungsfirma Weibel Hess & Partner AG.

Selbstständigkeit: die Änderungen. Heute ist es so: Wer für seine berufliche Selbstständigkeit Gelder aus der Pensionskasse beziehen will, muss sich dafür bei der AHV-Stelle qualifizieren und bewerben. «Man muss beweisen, dass man auf eigene Rechnung für verschiedene Arbeitgeber tätig ist, ein eigenes Büro hat und das Geschäftsrisiko trägt», sagt Stefan Thurnherr.

Danach gilt es innerhalb eines Jahres nach der Gründung eines Unternehmens die Gelder aus der Pensionskasse zu beziehen. Gemäss den bundesrätlichen Plänen würde dies künftig entweder überhaupt nicht mehr möglich sein oder nur noch zur Hälfte. Von dieser Regelung ausgeschlossen würde aber nach wie vor die Möglichkeit, sich das Kapital aus dem überobligatorischen Teil auszahlen zu lassen.

Auswandern nach Thailand? Beim dafür benötigte Vorbezug von BVG-Kapital wird es einschneidende Veränderungen geben. Foto: Reuters

Kapitalvorbezug: die Änderungen. Auch in diesem Bereich plant Bundesrat Alain Berset einschneidende Änderungen. «Wichtig ist: Wir reden nur vom obligatorischen BVG-Kapital», betont Stefan Thurnherr. Aufgegleist sind zwei Möglichkeiten: Entweder kann man BVG-Kapital nur noch als Rente beziehen oder maximal die eine Hälfte als Kapital und die andere Hälfte als Rente. Wer also unbedingt sein gesamtes Kapital in der zweiten Säule einer Rente vorzieht, kann dies weiterhin via Auswanderung, Firmengründung oder Kauf eines Hauses tun.

Aber vielleicht wird sich die ganze Aufregung als Sturm im Wasserglas herausstellen. «Das Bedürfnis, dass man sorgfältig mit den Vorsorgegeldern umgeht, ist absolut richtig», sagt Stefan Thurnherr. Beim VZ stelle man fest, dass die meisten Kunden, die Beratung suchen, dies sehr ernst nehmen würden.

Allerdings hält er die bundesrätliche Sorge für stark übertrieben: «Offenbar werden jedes Jahr etwa 40 Millionen Franken Vermögen aus der zweiten Säule verjubelt, sodass später Ergänzungsleistungen gesprochen werden müssen.» Bezogen auf die 5,9 Milliarden Franken jährliche Auszahlung aus der beruflichen Vorsorge sei dies aber ein verschwindend kleiner Anteil. «Folglich ist es merkwürdig, dass nun das BVG im Vordergrund steht», sagt Thurnherr. Denn eigentlich gehe es in erster Linie um die Finanzierung der Ergänzungsleistungen. Deshalb glaubt Thurnherr, dass Bersets Pläne es in der politischen Diskussion schwer haben werden.

Erstellt: 26.11.2015, 20:48 Uhr

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